Coronavirus in Baden-Württemberg

„Schockstarre“: Frauen in Baden-Württemberg gerieten wegen des Coronavirus in eine absurde Situation

Eine Frau betrachtet mit traurigem Gesichtsausdruck ihr Spiegelbild.
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Das Coronavirus hatte für viele Frauen in Baden-Württemberg schlimme Folgen. (Symbolbild)
  • Anna-Lena Schüchtle
    vonAnna-Lena Schüchtle
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Wegen des Coronavirus in Baden-Württemberg befand sich ein Großteil der Menschen Anfang des Jahres in Isolation. Für viele Frauen hatte das schlimme Folgen.

Stuttgart - Das Coronavirus in Baden-Württemberg hatte Auswirkungen auf viele Lebensbereiche der Menschen im Südwesten. Als die Zahl der Neuinfektionen Anfang des Jahres immer weiter stieg, verhängte die Regierung umfangreiche Maßnahmen und Verbote, um einer weiteren Ausbreitung von Covid-19 entgegenzuwirken. Verbunden war dies mit einem landesweiten Lockdown beziehungsweise Kontaktverboten, die am 23. März in Kraft traten.

In der Folge änderte sich das Leben der meisten Menschen radikal. Wer das Haus verließ, durfte dies zunächst nur allein oder in Begleitung von Mitgliedern desselben Haushalts tun, um nicht Gefahr zu laufen, jemand anderen mit dem Coronavirus in Baden-Württemberg zu infizieren. Viele Arbeitnehmer mussten ins Home Office wechseln. Kindergärten und Schulen waren geschlossen - der Nachwuchs wurde vielerorts per Homeschooling betreut.

Coronavirus in Baden-Württemberg: Isolation während Lockdown hatte für viele Frauen schlimme Folgen

Abgesehen von den vielen negativen gesellschaftlichen sowie wirtschaftlichen Folgen, die das Coronavirus in Baden-Württemberg mit sich brachte, sind es vor allem die persönlichen Schicksale, die in Zeiten der Pandemie bewegen. In einer repäsentativen Studie erforschte die Technische Universität München bereits im Juni, welchen Einfluss die strengen Kontaktbeschränkungen während des Lockdowns auf Fälle von Häuslicher Gewalt in Deutschland hatten.

Derer nach sollen während dieser Zeit drei Prozent der Frauen in der Bundesrepublik Opfer von körperlicher Gewalt geworden sein - 3,6 Prozent wurden von ihrem Partner zum Geschlechtsverkehr gezwungen. Besondere Risikofaktoren stellen in Zeiten des Coronavirus in Baden-Württemberg finanzielle Sorgen, pandemiebedingte Kurzarbeit beziehungsweise Arbeitslosigkeit, Angst oder Depression sowie die Anwesenheit von Kindern unter zehn Jahren in einem Haushalt dar. 7,5 Prozent der befragten Frauen, die sich zu Hause in Quarantäne befanden, sowie 10,5 Prozent der Kinder waren physischen Gewalthandlungen ausgesetzt.

„Die beengten Wohnverhältnisse in Kombination mit den durch das Coronavirus in Baden-Württemberg verursachten Existenzsorgen stellten für Betroffene eine enorme Drucksituation dar“, erklärt Andrea Bosch vom Autonomen Frauenhaus Stuttgart im Interview mit BW24. „Manchmal gab es auch schon vorher Spannungen in der Partnerschaft, die sich durch die Pandemie verstärkt haben. Außerdem mussten Kinder aufgrund geschlossener Kindergärten und Schulen praktisch den ganzen Tag zu Hause betreut werden“.

Obwohl Experten im Frühjahr bereits davor gewarnt hatten, gab es zunächst keine erhöhten Fallzahlen von Häuslicher Gewalt während der strengen Einschränkungen aufgrund des Coronavirus in Baden-Württemberg. Die Deutsche Presseagentur zitierte im August die brandenburgische Gesundheitsministerin Ursula Nonnenmacher von den Grünen, die von Frauenhäusern und Betreuungseinrichtungen berichtete, deren Zahlen erst nach den Lockerungen einen „sehr, sehr starken Anstieg“ erlebt hätten.

„Viele Frauen befanden sich wie in einer Art Schockstarre - sie fragten sich: ‚Wie geht alles weiter?‘ Die Alternative zur angespannten Situation in der Familie beziehungsweise Partnerschaft war ungewiss“, sagt Andrea Bosch. „Durch die räumliche Enge war es auch schwierig zu telefonieren. Zudem fehlte aufgrund der Kontaktverbote bedingt durch das Coronavirus in Baden-Württemberg der soziale Umgang mit anderen Personen und die Unterstützung zum Beispiel von Freundinnen oder Arbeitskollegen“. Viele Mütter hätten möglicherweise auch wegen der Kinder beschlossen, erst einmal auszuharren.

Folgen des Lockdowns: Frauen in Isolation wegen des Coronavirus in Baden-Württemberg - Häusliche Gewalt

Genaue Zahlen zur Belegung der Frauenhäuser in Zeiten des Coronavirus in Baden-Württemberg könne man laut Andrea Bosch, die auch für die Koordinierungsstelle der neun im Bundesland ansässigen Autonomen Schutzeinrichtungen tätig ist, derzeit noch nicht nennen. „Vor Ort in den Frauenhäusern wurden ganz unterschiedliche Erfahrungen gemacht - manchmal sind die Anfragen hochgegangen, manchmal nicht“.

Die Einrichtung in Stuttgart, die insgesamt 40 Plätze für schutzbedürfte Personen bietet, sei beispielsweise stark belegt. „Die Situation ist absurd: Bei akuter Gewalt sollten die Frauen eigentlich einen sofortigen Anspruch auf Hilfe haben“, so Andrea Bosch. „Die Realität ist aber, dass der Unterbringungsprozess oftmals lange dauert und mit vielen Telefonaten verbunden ist“.

Andrea Bosch merkt jedoch an, dass die Frauenhäuser bereits vor Inkrafttreten der Maßnahmen gegen das Coronavirus in Baden-Württemberg stark ausgelastet gewesen seien. „Nur weil ein Frauenhaus voll belegt ist, heißt das aber nicht, dass es keine weiteren Schutzsuchenden gibt“, so Andrea Bosch. „Frauen müssen oft an andere Einrichtungen im Bundesland oder sogar über die Ländergrenze hinaus vermittelt werden, was für diese eine erneute große Belastung darstellt“.

Laut einer Auswertung der Landesgemeinschaft der Autonomen Frauenhäuser fehlen gemäß der Istanbul-Konvention, nach derer pro 10.000 Einwohner eine Schutzunterkunft für eine Familie empfohlen wird, in Baden-Württemberg derzeit 2.103 Plätze.

Wegen Isolation und Existenzängsten: Häusliche Gewalt in Zeiten des Coronavirus in Baden-Württemberg

Aufgrund der Erfahrungen im Ausland mit steigenden Fallzahlen von häuslicher Gewalt reagierte man in der Frauenhäusern schon frühzeitig, stand jedoch wegen der ohnehin geringen Platzzahl vor einer großen organisatorischen Herausforderung. So musste laut Andrea Bosch mancherorts vorübergehend die Kapazität der Einrichtungen verringert werden, um die vorgegebenen Hygienestandards zum Schutz vor dem Coronavirus in Baden-Württemberg einzuhalten.

Das Land bot Unterstützung in Form eines Soforthilfe-Fonts von bis zu zwei Millionen Euro. Aber: Gerade im Südwesten ist das Finanzierungssystem der Einrichtungen äußerst kompliziert.

„In Baden-Württemberg werden die Frauenhäuser nicht pauschal, sondern über Tagessätze komplett einzelfallfinanziert“, erklärt Andrea Bosch. „Das macht beispielsweise die Aufnahme ortsfremder Schutzbedürftiger schwierig - bezahlen muss nämlich deren Heimatort“. Es sei jedoch aufgrund der hohen Auslastung vieler Frauenhäuser nicht immer möglich, eine Frau in der Region unterzubringen, wo sie auch ihren Wohnsitz hat.

Hinzu kommt, dass manche Frauen so gefährdet seien, dass sie den Wohnort zwingend wechseln müssen. Trotzdem „halten es manche Kommunen nicht für nötig, ein Frauenhaus zu anzubieten“. Wegen des Coronavirus in Baden-Württemberg haben einige Frauenhäuser laut Andrea Bosch daher Wohnungen angemietet, die als zusätzliche Wohneinheiten oder für eine Quarantäne-Zeit genutzt werden konnten.

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