Millionen Bewerbungen

Experiment zum Grundeinkommen sprengt alle Erwartungen

  • Valentin Betz
    vonValentin Betz
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Forscher wollen das bedingungslose Grundeinkommen in einer Langzeitstudie wissenschaftlich prüfen. Doch mit so großem Andrang auf die Plätze hätten sie nicht gerechnet.

Berlin/Stuttgart - Jeden Monat ein festes Einkommen beziehen, völlig ohne Gegenleistung - das bedingungslose Grundeinkommen klingt zu schön, um wahr zu sein. Doch viele Experten glauben daran, besonders an seine positive Auswirkung auf die Gesellschaft. Der dm-Gründer Götz Werner ist ein bekennender Kämpfer für das Grundeinkommen.

Kritiker befürchten indes, Menschen würden durch ein bedingungsloses Grundeinkommen faul und unproduktiv. Der dm-Gründer Götz Werner glaubt hingegen, dass ein Grundeinkommen Arbeit überhaupt erst ermöglicht. Das einzige Problem: Kritiker wie Befürworter bewegen sich bislang nur in der Theorie.

Im kommenden Jahr soll sich das allerdings ändern. Im Sommer dieses Jahr konnte sich jeder Deutsche für 1.200 Euro Grundeinkommen im Monat bewerben. Der Verein Mein Grundeinkommen e. V. wollte gemeinsam mit verschiedenen Forschungsinstituten die Theorie endlich in die Praxis umsetzen. Der Andrang auf die Plätze der Studie war so groß, dass sogar noch mehr Menschen an dem Grundeinkommen-Experiment teilnehmen durften. Jetzt ist die Bewerbungsphase abgeschlossen - und das Interesse ist nach wie vor gewaltig.

Experiment zum Grundeinkommen: Bewerbungsphase beweist enormes Interesse an dem Konzept

Eigentlich hatten das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW), das Max-Planck-Institut zur Erforschung von Gemeinschaftsgütern an der Universität zu Köln und der Verein Mein Grundeinkommen drei Monate kalkuliert, um auf insgesamt eine Million Bewerber für 120 Studienplätze zu kommen.

Im September demonstrierten in Berlin Menschen für ein bedingungsloses Grundeinkommen. Nächstes Jahr beginnt eine Studie zu dem Konzept.

Stattdessen wurde dieses Ziel nach drei Tagen erreicht. Die Bewerbungsphase lief allerdings trotzdem bis zum 10. November 2020 weiter, inzwischen konnten der Verein und die Forscher noch zwei weitere Teilnehmerplätze durch Spenden finanzieren. Nach Bewerbungsschluss berichtet das Pilotprojekt Grundeinkommen: Über zwei Millionen Menschen haben sich für das Experiment beworben.

Allein das kann schon als enormer Erfolg der Studie verbucht werden. Immerhin zeigt es, dass viele Menschen das bedingungslose Grundeinkommen zumindest für diskussionswürdig und forschungsrelevant halten. Der nächste Schritt folgt im Januar 2021.

Bedingungsloses Grundeinkommen: Von zwei Millionen Bewerbern bleiben 1.500 Teilnehmer übrig

Denn bis dahin wird unter den zwei Millionen Bewerbern für das bedingungslose Grundeinkommen „eine Gruppe ausge­wählt, die sich für die wissenschaftlichen Fragestellungen am besten eignet“, so das Pilotprojekt Grundeinkommen auf seiner Homepage. Schlussendlich bleiben davon 20.000 Menschen übrig, die an einer Basisbefragung teilnehmen.

Erst nach diese zweiten Phase werden wirklich die Personen bestimmt, die tatsächlich über drei Jahre hinweg 1.200 Euro pro Monat erhalten sollen - und zwar per Zufall. Demnach erhalten dann 122 Studienteilnehmer das bedingungslose Grundeinkommen. Insgesamt nehmen aber 1.500 Menschen am Experiment teil. Die restlichen 1.378 dienen nämlich als Vergleichsgruppe, die kein Grundeinkommen bekommen.

Ganz bedingungslos ist das Grundeinkommen der Pilotstudie dann allerdings doch nicht: Alle sechs Monate müssen die Teilnehmer - ebenso wie die Vergleichsgruppe - einen Fragebogen ausfüllen, der 25 Minuten beansprucht. Kommt ein Teilnehmer dieser Pflicht nicht nach, scheidet er aus und eine Person aus der Vergleichsgruppe bezieht dafür das bedingungslose Grundeinkommen.

Rubriklistenbild: © picture alliance/Monika Skolimowska/dpa-Zentralbild/dpa

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