Situation an den Gymnasien

„Schlag ins Gesicht von Frau Eisenmann“: Kultusministerin sagt, Eltern wollen kein G9 - und liegt völlig falsch

Eine Schülerin der Oberstufe streicht an einem Gymnasium den Schriftzug "G8" an einer Tafel durch, daneben lässt sie "G9" unberührt
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Laut einer Umfrage wollen fast 90 Prozent der Eltern in Baden-Württemberg eine Rückkehr zum neunjährigen Gymnasium.
  • Julian Baumann
    vonJulian Baumann
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In Baden-Württemberg müssen die meisten Schüler der Gymnasien innerhalb von acht Jahren das Abitur erreichen. Der Philologenverband fordert nun eine sofortige Rückkehr zum G9.

Stuttgart - Die Krise aufgrund des Coronavirus in Baden-Württemberg hat gerade für Schüler im Land dramatische Folgen. Viele befinden sich durch den derzeitigen Lockdown zu Hause und müssen über die Lernplattform Moodle am Unterricht teilnehmen. Die Plattform sorgte schon am ersten Schultag bei den Eltern für Kopfzerbrechen. Vor allem durch die Schulschließungen im Frühjahr 2020 und dem aktuell nur unter Einschränkungen stattfindenden Unterricht befürchten viele Eltern im Land, dass ihre Kinder den verpassten Stoff nicht aufholen können. Nicht zuletzt deshalb fordert der Philologenverband eine sofortige Rückkehr zum G9-Modell an den baden-württembergischen Gymnasien, wie die Deutsche Presse-Agentur (dpa) berichtet.

In Baden-Württemberg wird seit dem Schuljahr 2004/2005 der achtjährige Bildungsgang, kurz G8, an den Gymnasien flächendeckend eingesetzt. In den folgenden Jahren regte sich immer mehr Widerstand gegen die verkürzte Zeit bis zum Abitur. Einige Bundesländer bieten deshalb bereits sowohl G8 als auch G9 an. Die baden-württembergische Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU) verweigerte diesen Schritt jedoch und begründete, dass die Eltern im Südwesten mit dem achtjährigen Bildungsweg zufrieden seien, wie die dpa berichtet. Eine aktuelle Umfrage kam jedoch zu einem gänzlich anderen Ergebnis.

Baden-Württemberg: Zu wenig G9-Gymnasien - Corona hat die Lage noch verschärft

Das G8-Modell an den Gymnasien in Baden-Württemberg sollte den Schülern „die Schulzeit ohne Niveau-Verluste um ein Jahr verkürzen und die allgemeine Hochschulreife nach 8 Jahren ermöglichen“, heißt es in einem Monatsheft des Statistischen Landesamtes (Ausgabe 10/2008). Kritisiert wurde allerdings die Überlastung der Kinder durch zu hohe Stundenzahlen und Hausaufgaben und die fehlende Ganztagsbetreuung sowie damit einhergehend die fehlende Freizeit für außerschulische Aktivitäten. Kultusministerin Susanne Eisenmann hielt jedoch nichts von einem zweigleisigen Weg zum Abitur. „Die Parallelität der Angebote ist aus meiner Sicht nicht sinnvoll“, sagte sie im Jahr 2017 der Stuttgarter Zeitung.

In 44 Gymnasien in Baden-Württemberg gibt es aktuell das G9-Modell, das ist jedoch nur als Schulversuch gedacht, den Ministerin Eisenmann im Jahr 2017 um weitere fünf Jahre verlängert hatte. Dem Philologenverband ist das jedoch nicht genug. Die Anmeldezahlen an den wenigen G9-Gymnasien seien derzeit so hoch, dass häufig Schülerinnen und Schüler abgewiesen werden oder Plätze verlost werden müssten, heißt es in einer Mitteilung des Verbandes vom Montag.

Der aktuelle Lockdown und die langen Unterrichtsausfälle hätten die Situation noch deutlich verschärft, sodass die Defizite mit einem achtjährigen Bildungsweg erst recht nicht aufzuholen seien.

Baden-Württemberg: Aktuelle Umfrage widerspricht Eisenmann - Eltern wollen Rückkehr zu G9

Der Philologenverband Baden-Württemberg fordert eine sofortige Rückkehr zum G9-Modell und untermauert die Forderung mit einer aktuellen Studie der Arbeitsgemeinschaften der gymnasialen Elternbeiräte (ARGE). Für die Umfrage wurden Eltern mit Kindern an Gymnasien im Südwesten angeschrieben und um ihre Meinung zu G8 beziehungsweise G9 gebeten. Fast 18.000 Eltern im Land antworteten. Mehr als 89 Prozent hatten „einen klaren bis sehr deutlichen Wunsch“ nach G9.

Unentschieden in dieser Frage seien 1,5 Prozent und 9 Prozent bevorzugten G8. Die hohe Anzahl der teilnehmenden Personen erlaube den Schluss, dass das Meinungsbild fast vollständig sei, hieß es dazu von der ARGE, wie die dpa berichtet.

Dass sich fast 90 Prozent der Eltern eine Rückkehr zum G9 wünschen, bestätigte den Philologenverband. „Dies ist ein Schlag ins Gesicht von Kultusministerin [Susanne] Eisenmann, die seit Jahren behauptet, dass die Eltern mit dem derzeitigen achtjährigen Gymnasium zufrieden seien“, sagte der Landesvorsitzende des Philologenverbands Baden-Württemberg, Ralf Scholl. Das Kultusministerium sah die Umfrage allerdings nicht als repräsentativ an. Ob eine Befragung von 18.000 Eltern angesichts etwa 300. 000 Gymnasiasten ausreichend aussagekräftig sei, sei dahingestellt, sagte eine Sprecherin. Eine schnelle Umstellung auf G9 wäre auch nicht möglich, „zumal eine solche Reform sicherlich neue Unruhe im Schulsystem und neue Probleme an anderer Stelle schaffen würde“.

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