Suchtverhalten in der Corona-Krise

Corona lässt Medien- und Alkoholkonsum drastisch steigen - Suchtexperte: „Insbesondere Kinder leiden“

Ein Bar-Besucher sitzt in einer Szene-Bar in Frankfurt am Main.
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Durch die Corona-Krise entwickelten einige Menschen Ängste und Depressionen. Suchtmittel versprechen eine kurzfristige Entlastung.
  • Julian Baumann
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In der Corona-Krise entwickelten Menschen zunehmend Ängste und depressive Symptome. Das hatte auch Auswirkungen auf die Verbreitung von Süchten.

Stuttgart/Renchen - Das Coronavirus in Baden-Württemberg verändert das soziale und gesellschaftliche Miteinander bereits seit über eineinhalb Jahren. In dieser Zeit traten immer wieder neue Maßnahmen in Kraft, die vor einer Infektion mit dem Coronavirus schützen sollten. Dazu zählte unter anderem die Maskenpflicht aber auch das sogenannte „Social Distancing“. Damit sollten große Menschenansammlung vermieden werden, zugleich führte diese Maßnahme jedoch auch zu einer zunehmenden häuslichen Isolation. Vor allem während der Lockdowns waren viele Menschen für Tage, Wochen oder sogar Monate größtenteils zu Hause, arbeiteten im Home-Office und verließen das Haus nur, um Einkaufen zu gehen.

Die Angst vor einer Infektion, die zunehmende Isolation während der Lockdowns und die gesellschaftliche und soziale Distanz zu anderen Personen, führten bei einigen Menschen offenbar dazu, dass sie vermehrt zu Suchtmitteln griffen. Gerade durch die besonderen Bedingungen während der Coronakrise blieb ein Abgleiten in eine Sucht oftmals unbemerkt, sagt Nikolaus Lange, stellvertretender Geschäftsführer des baden-württembergischen Landesverbands für Prävention und Rehabilitation (bwlv), im Gespräch mit BW24. „Die Bewältigung der Corona-Krise in der Suchthilfe ist noch nicht beendet“, warnt er.

Folgen der Corona-Krise: Drogenkonsum und Mediensucht

Ein umfassender Bericht über Suchtverhalten während der Corona-Krise liegt bislang noch nicht vor. Eine im April 2020 gestartete Studie der Paracelsus Medizinischen Privatuniversität Nürnberg und der Klinik für Abhängiges Verhalten und Suchtmedizin am Zentralinstitut für Seelische Gesundheit (ZI) Mannheim, ging jedoch der Frage nach, wie sich der Konsum von Alkohol und Tabak in den Lockdowns veränderte, berichtet aerzteblatt.de. Deutlich mehr als ein Drittel der anonym Befragten gab dabei an, seit Beginn der Pandemie mehr Alkohol zu trinken. Mehr als 40 Prozent griffen aufgrund veränderter Lebensbedingungen häufiger zur Zigarette.

In Baden-Württemberg starben im ersten Corona-Jahr 2020 zudem 158 Menschen an einer Drogenüberdosis, wie aus der Jahresbilanz der Polizei hervorgeht. Die häufigste Ursache war der Konsum von Heroin, besonders in Verbindung mit anderen Suchtmitteln wie Alkohol. Laut einer Studie der DAK Gesundheit gemeinsam mit Suchtexperten, stiegen zudem die Fälle von Mediensucht im Lockdown drastisch an. Die 10- bis 17-Jährigen brachten 75 Prozent mehr Zeit mit Computer- und Videospielen zu als vor der Pandemie. Zudem wurde auch bei den Social-Media-Aktivitäten eine deutliche Steigerung festgestellt. „Unter dem Corona-Lockdown steigen die Social-Media-Zeiten werktags um 66 Prozent an – von 116 auf 193 Minuten pro Tag“, heißt es in einer Pressemitteilung.

Suchtverhalten in der Corona-Krise: Kontaktbeschränkungen verhindern frühzeitiges Einschreiten

Bei Ängsten und psychischen Problemen, die aufgrund der Corona-Krise vermehrt auftraten, sind Mittel für eine Selbstmedikation eine große Verlockung. „Gerade Suchtmittel sind bekannt dafür, dass sie durch ihre schnelle positive Wirkungsweise kurzfristig Entlastung bei negativen Gefühlszuständen schaffen“, erklärt Nikolaus Lange. Demnach eignen sie sich für eine temporäre Behandlung der Ängste und Probleme. „Insbesondere wenn der Zugang zum Gesundheitswesen ebenfalls eingeschränkt ist.“ Das Gesundheitswesen stand aufgrund des Coronavirus in Baden-Württemberg vor besonders hohen Herausforderungen. In vielen Kliniken mussten Behandlungen und stellenweise sogar Operationen zugunsten einer Covid-Behandlung hinten angestellt werden.

Gerade durch die massive Reduzierung persönlicher Kontakte in der Corona-Pandemie blieb ein Suchtverhalten oftmals lange unbemerkt. „Die Kontakteinschränkungen während der Corona-Krise, beispielsweise das Home-Office, verhindern, dass negative Entwicklungen von Suchtmittelkonsum von der sozialen Umwelt frühzeitig bemerkt werden“, sagt Nikolaus Lange. Dabei sei gerade die frühzeitige Entdeckung, die sogenannte Frühintervention besonders wichtig, um das Abgleiten eines anfänglich hohen Konsums in eine schwerwiegende Abhängigkeit zu verhindern.

Suchtverhalten: „Nicht nur Betroffene leiden“, sagt der Geschäftsführer des Landesverbands

Die Kontaktbeschränkungen aufgrund des Infektionsschutzes und andere Maßnahmen wie Home-Office aber auch das Home-Schooling führten während der Corona-Lockdowns auch dazu, dass Familien eine lange Zeit gemeinsam verbrachten. Für viele Familien hatte das sicherlich auch positive Effekte. So konnten die Eltern beispielsweise mehr Zeit mit den Kindern verbringen. Wenn ein oder mehrere Familienmitglieder aufgrund von Ängsten oder Problemen jedoch zu Suchtmitteln greifen, kann das sehr problematisch werden.

„Nicht nur die Betroffenen leiden, sondern auch das soziale Umfeld“, sagt Nikolaus Lange, der seit 25 Jahren auch als psychologischer Psychotherapeut tätig ist, gegenüber BW24. „Insbesondere Kinder und Jugendliche leiden unter den Folgen des übermäßigen Suchtmittelkonsums der erwachsenen Familienmitglieder.“ Laut Lange betrifft das insgesamt über 10 Millionen Menschen in Deutschland. „Ich kenne das Leid“, macht er deutlich. „Das ist nicht übertrieben.“

Landesverband bietet in der Corona-Krise umfassende Angebote für Menschen mit Suchtproblemen an

Aufgrund der Corona-Krise in Baden-Württemberg waren auch Besuche bei Selbsthilfegruppen oder ähnlichen Angeboten nicht mehr ohne weiteres möglich. Obwohl gerade in einer solchen Krisensituation die Nachfrage nach solchen Angeboten besonders hoch ist, war das Treffen in Gruppen aufgrund der Infektionsgefahr schwierig. Der bwvl hat deshalb frühzeitig mit der Entwicklung von zusätzlichen digitalen Angeboten im Präventionsbereich für Schule und Betrieb, sowie Telefon- und Videokonferenzen in Beratung und Versorgung begonnen, sagt Nikolaus Lange gegenüber BW24. Dadurch konnte die Versorgung von Menschen mit Suchtproblemen aufrechterhalten werden. „Die digitalen Angebote sind von der Mehrheit der Klienten angenommen worden“, so Lange.

Die Bewältigung der Corona-Krise sei bei der Suchthilfe in Baden-Württemberg jedoch noch nicht beendet, sondern müsse unbedingt weitergeführt werden. „Jeder jetzt investierte Euro in passgenaue Prävention, Beratung und Behandlung, erspart viel persönliches Leid und unserer Gesellschaft ein Vielfaches an Folgekosten, welche durch jeden einzelnen Fall von unbehandelten Suchtmittelproblemen entstehen“, so Lange. Jeder Euro, der in die Prävention investiert wird, erspart 27 Euro, die ohne Prävention in die Behandlung eines einzelnen Suchtkranken investiert werden müssten.

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