Ausgangssperren und Schließungen

Forscher warnen: Politik macht bei Corona-Regeln einen fatalen Fehler

Menschen sitzen in einem Biergarten und genießen die Sonne, im Hintergrund fließt der Neckar.
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In Tübingen dürfen Biergärten öffnen - im Rest von Deutschland ist Außengastronomie jedoch verboten.
  • Sabrina Kreuzer
    vonSabrina Kreuzer
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Verbotene Treffen in Biergärten oder Parks, erneut herrschende Ausgangssperren: Diese Maßnahmen gegen das Coronavirus in Baden-Württemberg kritisieren Forscher. Sie bewirken das Gegenteil von dem, was man erreichen will.

Stuttgart - Die Stühle sind aufeinandergestapelt und mit dicken Ketten vor potenziellen Dieben geschützt, auf den Tischen bilden sich kleine Pfützen vom Regen, die Farbe blättert langsam ab. Es ist ein trauriges Bild, das sich in vielen deutschen Städten abzeichnet: Aufgrund des Coronavirus in Baden-Württemberg und deutschlandweit haben seit Monaten die Außenbereiche von Cafés oder Restaurants geschlossen, die im Frühjahr sonst so beliebten Biergärten sind leer.

Nun will der Bund das Infektionsschutzgesetz ändern und die „Notbremse“ für ganz Deutschland selbst in die Hand nehmen. Das bedeutet: Steigt die Inzidenz an drei aufeinanderfolgenden Tagen über 100 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner sollen deutschlandweit weitere Einschränkungen in Kraft treten. Diese Einschränkungen beinhalten unter anderem eine nächtliche Ausgangssperre von 21 bis 5 Uhr. Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) ist genervt von diesem Vorschlag: „Diesen Einheitswahn teile ich nicht.“

Ausgangssperre in Baden-Württemberg? Forscher sehen das kritisch

Eine solche Ausgangssperre und weitere Verbote sehen auch die Forscher der Gesellschaft für Aerosolforschung (GAeF) kritisch, jedoch aus anderen Gründen als Winfried Kretschmann. In einem offenen Brief an Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU), Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) sowie an die Ministerpräsidenten und -präsidentinnen der einzelnen Länder sprechen sie sich gegen eine Ausgangssperre und andere Verbote im Freien aus. „Die Übertragung der SARS-CoV-2 Viren findet fast ausnahmslos in Innenräumen statt. Übertragungen im Freien sind äußerst selten und führen nie zu ‚Clusterinfektionen‘, wie das in Innenräumen zu beobachten ist“, heißt es in dem Schreiben.

Falscher Eindruck über das Coronavirus: „Öffentliche Debatte bildet nicht den Erkenntnisstand ab“

„Wir mussten aber als Aerosolforscher die Erfahrung machen, dass die öffentliche Debatte immer noch nicht den wissenschaftlichen Erkenntnisstand abbildet“, schreiben die Forscher der GAeF an die Politiker. Bereits früh habe man erklärt, dass die Verbreitung des Coronavirus in Baden-Württemberg und ganz Deutschland vor allem in Innenräumen stattfinde - dafür sind die sogenannten Aerosole verantwortlich. Das sind gasgetragene Partikel in flüssiger oder fester Form - beispielsweise Speicheltröpfchen. Sie werden über das Atmen, Sprechen, Singen oder Schreien sowie durch Husten und Niesen verteilt.

Jedoch sei aufgrund immer wiederkehrender Ausgangssperren, sowie der Schließung von Außengastronomie und Innenstädten und des Verbots von Sport im Freien den Menschen in Deutschland ein falscher Eindruck vermittelt worden: „Draußen ist es gefährlich“ sei die falsche Botschaft, die die Entscheidungen der Politiker an die Deutschen senden.

Dadurch sei man quasi dazu gezwungen, private Treffen von draußen nach drinnen zu verlegen - und hier herrsche laut den Experten die größte Gefahr. „Wenn wir die Pandemie in den Griff bekommen wollen, müssen wir die Menschen sensibilisieren, dass drinnen die Gefahr lauert. In den Wohnungen, in den Büros, in den Klassenräumen, in Wohnanlagen und in Betreuungseinrichtungen müssen Maßnahmen ergriffen werden“, heißt es in dem Papier der Forscher.

Baden-Württembergische Experten stimmen zu: Ansteckungsgefahr in Innenräumen ist hoch

Bereits im Dezember vergangenen Jahres hat sich der Expertenkreis Aerosole des Landes Baden-Württemberg mit deren Verbreitung und der damit verbundenen Ansteckungsgefahr in Innenräumen beschäftigt. Der Kreis besteht aus natur- und ingenieurwissenschaftlichen Forschern, Medizinern sowie Krankenhaushygieniker und aus Vertretern des Landesgesundheitsamts Stuttgart. Lange sei nicht klar gewesen, wie Aerosole zum Infektionsgeschehen des Coronavirus in Baden-Württemberg und weltweit beitragen. Doch nach Untersuchungen sei nun klar: Superspreading Events, wie die Querdenken-Demo in Stuttgart, sowie die Tatsache, dass sich viele Menschen eher im Innenraum anstecken, sind Hinweise darauf, dass der Einfluss luftgetragener Aerosole auf das Infektionsgeschehen besonders relevant ist.

Der baden-württembergische Kreis der Aerosol-Experten rund um Sprecher und Studiendekan der-Fakultät für Chemieingenieurwesen und Verfahrenstechnik am Karlsruher Institut für Technik, Achim Dittler, stimmt im Gespräch mit BW24 den Äußerungen der Gesellschaft für Aerosolforschung zu. Die Infektionen in Innenräumen sind um einiges relevanter als in der freien Natur oder in anderen Außenbereichen. Daher ergeben Beschränkungen unter freiem Himmel wenig Sinn.

Video: Corona-Einschränkungen an der frischen Luft ergeben wenig Sinn

Weg von Corona-Verboten im Freien, hin zu Berichterstattungen über eigentliche Gefahren

Was bedeuten diese Erkenntnisse über Aerosole für den Infektionsschutz gegen das Coronavirus? Wie die GAeF in ihrem offenen Brief schreibt, sollte die Regierung möglichst den Kurs wechseln und den Menschen klarmachen, wo die Gefahren einer Infektion lauern: Nämlich überwiegend in Innenräumen. Man solle wegkommen von den Verboten im Freien und in den Berichterstattungen auf die eigentliche Gefahr hinweisen.

Möglichst wenig Menschen sollten sich außerhalb ihres Haushaltes mit anderen treffen, während das Coronavirus in Baden-Württemberg und dem Rest von Deutschland noch so stark kursiert wie es momentan der Fall ist. „Zusätzlich muss man beachten, dass in Innenräumen auch dann eine Ansteckung stattfindet, wenn man sich nicht direkt mit jemandem trifft, sich aber ein Infektiöser vorher in einem schlecht belüfteten Raum aufgehalten hat“, heißt es in dem Papier. Sollte es unvermeidlich sein, sich in einem Raum zu treffen, sollten die Zeiten möglichst kurz gestaltet werden.

Bei Treffen in Innenräumen ist es wichtig, einen häufigen Luftaustausch sicherzustellen, so die Experten aus Baden-Württemberg. „Dieser kann durch richtiges, regelmäßiges Lüften erfolgen“, heißt es vonseiten des Expertenkreises. Wann es Zeit ist, zu lüften, dabei könnten CO2-Messgeräte feststellen -in Klassenzimmern, Büros oder Pflegeheimen sei dies besonders sinnvoll. „Kippen ist nicht Lüften“, betonen die Experten aus dem Südwesten. „Stoß- und Querlüften stellen die effizientesten Arten der Fenster-Lüftung dar.“ So solle man Bedingungen wie im Freien schaffen - wenn es die Außentemperatur zulässt. Ansonsten empfehle man Lüftungsanlagen, die für einen Luftaustausch sorgen. Karlsruher Forscher haben zudem ein Gerät entwickelt, das Coronaviren in der Luft nahezu zerstört.

Geringere Ansteckungsgefahr, doch trotzdem ist Vorsicht geboten: Maßnahmen im Außenbereich

Auch, wenn im Außenbereich die Ansteckungsgefahr mit dem Coronavirus geringer ist als in Innenräumen, gibt es vom Expertenkreis Aerosole Sicherheitshinweise, um sich auch hier ausreichend zu schützen. „Die Ansteckungsgefahr durch Aerosole kann durch das Atmen sauberer, nicht mit Viren belasteter, Atemluft vermindert werden.“

Würden sich Menschen näherkommen, erhöhe sich die Wahrscheinlichkeit, die ausgestoßenen Aerosole anderer einzuatmen. Daher sei es wichtig, auch im Freien den empfohlenen Mindestabstand von eineinhalb Metern einzuhalten, dies könnte durch Wegführungen oder das Gestalten von Zonen vereinfacht werden. Sollte Abstand nicht möglich sein, müsse man auch draußen auf das Tragen geeigneter Mund-Nasen-Masken achten und die Kontakte auf ein Minimum beschränken.

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