Aktionäre kassieren trotz Coronavirus

Daimler empört mit Corona-Forderungen - dabei ist ein mächtiger Milliardär die wahre Bedrohung

  • Marleen van de Camp
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Die Daimler AG steckt wegen des Coronavirus in Baden-Württemberg und der ganzen Welt in der Krise. Wenn Daimler-Aktionäre abspringen, könnte das dem Plan eines chinesischen Großinvestors in die Hände spielen.

  • Die Daimler AG steckt wegen des Coronavirus in Baden-Württemberg und der ganzen Welt in der Krise. 
  • Der Vorstandsvorsitzende Ola Källenius fordert vom Staat schnelle Hilfe in Form von Kaufprämien. Trotzdem sollen Dividenden an Daimler-Aktionäre ausgeschüttet werden.
  • Viele Deutsche sind darüber empört. Doch wenn die Daimler-Aktionäre abspringen, wird wahrscheinlich ein chinesischer Großinvestor ihre Anteile aufkaufen.

Stuttgart - Die Daimler AG steckt wegen des Coronavirus in Baden-Württemberg und der ganzen Welt in der Krise. Die Coronakrise hat den Autohersteller aus Stuttgart mit voller Wucht getroffen: Der Gewinn der Daimler AG brach im ersten Quartal 2020 fast 80 Prozent ein. Für das zweite Quartal werden sogar rote Zahlen befürchtet, wie das Manager Magazin berichtet. Die Arbeiter der Daimler AG waren wochenlang in Kurzarbeit, Daimler-Manager verzichteten aus Solidarität auf Teile ihres Gehalts.

Daimler-Vorstandschef Ola Källenius kürzt derzeit Investitionen und Ausgaben für Forschung und Entwicklung, um den Schaden zu begrenzen. Geschäftsfelder, die besonders zukunftsweisend für den Autohersteller aus Baden-Württemberg sind, zum Beispiel die E-Mobilität, sind aber von den Einsparungen ausgenommen.

Coronavirus in Baden-Württemberg: Daimler-Chef Källenius fordert staatliche Kaufprämien

Ähnlich wie Daimler geht wegen des Coronavirus der gesamten deutschen Autoindustrie – nicht nur in Baden-Württemberg, wo die Folgen des Coronavirus für die Wirtschaft fatal sind. Die Autokonzerne hoffen darum auf staatliche Corona-Hilfe. Zwar will die Daimler AG, die ihrem Finanzvorstand zufolge über gute Liquidität verfügt, auf KfW-Kredite verzichten. Doch das Manager-Magazin berichtet, dass Daimler-Vorstand Ola Källenius staatliche Kaufprämien fordert – und zwar schnell und unkompliziert. Durch diesen Anreiz soll die Politik dafür sorgen, dass Kunden wieder in die Autohäuser gehen. 

„Wir wären für eine einfache Prämie quer über alle Segmente und Produkte hinweg“, sagte Ola Källenius dem Manager-Magazin zufolge. So solle die Nachfrage angekurbelt werden. Kaufprämien allein für E-Autos lehne der Vorstandsvorsitzende der Daimler AG ab. Es gehe darum, die Wirtschaft anzukurbeln, sagte er. 

Daimler und Co. wollen trotz Corona-Hilfe Dividenden an Aktionäre ausschütten - SPD empört

Die Präsidentin des Verbands der Automobilindustrie (VDA), Hildegard Müller, sagte im Deutschlandfunk, trotz der Forderung nach Corona-Hilfen wollten die Autohersteller nicht auf die Ausschüttung von Dividenden an ihre Aktionäre verzichten.

Die Aussage, dass die Autohersteller trotz staatlicher Hilfen nicht auf die Dividen für ihre Aktionäre verzichten wollen, sorgte deutschlandweit für Empörung, zumal Corona-Hilfen aus der Steuerkasse bezahlt werden. Die SPD fordert, Boni- und Dividendenzahlungen grundsätzlich auszusetzen, wenn Unternehmen wegen der Coronakrise Staatshilfen - wie auch Kurzarbeitergeld - beantragen.

Der parlamentarische Geschäftsführer der SPD-Bundestagsfraktion, Carsten Schneider, bezeichnete das Auftreten der Autolobby als „dreist“. „Die Automobilindustrie hat in den letzten Jahren dicke Gewinne gemacht“, sagte er dem Spiegel. Das Geld der Steuerzahler müsse „ gezielt und verantwortungsvoll“ eingesetzt werden – der Staat solle die Corona-Hilfen an Bedingungen knüpfen. Das Geld dürfe nicht an Aktionäre ausgeschüttet werden, sondern müsse in die Forschung investiert werden.

Coronavirus in Baden-Württemberg schürt Angst vor Übernahmen durch ausländische Unternehmen

Die DVA-Präsidentin Hildegard Müller begründete die Notwendigkeit der Ausschüttung von Dividenden damit, dass die Autoindustrie ihre Aktionäre während der Coronakrise „an Bord halten“ müsse, „um sich vor Übernahmen aus dem Ausland zu schützen.“ 

Mit dieser Aussage dürfte vor allem eine Person gemeint sein: Li Shufu – der Gründer und Vorstandsvorsitzende des chinesischen Automobil- und Motorradherstellers Geely. Der Multimillardär aus der Provinz Zhejiang, China, war im vergangenen Jahrzehnt auf Einkaufstour auf dem europäischen Automobilmarkt - schon lange vor dem Ausbruch des Coronavirus in Baden-Württemberg.

28.03.2010, Göteborg, Schweden: Der chinesiche Unternehmer Li Shufu schüttelt die Hand des Ford-Finanzchefs Lewis Booth. Shufu hatte Ford den schwedischen Autohersteller Volvo abgekauft.

Coronavirus in Baden-Württemberg könnte dem Investor Li Shufu Zugriff auf mehr Daimler-Anteile gewähren

2010 kaufte er Volvo für 1,8 Milliarden US-Dollar von Ford. 2013 übernahm er die London Taxi Company – den Hersteller der berühmten Black Cabs. 2017 erwarb er 51 Prozent der Firmananteile des britischen Automobilherstellers Lotus. Auch einige asiatische Autokonzerne hat Shufu in dieser Zeit erwoben.

Im Jahr 2018 - also bereits zwei vor dem Ausbruch des Coronavirus in Baden-Württemberg - sorgte Shufu für internationale Aufmerksamkeit, als er für 7,5 Milliarden Euro 9,69 Prozent der Daimler AG kaufte und auf einen Schlag zum größten Daimler-Aktionär avancierte, nachdem er drei Jahre zuvor noch von dem Autohersteller aus Stuttgart abgewiesen worden war.

Li Shufu verfolgt einen Plan, der ihm dank des Coronavirus in Baden-Württemberg gelingen könnte

Mit den europäischen Zukäufen will Li Shufu die Erfahrung der Autobauer nach China holen und möglicherweise auch Einfluss auf den größten deutschen Wirtschaftsfaktor und damit die deutsche Politik gewinnen – das vermutet nicht nur die FAZ wenn sie schreibt, Li Shufu verfolge einen „langfristigen Plan“. Wenn jetzt also wegen der Coronakrise Dividenden nicht ausgeschüttet werden, könnten Daimler-Aktionäre abspringen. Deren Anteile würde dann wohl Li Shufu aufschnappen.

Der Vorteil: Li Shufu setzt auf erneuerbare Energien und künstliche Intelligenz in Fahrzeugen. Er könnte der Daimler AG diesbezüglich auf einen vielversprechenden Zukunftskurs schicken – so wie er es derzeit schon mit der Daimler-Marke Smart tut. 

Der Nachteil: China ist keine Demokratie, sondern wird seit 1949 von der Kommunistischen Partei Chinas regiert – deren Mitglied Li Shufu ist. Völlig abgesehen von der Frage, wie arbeitnehmerfreundlich Chinesische Unternehmen sind, würde durch einen Zukauf von Daimler-Aktien durch Shufu der Einfluss Chinas auf Deutschland weiter wachsen. Man stelle sich vor: Die deutsche Schlüsselindustrie in chinesischer Hand.

Schwachsinn? Die FAZ sieht das anders: “Für jemanden wie Li Shufu scheinen Begriffe wie „unmöglich“ und „niemals“ nicht zu existieren“, schreibt sie. „Was er nicht im ersten Schritt erreicht, geht er umgehend im zweiten an.“ Das hat er bei Daimler bewiesen. Die deutsche Politik sollte sich dessen bewusst sein, wenn sie darüber diskutiert, die Daimler AG wegen Corona-Hilfen zu zwingen, keine Dividenden an die derzeitigen Aktionäre auszuschütten. Am 5. Mai fand im Kanzleramt ein Autogipfel statt, auf dem darüber entschieden werden sollte. Es wurde jedoch keine Einigung gefunden. Die Debatte wurde deshalb auf Anfang Juni vertagt.

Rubriklistenbild: © Bernd von Jutrczenka/dpa

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