Erhebung vom Statistischen Landesamt

Studie: Landesregierung könnte der falschen Ursache für Ausschreitungen in Stuttgart auf der Spur sein

Einsatzkräfte der Polizei patrouillieren über den Schlossplatz in Stuttgart.
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Nach Ausschreitungen in Stuttgart: Polizei erhöht Präsenz in Innenstadt.
  • Anna-Lena Schüchtle
    vonAnna-Lena Schüchtle
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2.500 Jugendliche zwischen 13 und 19 Jahren mussten 2018 in Baden-Württemberg nach dem Konsum von Alkohol behandelt werden. Seit 2010 geht die Zahl tendenziell zurück.

  • Nach den Ausschreitungen in Stuttgart wird weiter nach den Ursachen geforscht. Bei den Randalierern handelte es sich um zumeist junge alkoholisierte Männer.
  • Eine Erhebung vom Statistischen Landesamt, lässt vermuten, dass der allgemeine Konsum der 13- bis 19-Jährigen in Baden-Württemberg zurückgegangen ist.
  • In Stuttgart liegt die Zahl der Behandlungen in Krankenhäusern in Folge von Alkoholskonsum bei Jugendlichen unter dem Landesdurchschnitt.

Stuttgart - Die Ausschreitungen in Stuttgart liegen mittlerweile mehr als einen Monat zurück. Dennoch werden ihre Ursachen auch weiterhin in der Öffentlichkeit diskutiert. In der Nacht von 20. auf 21. Juni waren knapp 500 vor allem junge Männer vom Oberen Schlossgarten ausgehend durch die Innenstadt von Stuttgart gezogen. Dort kam es zu Randalen, Sachbeschädigungen und Attacken gegen die Polizei.

Ein großer Teil der Randalierer stand unter dem Einfluss von Alkohol, was zu einer Diskussion über ein Alkoholverbot auf öffentlichen Plätzen führte. Gerade der Eckensee im Oberen Schlossgarten hat sich in den vergangenen Jahren zu einem Treffpunkt für junge Menschen entwickelt, die dort unter anderem viel Alkohol konsumieren. Nicht nur aufgrund der Krawall-Nacht in Stuttgart sprachen sich Teile der Polizei und Politik für ein Alkoholverbot aus. Ministerpräsident Winfried Kretschmann sprach in Bezug auf den hohen Alkoholkonsum, dass der Schlossgarten nicht dazu da sei, dass man sich besaufe.

Positive Entwicklung: Zahl der alkoholbedingten Behandlungen von Jugendlichen in Krankenhäusern geht zurück

Auch wenn der missbräuchliche Umgang mit Alkohol nicht die Ursache für den Gewaltausbruch in Stuttgart Mitte Juni war, so war er zumindest ein Faktor. Dennoch lässt sich tendenziell beobachten, dass der Alkoholkosum bei Jugendlichen in den vergangenen Jahren zurückgeht. Das zeigen die Zahlen einer Erhebung des Statistischen Landesamts Baden-Württemberg.

In der Studie wurden die Zahlen der Krankenhausaufenthalte von 13- bis 19-Jährigen in Baden-Württemberg herangezogen, die in Folge von Alkoholkonsum mindestens einen Tag und eine Nacht behandelt werden mussten. Die Daten lassen sich bis ins Jahr 2001 zurückverfolgen. Demnach stieg die Zahl der Krankenhausaufenthalte jahrelang an, bis sie 2009 ihren vorläufigen Höhepunkt mit mehr als 4.000 Fällen erreichte. Seitdem lässt sich jedoch ein tendenzieller Rückgang beobachten. Demnach gab es 2017 bereits noch etwas mehr als 2.700 alkoholbedingte Behandlungen, 2018 waren es mit knapp 2.500 noch weniger.

Mit alkoholbedingten Behandlungen sind laut Statistischem Landesamt in den meisten Fällen Rauschzustände gemeint. Unterschiede bei der Zahl gibt es unter anderem im Geschlechtervergleich. Bei 1.460 aller behandelten Fälle handelte es sich um männliche Jugendliche, bei nur 1.050 um weibliche. Bei Jungen war 2018 zudem die Chance mit 17 Jahren am höchsten, im Krankenhaus wegen Alkoholkonsums behandelt zu werden, bei Mädchen bereits mit 16 Jahren.

Bundesweite Studie unterstützt Annahme: Jugendliche trinken nicht mehr so viel wie vor 10 bis 15 Jahren

Ebenfalls zeigen sich lokale Unterschiede in Bezug auf die Anzahl der Behandlungen. Besonders viele Fälle gab es laut Statistischem Landesamt im Landkreis Freudenstadt. Pro 10.000 Jugendliche mussten dort 60 im Krankenhaus in Folge von Alkoholkonsum behandelt werden - fast doppelt so viel wie der Landesdurchschnitt. Der liegt in Baden-Württemberg bei 32 je 10.000 Jugendlichen. Die wenigstens Behandlungsfälle mit jeweils 18 gab es dagegen in Karlsruhe, Mannheim und im Enzkreis. Ebenfalls knapp unter dem Landesdurchschnitt liegt die Landeshauptstadt Stuttgart mit 30 Behandlungen pro 10.000 Jugendliche.

Das Statistische Landesamt gab keine Bewertung der Datenanalyse ab. Somit bleibt es reine Spekulation, ob der Alkoholkonsum von Jugendlichen in Baden-Württemberg grundsätzlich abgenommen hat. Eine deutschlandweite Studie der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung für das Jahr 2019 würde die These eines Rückgangs des Alkoholkonsums bei Jugendlichen jedoch stützen. Laut Studie, sank die Zahl jener Jugendlichen zwischen zwölf und 17 Jahren, die noch nie in ihrem Leben Alkohol getrunken haben seit 2004 von 21,2 auf 9,5 Prozent, bei den 18- bis 25 Jährigen von 43,6 auf 32,9 Prozent.

Die Zahlen beider Erhebungen zeigen insgesamt einen positiven und hoffnungsvollen Trend hin zu einem weniger missbräuchlichen Umgang von Jugendlichen mit Alkohol. Dennoch sei Rauschtrinken trotz rückläufiger Entwicklungen nach wie vor im Jugendalter weit verbreitet, heißt es in der Studie der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung. Männliche Jugendliche und junge Erwachsene seien dabei in der Mehrheit.

Ausschreitungen in Stuttgart: Negative Folgen, aber auch hoffnungsvolle Bilder

Nach den Ausschreitungen in Stuttgart wird weiterhin nach den Ursachen geforscht. Aufgrund der Krawalle hatten einige Polizisten mit vorübergehender Dienstuntauglichkeit zu kämpfen. Die Polizei erreichte nach den Ausschreitungen in Stuttgart eine überwältigende Welle der Unterstützung aus der Bevölkerung. Eine ebenfalls schöne Botschaft sendete ein jüngst auf Social Media erschienenes Video: Die Aufnahmen zeigten einen Polizisten, der gemeinsam mit Jugendlichen am Hauptbahnhof in Stuttgart tanzte. Um jungen Menschen, die sich nicht an die Regeln halten, Respekt beizubringen, startet die Stadt Stuttgart ein neues Projekt. Sogenannte Respeklotsen sollen Jugendliche auf ihr Verhalten ansprechen.

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