Corona-Protest in Stuttgart

Entsetzte Neuseeländer: Corona-Demonstranten in Stuttgart missbrauchen Maori-Tanz

Screenshot eines Videos von Der Spiegel auf YouTube von einer Corona-Demo, wo der Haka aufgeführt wurde
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Screenshot Spiegel TV: Haka auf Corona-Demo.
  • Anna-Lena Schüchtle
    vonAnna-Lena Schüchtle
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Wegen des Coronavirus in Baden-Württemberg gab es zahlreiche Proteste. In Stuttgart führten Demo-Teilnehmer den traditionellen Haka-Tanz neuseeländischer Ureinwohner auf. Das stößt in deren Heimatland auf Kritik.

  • Aufgrund des Maßnahmen gegen das Coronavirus in Baden-Württemberg regte sich vielerorts Protest.
  • Auf einer Demonstration der Bewegung Querdenken 711“ führten Teilnehmer den traditionellen Haka-Tanz der Ureinwohner von Neuseeland auf.
  • Vor allem in deren Heimatland stößt das auf Kritik. Und auch in Deutschland spotten Nutzer von Social Media.

Stuttgart - Das Coronavirus in Baden-Württemberg hatte im Frühjahr viele Maßnahmen und Verbote zur Folge, die den Alltag der Bevölkerung im Südwesten stark einschränkten. Doch nicht alle Menschen waren mit den staatlichen Methoden zur Bekämpfung von Covid-19 einverstanden. Vielerorts regte sich Protest - unter anderem in Stuttgart. Die Landeshauptstadt gilt als Gründungsort und Hochburg der Bewegung „Querdenken 711“.

Deren Initiatoren mobilisierten in den vergangenen Monaten tausende Menschen, die auf regelmäßigen Demonstrationen gegen die Corona-Regeln in Baden-Württemberg protestierten. Zuletzt gerieten die Anhänger der Initiative aufgrund der Geschehnisse bei der Corona-Demo Berlin am 29. August in die Kritik. Gemeinsam mit etwa 38.000 Personen demonstrierten sie dort gegen die Corona-Politik - unter ihnen befanden sich auch Rechtsextreme und sogenannte Reichsbürger.

Coronavirus in Baden-Württemberg: Teilnehmer von Demonstration blamieren sich mit Haka-Tanz

Die selbsternannten „Querdenker“ fallen jedoch auch mit den ein oder anderen kuriosen Mitgliedern in ihren Reihen auf. So filmte ein Team von Spiegel TV bereits im Mai eine Gruppe von Teilnehmern einer Demonstration in Stuttgart, die mit kräftigem Bodenstampfen, Zungerausstrecken und lautem Brüllen ihren Protest gegen die Einschränkungen aufgrund des Coronavirus in Baden-Württemberg Kund taten. Vor allem Rugby-Fans dürfte das auffällige Gebaren der Männer und Frauen in dem Video bekannt vorkommen.

Es handelt sich dabei um den sogenannten Haka, einen rituellen Tanz, den beispielsweise die neuseeländische Rugby-Nationalmannschaft - die „All Blacks“ - vor ihren Spielen aufführt. Er stammt von den Ureinwohnern des Inselstaats im Südwestpazifik, den Maori, und wird von diesen unter anderem zur Einschüchterung von Gegnern, aber auch zur Begrüßung und Unterhaltung eingesetzt. Genau das scheinen die Demonstranten in dem Video von Spiegel TV ebenfalls versucht zu haben, um ihrem Protest gegen die Maßnahmen wegen des Coronavirus in Baden-Württemberg Ausdruck zu verleihen.

Umstrittener Querdenken-Pressesprecher tanzt mit - er ist für rassistische Theorien bekannt

Zu sehen ist in den Aufnahmen unter anderem Stephan Bergmann, Pressesprecher der Bewegung „Quederdenken 711“, die sich gegen die Einschränkungen wegen des Coronavirus in Baden-Württemberg einsetzt. Dieser fiel in seiner Vergangenheit bereits mit rassistischen Veröffentlichungen im Internet auf. Wie der Tagesspiegel dokumentierte, warnte der „Querdenker“ in diversen Posts unter anderem vor einer „Vermischung der Rassen“, was er anschließend jedoch leugnete.

Gleichzeitig stilisiert sich Stephan Bergmann als Prediger der von ihm selbst gegründeten „PeaceCrowd“ - einer obskuren Gemeinschaft: dem „Health-the-Earth-Stamm“. Dessen Mitglieder verehren in dem „Verein für indianische Lebensweisen“ die Erde als Wesen und haben sich entschieden, „den roten Weg zu gehen und von unseren indianischen Freunden [...] zu lernen, uns zu erinnern und die Weisungen der Ältesten zu respektieren“, wie es auf der Website des Vereins heißt.

So kam Stephan Bergmann vermutlich auch auf die Idee, den rituellen Tanz der Ureinwohner von Neuseeland während einer Corona-Demonstration aufzuführen. Die Aufnahmen von Spiegel TV zeigen: Während des Hakas tragen er und seine Mittänzer rote T-Shirts, auf denen die Aufschrift „Ich bin schön, heil, wild und frei“ zu lesen ist: das Motto der „PeaceCrowd“. Auf die Nachfrage, was der Haka denn bringen würde, erklärt Stephan Bergmann: „Das bringt Kraft von der Erde, die Kraft des Feuers in deinem Herzen, der Atem...“. Außerdem würde es was gegen den „Fake“ bringen, wie er die Maßnahmen gegen das Coronavirus in Baden-Württemberg nennt.

Haka-Tanz auf Corona-Demonstration: Kritik und Spott aus Neuseeland und auf Social Media

So wirkungsvoll die Aufführung seines Haka während der Corona-Demonstration nach Ansicht des „Health-the-Earth“-Stamms gewesen sein muss, so groß ist im Nachhinein jetzt die Empörung im Ursprungsland des rituellen Tanzes der Maori. Im Zuge der Ereignisse rund um die Proteste gegen die Corona-Maßnahmen in Berlin fanden die Aufnahmen von Spiegel TV nämlich ihren Weg nach Neuseeland, wo sie vor allem eines auslösten: Wut.

„Das Letzte, was wir brauchen, sind diese Clowns, die unsere Kultur für ihren unangemessenen Protest benutzen“, wird Designer Johnson Witehira, der den Haka in Stuttgart „absurd" findet, in einem Bericht des Spiegels zitiert. Ähnlich sieht es auch Karaitiana Taiuru, Berater für Maori-Kultur in Christchurch: „Es ist eine Verballhornung. Haka wurden traditionell nicht zum Vertreiben von Krankheiten oder bösen Geistern benutzt.“ Was Stephan Bergmann und Co. vermutlich ebenfalls nicht klar ist: Der von ihnen dargebotene Haka ist eigentlich urheberrechtlich geschützt.

Und auch die politische Botschaft, für die der Haka von Stephan Bergmann instrumentalisiert wird, missfällt den Menschen in Neuseeland: „Ich finde es anstößig, dass unser kulturelles Symbol benutzt wird, um für ein Anliegen zu werben, an das Neuseeland nicht glaubt“, so Karaitiana Taiuru. Der Pazifikstaat fährt einen strengen Kurs in Bezug auf die Maßnahmen gegen das Coronavirus.

Vor allem die Ureinwohner, deren rituellen Tanz Stepahn Bergmann und seine Anhänger im Video für ihre Anti-Corona-Proteste benutzen, sind von einer besonders hohen Sterberate betroffen. Das zeigt eine Studie der Universität Canterbury, wonach das Risiiko, am Coronavirus zu sterben, für Maori 50 Prozent höher ist als für Nicht-Maroi.

Genau die Mischung aus Widerlichkeit und Lächerlichkeit, die man vom deutschen Covidioten-Milieu erwartet.

Quelle: Kommentar auf Twitter vom 05. September

Auch auf Twitter bekommen die Haka-Tänzer von der Corona-Demonstration viel Kritik. „Unglaublich weird! Warum muss es ein Haka sein?“, schreibt ein Twitterer aus Neuseeland. Und auch deutsche User machen sich lustig: „Kann ihnen bitte jemand sagen, dass Neuseelands Corona-Erfolg nicht auf dem Haka beruht?“, heißt es zum Beispiel in einem Tweet. Ein anderer findet die Haka-Aktion in Stuttgart „einfach zum Fremdschämen“, wieder ein anderer entschuldigt sich sogar bei den Ureinwohnern des Pazifikstaats: „Es tut uns Deutschen wirklich sehr Leid, liebe Maoris!“

Demonstranten tanzen auf Corona-Demonstration traditionellen Tanz der neuseeländischen Maori

Ein ursprüngliches Verbot der Demonstration in Berlin war vom Verwaltungsgericht der Stadt gekippt worden. Die Ereignisse, die mit dem Aufruf zum „Sturm auf den Reichstag“ ihr trauriges Ende fanden, sorgten nicht nur in der nationalen Presse für Schlagzeilen. Die Bilder von wehenden Reichsflaggen und einem belagerten Reichstagsgebäude gingen um die Welt. Um sich von Extremen jeder Art zu distanzieren, planen die Initiatoren von Querdenken 711“ für eine nächste Großdemonstration gegen die Maßnahmen wegen das Coronavirus in Baden-Württemberg einen Ortswechsel von Berlin nach Konstanz.

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