Aus Angst vor Corona

Mediziner alarmiert: Nahezu die Hälfte aller OPs an Kindern wegen Corona verschoben - „Gefahr von Folgeschäden“

  • vonEva Kaczmarczyk
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Das Coronavirus in Baden-Württemberg hielt 2020 viele Eltern davon ab, ihre Kinder operieren zu lassen. Das kann gefährliche Folgen haben, wie eine Statistik der DAK zeigt.

Stuttgart - Das Coronavirus in Baden-Württemberg ist trotz sinkender Fallzahlen nicht einzudämmen. Das Kreisklinikum Calw musste kürzlich sogar einen Aufnahmestopp verhängen. Die Lage für Erkrankte ist weiterhin angespannt, Kinder und Jugendliche sind davon besonders betroffen. Eine erschreckende Bilanz mit Folgen für die Zukunft: Bereits im Frühjahr, als die Zahl der Infektionen erstmals rapide anstieg, wurden Operationen aus Angst vor einer Corona-Infektion verschoben. Gerade Jugendliche und Kinder benötigen aber ärztliche Versorgung - bei ihnen kann ein Aufschub gefährliche Folgen haben, wie Statistiken der Kinderkliniken in Baden-Württemberg zeigen.

Der Kinder- und Jugendreport der DAK - mit 650.000 Versicherten in Baden-Württemberg nach eigenen Angaben die drittgrößte Krankenkasse Deutschlands - beleuchtet nun die Statistiken der Kliniken während des Corona-Lockdowns in Baden-Württemberg. Besonders Behandlungen von Infektionen, Augen- und Ohrenerkrankungen sowie Atemwegserkrankungen seien häufiger abgesagt oder verschoben worden, heißt es in dem Report, der der Deutschen Presseagentur (dpa) vorliegt. Besonders stark waren die Rückgänge der OPs im vergangenen März und April. 

Coronavirus in Baden-Württemberg: 46 Prozent aller Operationen an Kindern und Jugendlichen abgesagt

Dadurch entsteht ein verheerender Teufelskreis. Wird eine Krankheit zu spät oder gar nicht behandelt, kann das eine Verschlimmerung hervorrufen. Die „Gefahr von Folgeschäden“ sei groß, so der Landeschef der DAK-Gesundheit in Baden-Württemberg, Siegfried Euerle, laut dpa. Ein Anstieg von schweren Verläufen bei chronischen Erkrankungen der Kinder werde erwartet. Im Vergleich zum Vorjahreszeitraum gab es rund 46 Prozent weniger Operationen von Kindern und Jugendlichen. Insgesamt fielen rund 38 Prozent aller Krankenhausfälle aus, was drei Prozentpunkte unter dem Bundesdurchschnitt liegt. 

Fast die Hälfte aller Operationen an Kindern und Jugendlichen wurden während des Lockdowns in Baden-Württemberg abgesagt oder verschoben.

Die hohe Zahl abgesagter Operationen an Kindern und Jugendlichen lasse sich durch die Angst der Eltern vor einer Corona-Infektion erklären, so die Studie der Universität Bielefeld, auf die sich der DAK-Report stützt. Mehr als 85.000 DAK-versicherte Kinder und Jugendliche aus Baden-Württemberg unter 17 Jahren wurden dafür untersucht. Im Fokus standen deren Krankenhausaufenthalte aus dem ersten Halbjahr 2019 und im selben Zeitraum 2020. Laut den Angaben der DAK sei die Studie repräsentativ, da der Report auf Daten von 4,7 Prozent aller Kinder und Jugendlichen des Bundeslandes basiere.

Verschobene OPs wegen Coronavirus in Baden-Württemberg - Ausbrüche verursachen Personalmangel

Laut DAK-Report normalisierte sich die Lage jedoch rund zwei Monate nach dem Lockdown im Frühjahr wieder. Die Zahlen hätten dann wieder jenen des Vorjahres entsprochen. Atemwegs- und Infektionserkrankungen seien aber auch Ende Juni noch deutlich seltener als im Vorjahr im Krankenhaus behandelt worden. Grund hierfür könnten die Kontaktbeschränkungen gewesen sein. 

Doch nicht nur die Beschränkung der Kontakte und die Angst vor einer Corona-Infektion wirken sich auf die Behandlungsstatistik der Kliniken aus. Krankenhäuser in Baden-Württemberg haben durch Corona-Ausbrüche immer wieder mit massivem Personalmangel zu kämpfen. Fehlt das entsprechende medizinische Personal, müssen Operationen verschoben werden.

Eine Sprecherin der Baden-Württembergischen Krankenhausgesellschaft warnte laut eines Berichts der dpa: „Das größte Problem für die Krankenhäuser bei einem Corona-Ausbruch ist, dass Mitarbeiterinnen oder Mitarbeiter ausfallen, wenn sie selbst erkranken oder in Quarantäne geschickt werden müssen.“ Aufgrund des fehlenden Personals müssten die Krankenhauskapazitäten reduziert werden.

Rubriklistenbild: © imago images / CHROMORANGE

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