Buchhandel im Lockdown

Thalia-Chef droht Kretschmann mit Eingriff in den Wahlkampf, sollten Buchläden nicht sofort öffnen

Winfried Kretschmann (Bündnis 90/Die Grünen), Ministerpräsident von Baden-Württemberg, nimmt an der Landespressekonferenz Baden-Württemberg teil.
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Der Chef der Buchhandelskette Thalia sprach eine Drohung gegenüber Ministerpräsident Winfried Kretschmann aus.
  • Julian Baumann
    vonJulian Baumann
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Durch den anhaltenden Corona-Lockdown sind auch Buchhandlungen seit Monaten geschlossen. Der Thalia-Chef drohte nun sogar, in den Wahlkampf in Baden-Württemberg einzugreifen.

Stuttgart/Hagen - „Bücher sind Tore in fremde Welten“ steht auf Lesezeichen der Buchhandlung „Ravensbuch“ mit Filialen in den baden-württembergischen Städten Ravensburg und Friedrichshafen (Bodenseekreis). Gerade durch die Einschränkungen des täglichen Lebens aufgrund des Coronavirus in Baden-Württemberg ist eine Flucht in eine fremde Welt für viele vielleicht eine Möglichkeit, die Realität zu vergessen - zumindest für ein paar Stunden. Durch den anhaltenden Lockdown, der nun bis zum 28. März verlängert wurde, sind Buchhandlungen nahezu in ganz Deutschland jedoch seit mehreren Monaten geschlossen.

Trotz der Lockdown-Verlängerung aufgrund des Coronavirus treten nach und nach erste Lockerungen in Baden-Württemberg in Kraft. Der Südwesten entschloss sich dazu, der Entscheidung von Bund und Ländern zu folgen und Kreisen mit einer Inzidenz von unter 50 die schrittweise Öffnung des Handels zu erlauben. Der Chef der größten Buchhandelskette in Deutschland sprach nun eine offene Drohung unter anderem gegenüber Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) aus, wie zdf.de berichtet. Er drohte an, in den Wahlkampf zur Landtagswahl in Baden-Württemberg eingreifen zu wollen, sollten die Buchhandlungen nicht sofort öffnen dürfen.

Lockerungen in Baden-Württemberg: Thalia-Chef ruft zum Eingreifen in den Wahlkampf auf

Vor der Bund-Länder-Konferenz am Mittwoch, dem 3. März, sah die Perspektive für den deutschen Einzelhandel noch mehr als düster aus. Auch in Baden-Württemberg protestierten mehrere Händler gegen den anhaltenden Lockdown. Beispielsweise öffneten mehrere Verkäufer in Heidelberg ihre Läden aus Protest und in einer Kleinstadt tauchten mysteriöse Plakate mit einem weißen Kreuz und dem Wort „Lockdown“ auf.

Thalia-Chef Michael Busch ging jedoch noch einen ganzen Schritt weiter und sprach eine eindeutige Drohung aus. Die Buchhandelskette Thalia ist mit über 340 Filialen allein in Deutschland Marktführer im deutschsprachigen Raum. Auch die mehrstöckige Buchhandlung Wittwer in der Haupteinkaufsstraße der Landeshauptstadt Stuttgart gehört seit 2018 zu der Handelskette.

Auch die Buchhandlung Wittwer in Stuttgart, die zu Thalia gehört, ist seit Monaten geschlossen.

Am 14. März findet die Landtagswahl in Baden-Württemberg statt. Dabei fordert die derzeitige Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU) den amtierenden Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann heraus. Während Herausforderin Eisenmann mit einer Wahl-Kampagne bereits für einen Shitstorm sorgte, kündigte Kretschmann an, sich aufgrund der Krebserkrankung seiner Frau teilweise aus dem Wahlkampf zurückzuziehen. Am Montag, dem 1. März, sagte Thalia-Chef Michael Busch, er wolle in den Wahlkampf eingreifen, sollten die Buchhandlungen nicht bald öffnen dürfen, berichtet zdf.de. Er kündigte eine Social-Media-Kampagne im Umfeld der Landtagswahl an. Es gehe darum, der Politik klar zu machen, „wenn ihr nicht für die Öffnung entscheidet, dann werden wir euch nicht wählen“, so Busch.

Thalia-Chef will persönlich mit Winfried Kretschmann telefonieren - „gerne als Drohung nehmen“

Laut mehreren Umfragen liegt Winfried Kretschmann in Bezug auf die Landtagswahl in Baden-Württemberg deutlich vor seiner Kontrahentin Susanne Eisenmann. Die CDU-Wähler blamierten sogar ihre eigene Partei. Michael Busch ist jedoch der Meinung, es gebe sowohl in Baden-Württemberg als auch in Rheinland-Pfalz aktuell ein Kopf-an-Kopf-Rennen, berichtet zdf.de. Deshalb wandte sich der Thalia-Chef direkt an seine Mitarbeiter. „Jeder von uns und unsere Kunden sind neben Konsumenten und Mitarbeitern eben auch Wähler“, sagte Busch. „Fünf- oder Zehntausend Leute, die in die andere Richtung wählen, die können die Wahl jetzt drehen.“

Wie viele Einzelhändler fühlt sich auch der Handelsriese Thalia im Lockdown aufgrund des Coronavirus in Baden-Württemberg und ganz Deutschland allein gelassen. Die Politik bekomme „nichts auf die Kette, und wir dürfen immer dafür bluten“, sagte Michael Busch laut zdf.de. Er kündigte an, persönlich mit Winfried Kretschmann telefonieren zu wollen. „Dort werden wir das auch sehr klarmachen, die können das gerne als Drohung nehmen“, so der Thalia-Chef. Allerdings wurden nur wenige Tage später bei der Bund-Länder-Konferenz weitere Lockerungen in Baden-Württemberg beschlossen. So dürfen auch Buchhandlungen ab dem 8. März bei einer Inzidenz von unter 50 wieder öffnen. Demnach ist die Drohung des Thalia-Chefs an Kretschmann wohl hinfällig.

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