Kampf um Jobs

Bosch streicht Hunderte Stellen: Betriebsversammlung eskaliert - „wir mussten abbrechen“

Das Logo von Bosch leuchtet am Abend an der Halbleiterfabrik des Unternehmens.
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In den Stammwerken Bühl und Bühlertal sollen bis zu 90 Prozent der Stellen abgebaut werden.
  • Franziska Vystrcil
    VonFranziska Vystrcil
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Bosch will im Werk in Bühl in den kommenden 12 Jahren rund 700 Stellen streichen. Bei einer Betriebsversammlung im Juli eskalierte die Situation.

Bühl/Stuttgart - Die Gemüter der Mitarbeiter sind erhitzt. Seit einem Jahr wissen die Arbeitnehmer des Technologiekonzerns Bosch mit Sitz in der Landeshauptstadt Stuttgart nicht, wie es an ihren Standorten in Bühl und Bühlertal weitergehen soll. Denn der Automobilzulieferer plant, in beiden Werken massiv Stellen abzubauen.

Die Firma Bosch gehört zu den größten Unternehmen in Baden-Württemberg. Der Standort Bühlertal bildet den Hauptsitz von „Electrical Drives“. Von dort aus koordiniert Bosch das weltweite Geschäft mit elektrischen Antrieben, hier werden Teile entwickelt und zur Serienreife gebracht. Die Werke in Bühlertal und Bühl kommen aktuell gemeinsam auf rund 3.700 Beschäftigte. Grund für den massiven Stellenabbau im Werk sei die „Verbesserung der Wettbewerbsfähigkeit in einem hart umkämpften Marktumfeld“, ließ Bosch mitteilen. Doch nicht in allen Werken droht durch den Bedarf an neuen Teilen ein Stellenabbau. In Dresden etwa eröffnete Bosch erst kürzlich eine hochmoderne Chipfabrik

Konkrete Angaben zum Umfang des Stellenabbaus werden den Mitarbeitern allerdings noch vorenthalten. Seit rund einem Jahr laufen die Verhandlungen. Bisher ist jedoch noch immer unklar, wie viele Stellen tatsächlich vom Abbau betroffen sind. Arbeitnehmer und Gewerkschafter können die mangelhafte Kommunikation bezüglich des geplanten Stellenabbaus nicht verstehen. Wie die Badischen Neuesten Nachrichten (BNN) im Juli berichten, kippte die Stimmung der Belegschaft bei der letzten Sitzung. „Wir mussten die Betriebsversammlung abbrechen, weil es zu emotional wurde. Die Arbeitnehmer wollen jetzt endlich Klarheit über den konkreten Stellenabbau. Keiner weiß, wohin die Reise geht“, sagt Ahmet Karademir von der IG Metall gegenüber der Zeitung. 

Stellenabbau bei Bosch: Mitarbeiter wurden offenbar unter Druck gesetzt

Nach Angaben der IG Metall ist die Belegschaft am Standort Bühl seit der Ankündigung des Stellenabbaus von 4.100 Mitarbeitern auf 3.700 gesunken. Die Gewerkschaft beobachtet das Geschehen mit Besorgnis. „Die Mitarbeiter haben Abfindungen bekommen, wohl nicht immer ohne entsprechenden Druck. Jetzt stehen weitere Vollzeitstellen im Raum“, so Karademir.

Hans Peter Braun, Bürgermeister von Bühlertal, ist von der Vorgehensweise und Intransparenz des Unternehmens ebenfalls enttäuscht. Er kann die frustrierten Arbeitnehmer im Werk verstehen. „Um was geht es denn hier? 700 Vollzeitstellen können ebenso 1.200 Arbeitsplätze mit Teilzeitstellen bedeuten“, gibt er zu bedenken. „Das sind Einschnitte, bei denen ich nicht mehr weiß, wie die Zukunft hier am Bosch-Standort in Bühlertal aussehen wird.“ Zudem hat sich seit der Ankündigung auch der Zeitraum des Stellenabbaus geändert. Ursprünglich war von einem schrittweisen Abbau bis 2025 die Rede. Nun soll jedoch schon bis 2023 90 Prozent der Belegschaft entlassen werden.

Bosch: Nach eskalierter Betriebsversammlung ist Fortsetzung für September geplant

Hans Peter Brauns Kollege Hubert Schnurr, Oberbürgermeister von Bühl, kritisiert Bosch ebenfalls. Aufgrund der umsatzstarken Monate im Frühjahr kann er die Maßnahmen nicht nachvollziehen, bezeichnet sie als „drastisch“ und „unverständlich“. „Das kommt überraschend mit dem Stellenabbau in dieser Größenordnung“, sagt er den BNN.

„Uns sind dabei die Hände gebunden. Der Betriebsrat kann nichts Konkretes berichten, weil er sich nicht in konkreten Verhandlungen, sondern in informellen Gesprächen befindet“, sagt Ahmet Karademir. Betriebsratsvorsitzender Klaus Lorenz sagte in der Versammlung sogar, ihm sei ein Maulkorb verpasst worden. Bis dato liegen keine konkreten Vorschläge auf dem Tisch. Vorerst haben beide Seiten noch einmal Zeit, sich Gedanken zu machen. „Wir wollen in kürzeren Abständen einen aktuellen Zwischenbericht herausgeben. Und wir planen eine große Betriebsversammlung nach den Ferien ab Mitte September in einem wesentlich größeren Rahmen mit allen Arbeitsschichten gemeinsam“, sagt Ahmet Kademir. Bis dahin muss sich die Belegschaft noch gedulden - und weiter um die Zukunft des Standorts bangen.

Die Firma Bosch befindet sich schon seit langem im Umbruch. Der zunehmende Anteil von E-Autos zwingt den Automobilzulieferer zum Handeln: Bosch verkaufte sein Werk in Göttingen an ein chinesischen Unternehmen. Auch die Schließung eines Werks in München wird aktuell von Bosch geprüft.

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