„Verhältnismäßigkeit stimmt überhaupt nicht“

„Armutszeugnis“: Kinderarzt rechnet in Brief an Regierung mit Maskenpflicht ab

  • Julian Baumann
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Das Coronavirus in Baden-Württemberg verbreitet sich wieder deutlich schneller. Seit Montag gilt an Schulen auch im Unterricht Maskenpflicht - ein Kinderarzt rechnet in einem Brief an die Regierung mit dem Vorgehen ab.

Stuttgart - Das Coronavirus in Baden-Württemberg verbreitet sich inzwischen wieder mit alarmierender Geschwindigkeit. Die Landesregierung rief die höchste Pandemie-Stufe aus, was auch eine Verschärfung der Maßnahmen zur Folge hatte. Seit April gilt die Maskenpflicht bereits in öffentlichen Verkehrsmitteln und beim Einkaufen. Am Montag wurde diese Verordnung auf die Innenstädte und viel besuchte Bereiche im Land ausgeweitet.

Eine Maßnahme, die besonders kritisch gesehen wird: Schüler ab der Klassenstufe fünf müssen nun auch im Unterricht Mund-Nase-Bedeckung tragen. Ein Kinderarzt aus Schorndorf (Rems-Murr-Kreis) bei Stuttgart kritisierte das Vorgehen der Landesregierung und schrieb einen Brief an Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU).

Durch die wieder steigende Ausbreitung des Coronavirus in Baden-Württemberg wurde die Landeshauptstadt Stuttgart zum Risikogebiet erklärt. Das hat auch weitreichende Folgen für die Schüler in der Schwaben-Metropole. Bislang galt die Maskenpflicht auf den Gängen und den Gemeinschaftsräumen der Bildungseinrichtungen, nun müssen die Schüler jedoch nahezu den ganzen Tag eine Mund-Nase-Bedeckung tragen.

Coronavirus in Baden-Württemberg: Kinderarzt aus Schorndorf rechnet mit der Maskenpflicht ab

Das Coronavirus in Baden-Württemberg hat das Leben in den vergangenen Monaten deutlich verändert. Nicht alle Teile der Bevölkerung halten die Maßnahmen zum Infektionsschutz für notwendig, wie die Corona-Demonstrationen noch immer beweisen. Die Kinderarztpraxis in Schorndorf bei Stuttgart hält viele Verordnungen zwar für sinnvoll, kritisiert jedoch die Maskenpflicht an Schulen. Nach einem Gespräch mit einem Rektor eines Gymnasiums in Stuttgart schrieb Ralf Brügel einen Brief an die Kultusministerin von Baden-Württemberg, den die Praxis auch über ihre Facebook-Seite veröffentlichte.

In dem Brief an Susanne Eisenmann stellt Brügel zunächst klar, dass er die Gefahr durch das Coronavirus in Baden-Württemberg in keinster Weise verleugnen oder verharmlosen möchte. Er selbst sei seit 15 Jahren Kinder- und Jugendarzt und habe selbst zwei schulpflichtige Kinder. Er kritisiert jedoch das Vorgehen der Regierung bei der Einführung der Maskenpflicht. „[Ich] bin frustriert und geradezu sauer darüber, wie unsauber politisch bei der Einführung der Maskenpflicht an Schulen gearbeitet wurde“, schreibt Brügel.

Coronavirus in Baden-Württemberg: Schüler müssen Maske im Extremfall weit über fünf Stunden tragen

Der Kinderarzt aus Schorndorf bemängelt auch die Unverhältnismäßigkeit zwischen der Maskenpflicht in Schulen und in anderen Bereichen des Arbeitslebens. „Bei korrekter Umsetzung der aktuellen Vorschriften dürfen Schüler vom Betreten des Schulgeländes bis zum Verlassen desselben die Maske nicht abnehmen“, schreibt Brügel. „Im Extremfall sprechen wir von einem Zeitraum von weit über 5 Stunden“.

Der Kinderarzt fordert von Frau Eisenmann, ihm eine Berufsgruppe zu nennen, die unter ähnlichen Bedingungen arbeiten müsse - mit Ausnahme von Chirurgen und Lehrern. „Ich trage hier in meiner Praxis selbstverständlich eine FFP 2 Maske und selbstverständlich gehe ich alle 45-60 Minuten in unseren Sozialraum, nehme diese ab, trinke etwas und erhole mich“, schreibt der Kinderarzt.

Coronavirus in Baden-Württemberg: Kinderarzt rechnet in Brief an Regierung mit Maskenpflicht ab (Symbolbild).

Seit Beginn der Ausbreitung des Coronavirus in Baden-Württemberg gelten ältere Menschen als deutlich gefährdeter als Kinder. Dr. Brügel ist der Meinung, dass die Auflagen für die Schüler deshalb in keiner Relation zu ihrer Rolle als Überträger des Virus stehe. „Hier stimmt die Verhältnismäßigkeit überhaupt nicht und ich finde es geradezu skandalös, eine solche Verordnung in Kraft zu setzen“, schreibt der Arzt.

„In der Corona-Debatte wird ja immer wieder auf den Aspekt verwiesen, dass insbesondere die jungen Menschen rücksichtsvoll agieren müssen, um die weitaus gefährdeteren älteren Menschen zu schützen. Kindern und Jugendlichen aber zusätzlich schlechter zu behandeln als die erwachsenen Mitglieder unserer Gesellschaft ist ein politisches Armutszeugnis“.

Coronavirus in Baden-Württemberg: Kommentare geben Kinderarzt Recht - und verweisen auf weitere Probleme

Unter dem Post der Kinderarztpraxis Schorndorf auf Facebook geben viele Nutzer dem Kinderarzt recht. „Sehr gute Initiative Herr Dr. Brügel! Diese Maßnahme der Kultusministerin ist unverhältnismäßig“, bestätigt ein Nutzer. „Danke Herr Bügel für Ihren Mut. Bitte finden Sie Kollegen und Kolleginnen, die sich Ihnen anschließen. Gemeinsam ist man stärker und gewinnt mehr Aufmerksamkeit“, schreibt eine weitere Userin.

Ein Kommentar verweist auf ein anderes Problem, das durch die Verordnung zum Schutz vor dem Coronavirus in Baden-Württemberg für manche Schüler auftritt.

Die Verordnung zum Schutz vor dem Coronavirus in Baden-Württemberg sei für die Schüler auf Dauer nicht nur anstrengend, sondern könne laut einer Nutzerin auch das Lernverhalten und die Unterrichtsbeteiligung massiv einschränken. Das bestätigt auch die Kinderarztpraxis Schorndorf.

„Und die hörgeschädigten Kinder wurden auch vergessen. Kinder, die so schon schlecht hören, bekommen durch die Masken nichts mehr mit im Unterricht“, schreibt die Nutzerin. „Wir betreuen in der Praxis mehrere gehörlose Mütter mit ihren Kindern. Lippenlesen ist ein ganz wichtiger Teil der Kommunikation und mit Maske schlicht nicht möglich“, antwortete die Praxis. Ob der Brief an das Kultusministerium zum Umdenken anregt, bleibt dagegen abzuwarten.

Rubriklistenbild: © dpa/Sven Hoppe

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