97 Prozent der Tiere verschwunden

„Kaum vorstellbar“: Tier-Experten beobachten Massensterben in Baden-Württemberg

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In Baden-Württemberg gibt es immer weniger Insekten. Eine Langzeit-Untersuchung auf der Schwäbischen Alb belegt das jetzt mit besorgniserregenden Zahlen.

Stuttgart - Um auf bedrohte Tierarten aufmerksam zu machen, werden gerne Bilder von großen Säugetieren verwendet. Für kleine, eher unscheinbare Lebewesen hat der Mensch weniger Empathie - so scheint es. Dabei findet bei Insekten in Baden-Württemberg momentan ein Massensterben mit gewaltigen Ausmaßen statt.

Wissenschaftler haben auf der Schwäbischen Alb jahrzehntelang Insekten gezählt und die Ergebnisse jetzt veröffentlicht. Die Zahlen sind alarmierend und könnten Auswirkungen auf das gesamte Ökosystem in Baden-Württemberg haben.

Massensterben in Baden-Württemberg: Forscher besorgt über verschwindende Insekten

Dabei hatte Baden-Württemberg zuletzt eher Probleme mit Insekten, die hierzulande eigentlich gar nicht vorkommen sollten. Im Herbst nistete sich ein Insekt aus China in deutschen Wohnungen ein. Ein anderes Insekt bereitet Experten noch größere Sorgen.

In Stuttgart wurde eine Mücke entdeckt, die Bill Gates als das tödlichste Tier der Welt bezeichnete. Die Tigermücke kann tödliche Krankheiten wie das Dengue-Fieber übertragen. Auch die Sandmücke kann Krankheiten auf Menschen übertragen und wird zusehends in Baden-Württemberg heimisch.

Die Wissenschaftler auf der Schwäbischen Alb machen sich aber mehr um heimische Insektenarten Sorgen. In den vergangenen 50 Jahren zählten Vogelkundler aus Baden-Württemberg am Randecker Maar speziell migrierende Insekten. In der „längsten standardisierten Studie zum Thema“ stellten die Forscher einen Rückgang um ganze 97 Prozent fest, so Wulf Gatter, der Leiter der Forschungsstation Randecker Maar. An der Einrichtung zur Langzeitbeobachtung des Vogel- und Insektenzuges dokumentiert Wulf Gatter die alljährlich nach Süden fliegenden Vögel und seit 1972 auch den herbstlichen Zug der Schmetterlinge und Schwebfliegen.

Baden-Württemberg: Massenhaftes Insektensterben laut Studie schlimmer, als befürchtet

Die Erkenntnis, dass in Baden-Württemberg massenhaft Insekten verschwinden, ist dabei eigentlich nicht neu. Bereits eine Studie des Entomologischen Vereins Krefeld (EVK) 2017 stellte eine Abnahme der Gesamtmasse der Fluginsekten in Teilen Deutschlands in den vergangenen drei Jahrzehnten um mehr als 75 Prozent fest.

„Durch unsere Untersuchungen am Randecker Maar, die 20 Jahre früher begannen, wird dieses erschreckende Ergebnis nicht nur bestätigt, sondern leider weit übertroffen“, so Wulf Gatter und seine Kollegen zu ihrer Untersuchung, deren Ergebnis vor kurzem in der „Entomologischen Zeitschrift“ veröffentlicht wurde. Während die Krefelder Studie allerdings die Biomasse analysiert, geht es bei der Untersuchung auf der Schwäbischen Alb um Zählungen.

Im Biosphärenreservat Schwäbische Alb kam es zu einem massiven Insektensterben

„In der Studie, in der wir uns vor allem mit Schwebfliegen befassen, zeigen unsere Ergebnisse einen massiven Rückgang dieser migrierenden Insekten auf“, heißt es unter anderem. „Es ist heute kaum mehr vorstellbar, in welcher Häufigkeit in den 1970er und 1980er Jahren Schwebfliegen vorgekommen sind.“ Von einem ähnlichen Rückgang seien die Waffenfliegen und Schlupfwespen betroffen. Die Forscher betonen in ihrer Untersuchung, dass die Ergebnisse nicht nur für das Randecker Maar gelten, sondern ein großräumiges Phänomen beschreiben.

Insektensterben in Baden-Württemberg könnte Folgen für das gesamte Ökosystem haben

Während die Studie auf der Schwäbischen Alb intensiv auf die Zählungsmethode und den massiven Rückgang der wandernden Insektenarten eingeht, geht sie nur wenig auf mögliche Gründe für das Sterben ein. Ein Grund könnte eine Gefahr sein, vor der Winfried Kretschmann bereits warnte. Der Ministerpräsident Baden-Württembergs glaubt, dass der Klimawandel die „Corona-Krise in den Schatten stellen“ wird.

Daneben gelten der Einsatz von Pestiziden in der Landwirtschaft ebenso wie der Verlust natürlicher Lebensräume als Faktoren für ein Massensterben der Insekten. Auch in Bezug auf die Folgen des Massensterbens gibt die Forschungsstation Randecker Maar nur wenig Einblicke.

Lars Krogmann, Entomologe vom Naturkundemuseum in Stuttgart, warnte gegenüber der dpa davor, die Folgen dieses Sterbens zu unterschätzen: „Je mehr Arten verschwinden, desto mehr gerät das Ökosystem aus den Fugen. Diese Bedrohung ist allgegenwärtig, sie ist permanent, und sie geht weiter zurück, als wir uns bewusst sein mögen“, so Lars Krogmann zur dpa.

Rubriklistenbild: © Marijan Murat/dpa

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