Demonstrieren trotz Corona

Die „Black Lives Matter“-Demo macht mir Sorgen - bitte verurteilt mich nicht!

"“Silence No More“" (l-r), „"Black Lives Matter"“ und „"Stop Racism"“ steht auf Schildern von Teilnehmerinnen der Stuttgarter Silent Demo geschrieben, die im Oberen Schlossgarten an einer Demonstration gegen Rassismus und Polizeigewalt teilnehmen.
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Mit Mundschutz und klaren Botschaften: Tausende demonstrierten auf der „Black Lives Matter“-Demonstration in Stuttgart gegen Rassismus.

Tausende haben in Stuttgart gegen Rassismus demonstriert. Unter dem Motto „Black Lives Matter“ versammeln sich weltweit Menschen auf den Straßen. Eigentlich wollte ich auch unter den Demonstranten zu sein. Aber: Ich hatte Schiss.

  • In Stuttgart und anderen deutschen Städten haben am Wochenende Tausende gegen Rassismus demonstriert.
  • Bei einigen Veranstaltungen, wie der "Black Lives Matter"-Demo in Stuttgart, wurden dabei bestehende Regeln gegen die Ausbreitung des Coronavirus missachtet.
  • Daraus ergibt sich ein Dilemma: Ich finde den Kampf gegen den Rassismus wichtig. Und dennoch macht mir die Demonstrationswelle Sorgen.

Stuttgart - Als ich das Video von der Ermordung des US-Amerikaners George Floyd durch einen Polizeibeamten sah, hat mich das wütend und traurig gemacht. Gleichzeitig war mir bewusst: Rassismus ist nicht nur in den USA ein Problem. Trotzdem war ich am Samstag nicht auf der „Black Lives Matter“-Demonstration. Mein Beweggrund: Das Coronavirus in Baden-Württemberg. Jetzt plagt mich ein schlechtes Gewissen: Macht mich mein Fehlen zum Teil des Problems?

Ich habe meinen Zivildienst in Namibia abgeleistet. Einer ehemaligen deutschen Kolonie, in der die Deutschen Völkermord an den Herero begingen. Auch heute geht die soziale Schere in Namibia noch extrem auseinander. Der weißen Minderheit geht es nach wie vor deutlich besser als der schwarzen Mehrheit. Vorurteile und Rassismus prägen noch immer den Alltag.

Wie so viele postete ich am Dienstag auf meinem Instagram-Account ein schwarzes Quadrat mit dem Hashtag „blackouttuesday“. Ich wollte meine Solidarität gegenüber der "Black Lives Matter"-Bewegung ausdrücken. Ich kam mir dabei lächerlich und heuchlerisch vor. Denn mir ist bewusst: Ein schwarzes Quadrat in den sozialen Medien wird das Rassismus-Problem nicht lösen. Es ist eine kleine Geste, mehr nicht.

„Black Lives Matter“-Demonstration in Stuttgart: Zwischen Befürwortung und Coronavirus in Baden-Württemberg gefangen

Obwohl ich also durchaus für das Thema Rassismus sensibilisiert bin, machte ich am Samstag nicht bei der „Black Lives Matter“-Demonstration in Stuttgart mit. Der Grund: Ich nehme das Coronavirus in Baden-Württemberg nach wie vor sehr ernst und meide Menschenmengen. Selbst auf der Königsstraße in Stuttgart ist mir an einem ganz normalen Wochentag momentan viel zu viel los, ständig unterschreite ich unfreiwillig den Mindestabstand. Die Sorglosigkeit vieler Menschen in Baden-Württemberg macht mir Angst.

Außerdem sehe ich auch andere Demonstrationen zur jetzigen Zeit sehr kritisch, beispielsweise gegen die Corona-Maßnahmen – und das nicht nur, weil ich deren Forderungen nicht teile. Und nun sollte ich mich auf der „Black Lives Matter“-Demonstration mitten in eine Menschenmenge stellen?

Ich stehe vor einem Dilemma. Wenn ich die Bilder der „Black Lives Matter“-Demonstration in Stuttgart und anderer Kundgebungen in ganz Deutschland sehe, bekomme ich Schweißausbrüche. In vielen Städten konnte von einer Einhaltung des Mindestabstands keine Rede sein. Mundschutz? Vielerorts Fehlanzeige. Das finde ich nicht gut. Im Gegenteil, ich empfinde es als unverantwortlich.

Der richtige Zeitpunkt für „Black Lives Matter“-Demonstrationen ist jetzt – oder nicht?

Und damit beginnt mein innerer Zwiespalt: Einerseits ist genau jetzt der Zeitpunkt, um gegen Rassismus zu demonstrieren. Den aktuellen Anlass und die Welle der Solidarität zu nutzen, um endlich Veränderungen zu bewirken und der „Black Lives Matter“-Bewegung Nachdruck zu verleihen. In einem halben Jahr würde Gefahr drohen, dass dieser Effekt längst verpufft ist. Das darf nicht passieren.

Andererseits ist jetzt auch der denkbar schlechteste Zeitpunkt für Demonstrationen im großen Stil. Wir leben inmitten einer Coronavirus-Pandemie. Eigentlich waren die Proteste als „Silent Demos“, also stille Demonstrationen angekündigt. In Stuttgart sollten nur etwa 700 Menschen mit Transparenten und Körpersprache auf das Problem des Rassismus aufmerksam machen (laut Innenministerium waren es am Ende um die 10.000).

Eine stille Demo hätte zumindest den Aerosolausstoß verringert. Aersole sind kleinste Tröpfchen, die durch die Atemluft und selbst beim Sprechen ausgestoßen werden - und vermutlich auch das Coronavirus verbreiten. Dadurch steigt die Gefahr, sich bei Demonstrationen - wo laute Sprechchöre gesungen werden und Menschen dicht gedrängt stehen - mit dem Coronavirus zu infizieren.

Allein in Stuttgart wurde deutlich, wie schwierig es allerdings ist, eine große Menschenmenge zu kontrollieren – egal, wie gut alles organisiert ist. Die Veranstalter der „Black Lives Matter“-Demo in Stuttgart hatten mehrfach darauf hinwiesen, die Abstandsregeln einzuhalten. „Solche Demonstrationen sind ein Sargnagel für die noch bestehenden Regeln“, sagte deshalb SPD-Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach. Ganz unrecht hat er damit nicht.

Aber natürlich haben weiße Männer wie Karl Lauterbach und ich leicht reden. Wir sind nicht die Opfer einer seit Jahrhunderten andauernden Diskriminierung. Wie sehen es die Betroffenen? Jene Menschen, die bei den „Black lives matter“-Demos für ihr eigenes Recht einstehen - für ihre Familie, für die Zukunft ihrer Kinder?

Lionel Njoya, Mitveranstalter der „Black Lives Matter“-Demo in Stuttgart, findet, dass jetzt genau der richtige Zeitpunkt für die Proteste ist. „Fast alle Teilnehmer trugen Masken und haben versucht, die Abstandsregeln so gut es ging einzuhalten“, sagt er zu BW24. Trotzdem gibt er sich selbstkritisch und sieht weiteren Organisationsbedarf „um weiterhin zum Wohlergehen aller zu handeln wie auch den Maßnahmen in Bezug der Corona-Pandemie gerecht zu werden.“

Lionel Njoya betont aber auch, dass nicht nur die Teilnahme an einer „Black Lives Matter“-Demo im Kampf gegen Rassismus zählt. Auch von zuhause könne man sich für das Thema sensibilisieren. „Sensibilisierung bedeutet, sich über Rassismus und seine Formen wie etwa strukturellen Rassismus und Alltagsrassismus zu informieren. Dazu gehört auch die Bereitschaft über seine Privilegien zu reflektieren, selbst wenn sie mit Unannehmlichkeiten verbunden sind.“

Kritiker der Corona-Maßnahmen instrumentalisieren „Black Lives Matter“-Demonstrationen

Für den Konzertveranstalter Peter Schwenkow von der Deutschen Entertainment AG war die Aussage von SPD-Politiker Karl Lauterbach Anlass, weitere Lockerungen der Corona-Maßnahmen zu fordern, sollten die Infektionszahlen trotz der „Black Lives Matter“-Demonstrationen in Stuttgart und anderen Teilen Deutschlands nicht steigen. „Wir sollten jetzt zwei Wochen abwarten, welche Auswirkungen diese Demonstrationen auf das Infektionsgeschehen haben. Wenn nichts passiert, wird es höchste Zeit, dass wir spätestens ab Juli wieder in die Saison der Freiluftkonzerte starten“, sagte Schwenkow der „Bild“-Zeitung. Unfreiwillig haben die „Black Lives Matter“-Demos solchen Forderungen also den Boden bereitet.

Vielleicht sind meine Gedanken und Abwägungen zur „Black Lives Matter“-Demo in Stuttgart aber auch nur ein Zeichen für mein privilegiertes Leben. Ich selbst habe weiße Haut, wurde nie persönlich Opfer von rassistisch motivierter Diskriminierung. Vielleicht kann nur ein Weißer das Gefühl haben, jetzt sei wegen der Corona-Pandemie der falsche Zeitpunkt, massenhaft zu demonstrieren. Vielleicht habe ich nach wie vor nicht verstanden, dass das Fass längst übergelaufen ist. Dass Abwägungen zwischen der Corona-Pandemie einerseits und dem gigantischen Unrecht, das Menschen mit anderer Hautfarbe tagtäglich widerfährt, für Betroffene längst keine Rolle mehr spielen.

Trotz Coronavirus auf die „Black Lives Matter“-Demo? Privilegierte können verzichten, Betroffene nicht

Ein Freund von mir war deshalb auf einer Demonstration in Düsseldorf. Als Sohn einer deutschen Mutter und eines indonesischen Vaters hat er selbst dunkle Haut - und im Alltag häufig Erfahrung mit Rassismus gemacht. Die Gefahr, die das Coronavirus darstellt, ist ihm bewusst: „Genauso eine reale Gefahr stellt der allgegenwärtige Rassismus gegen die Black Community und alle People of Color dar. Eine Gefahr, die ich selbst als Person of Color bereits mein ganzes Leben lang wahrnehme“, sagt er. Trotz des Coronavirus entschied er sich daher, zu demonstrieren. „Die deutschlandweiten Demonstrationen besorgen wegen Corona viele, sicherlich auch nicht grundlos. Wir müssen uns jedoch fragen, wie weitreichend der Verzicht gehen kann: Das Recht, auf Diskriminierung und den strukturellen Rassismus hinzuweisen, ist etwas, worauf wir Betroffenen in diesem Fall nicht verzichten konnten.“

Das Coronavirus darf keine Ausrede sein. Und ist es irgendwie doch. Ich möchte mich dem Kampf gegen Rassismus und Diskriminierung anschließen. Möchte die Augen davor nicht verschließen. Dafür tue ich gerne jetzt schon alles, was möglich ist. Wenn die Corona-Pandemie unter Kontrolle ist, gehe ich dafür auch auf Demonstrationen. Aber bitte, verurteilt mich nicht, wenn ich wegen des Coronavirus in Baden-Württemberg dazu momentan nicht bereit bin.

Von Valentin Betz

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