Impfpriorisierung in Baden-Württemberg

„Das ist schäbig“: Gesundheitsminister Lucha verurteilt Impfvordrängler

Nicola Buhlinger-Göpfarth (r), Fachärztin für Allgemeinmedizin, impft in ihrer Praxis eine Patientin gegen das Coronavirus.
+
Für Geimpfte gibt es in Baden-Württemberg seit Sonntag Freiheiten und Lockerungen.
  • Julian Baumann
    vonJulian Baumann
    schließen

Manche Menschen vereinbaren einen Termin für eine Impfung gegen das Coronavirus in Baden-Württemberg, obwohl sie nicht an der Reihe sind. Gesundheitsminister Manfred Lucha verurteilt dieses Verhalten.

Stuttgart - Im Kampf gegen das Coronavirus in Baden-Württemberg liegt die Hoffnung auf einer großflächigen Impfung der Bevölkerung. Seit dem Impfstart im Dezember wurden im Südwesten bereits über 2,7 Millionen Bürger erstmals geimpft und rund 975.000 erhielten inzwischen die vollständige Impfung (Stand: 11. Mai). Zum Impfstart waren Termine für eine Schutzimpfung gegen das Coronavirus ausschließlich in den Kreisimpfzentren - beispielsweise in der Liederhalle in der Landeshauptstadt Stuttgart - möglich.

Seit Anfang April impfen jedoch auch die Hausärzte in Baden-Württemberg. Inzwischen wird die zuvor sehr strenge Impfpriorisierung der Bundesregierung auch im Südwesten nach und nach aufgeweicht und mehr Bürger erhalten eine Möglichkeit, Termine zu vereinbaren.

Das Coronavirus in Baden-Württemberg führt seit über einem Jahr zu deutlichen Einschränkungen des alltäglichen Lebens. Seit Sonntag gibt es für Geimpfte und Genesene jedoch umfassende Lockerungen und Freiheiten. Deshalb vereinbaren wohl auch einige Personen Impftermine, obwohl sie laut der Priorisierung eigentlich noch nicht impfberechtigt sind. Baden-Württembergs Gesundheitsminister Manfred Lucha (Grüne) verurteilte dieses Vorgehen schwer, wie der Südwestrundfunk (SWR) berichtet.

Impfungen in Baden-Württemberg: Lucha appelliert an Zusammenhalt der Gesellschaft

Vor dem Beginn der Impfungen gegen das Coronavirus in Baden-Württemberg waren Teile der Bevölkerung gegenüber einer Schutzimpfung skeptisch. Inzwischen verspricht eine Impfung jedoch nicht nur einen Infektionsschutz, sondern erlaubt den Geimpften auch einige Freiheiten und Lockerungen der Maßnahmen. Deshalb ist wohl auch die Impfbereitschaft deutlich gestiegen, es besteht im Südwesten jedoch noch immer eine gewisse Impfstoffknappheit. „Ich verstehe, dass jetzt viele Menschen ungeduldig werden, zumal für Geimpfte künftig Erleichterungen gelten werden“, sagte Manfred Lucha laut dem SWR. Solange aber noch nicht genug Impfdosen für alle zur Verfügung ständen, bitte er „eindringlich“ noch „ein paar Wochen“ zu warten.

Das Phänomen der Impfdrängler ist nicht neu. Bereits vor einigen Monaten wurde bekannt, dass auch vor dem Impfzentrum in Stuttgart sogenannte „Impf-Jäger“ auf übriggebliebene Impfdosen gegen das Coronavirus in Baden-Württemberg lauern. Als Impfdrängler werden jedoch diejenigen Bürger bezeichnet, die sich Impfen lassen, obwohl sie nicht zu einer impfberechtigen Gruppe gehören.

Laut dem SWR machen manche deshalb bei der Terminvergabe falsche Angaben oder täuschen bewusst die Hausärzte. „Sich beim Impfen vorzudrängeln ist schäbig“, machte Gesundheitsminister Lucha deutlich. Diese Impfdrängler seien jedoch nur eine Randerscheinung der Impfkampagne. In Baden-Württemberg würden die Bürger „im Großen und Ganzen“ auf die Impfberechtigung warten, so Lucha weiter.

Corona-Impfungen: Wird die Kontaktpersonen-Regelung ausgenutzt?

Aufgrund des anhaltenden Impfstoffmangels im Kampf gegen das Coronavirus in Baden-Württemberg will Manfred Lucha zukünftig Impfdrängler vermeiden. Das sei jedoch nur durch höhere bürokratische Hürden realisierbar, so der Gesundheitsminister laut dem SWR. Eine Pflicht zur Vorlage von Pflegenachweisen würde jedoch auch den Zugang für viele Impfberechtigte erschweren.

Die Regelung, dass Kontaktpersonen von schwangeren oder pflegebedürftigen Personen ebenfalls impfberechtigt sind, könnte von Impfdränglern ausgenutzt werden. Das ergaben Recherchen des SWR-Magazins Report Mainz. In einem dem Magazin bekannten Fall schaffte es sogar eine Person statt zwei, acht junge und gesunde Kontaktpersonen zu benennen, die anschließend geimpft wurden. „Im Impfzentrum hat keiner nach den Dokumenten gefragt“, erklärten sie.

Andere Impflinge berichteten dem SWR-Magazin auch, dass die Namen und Daten der Schwangeren oder Pflegebedürftigen bei der Terminvergabe nicht mal erfasst wurden. Eine Kontrolle sei bei der Vergabe der Impftermine gegen das Coronavirus in Baden-Württemberg allerdings sehr schwer. „In Fällen nachgewiesenen Falschverhaltens oder gar Betrugs ist es Sache der Staatsanwaltschaft zu prüfen, ob eine Straftat vorliegt“, sagte Manfred Lucha. Grundsätzlich müsse man auf wahrheitsgemäße Angaben vertrauen. Auch der geplante Wegfall der Impfpriorisierung verspricht in diesem Fall keine Besserung, sagte Franz-Josef Borman, Moraltheologe an der Universität Tübingen und Mitglied im Ethikrat. „Zu erwarten ist, dass sobald der Startschuss fällt, der große Run auf die Arztpraxen erfolgt.“

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare