Ausschreitungen in Stuttgart

„Partyszene“: Die Polizei und die Stadt Stuttgart irritieren mit verunglückter Wortwahl

  • Sabrina Hoffmann
    vonSabrina Hoffmann
    schließen

Die Ausschreitungen in Stuttgart haben ganz Deutschland erschüttert. Jetzt machen Polizei und Politik einen ähnlichen Fehler wie nach den Silvester-Übergriffen in Köln 2015.

  • In der Nacht auf Sonntag kam es zu schwerwiegenden Ausschreitungen in Stuttgart, bei denen Hunderte Menschen Polizisten angriffen und in Geschäften randalierten.
  • Polizeipräsident Franz Lutz und der Stuttgarter Oberbürgermeister Fritz Kuhn gaben eine Pressekonferenz zu den Krawallen in der Landeshauptstadt.
  • Dabei sprachen sie von der „Party- und Eventszene“, die hinter den Ausschreitungen in Stuttgart stehe - und begingen damit einen fatalen Fehler.

Stuttgart - Nach den Ausschreitungen in Stuttgart steht die Stadt unter Schock. Vor allem, weil es so unerwartet kam. Ausschreitungen, ausgerechnet im sonst eher beschaulichen Stuttgart - das klingt nach einem dieser wirren Albträume, die keinen Sinn ergeben und einem trotzdem kalten Schweiß auf die Stirn treiben.

Hätte man mir vor ein paar Tagen jemand eine Liste mit 20 deutschen Großstädten vorgelegt und ich hätte diejenige auswählen sollen, in der in naher Zukunft ganz bestimmt keine randalierenden und plündernden Menschen durch die Straßen ziehen - ich hätte auf Stuttgart getippt. Dazu passt so gar nicht, dass nun der Chef der Polizeigewerkschaft die Ausschreitungen in Stuttgart als Beginn eines neuen Linksterrorismus bezeichnet.

Ausschreitungen in Stuttgart: Polizei spricht von „Party- und Eventszene“

Nun sind die Ausschreitungen in Stuttgart aber kein Albtraum, sondern Realität. Und der Realität sollten wir uns stellen. Die Pflastersteine mögen am nächsten Tag aufgesammelt, die Scherben weggeräumt sein. Doch das, was passiert ist, kann man nicht weggekehren. Die Fragen, die Angst, die Empörung - sie bleiben. Und wenn man genau hinsieht, haben sich die Krawalle schon in den Wochen zuvor angedeutet, beispielsweise als Hunderte Menschen Polizisten bei einem Einsatz in Stuttgart einkreisten.

Doch bei der Aufarbeitung der Ausschreitungen haben die Polizei Stuttgart und die Stadt einen Fehler gemacht: Statt offen und transparent zu kommunizieren, entschieden sich die Verantwortlichen für ein abstruses Wording, das ihnen nun zurecht Häme einbringt.

Hinter den Ausschreitungen in Stuttgart stecke die „Party- und Eventszene“, wie Polizeipräsident Franz Lutz und der Stuttgarter Oberbürgermeister Fritz Kuhn bei der Pressekonferenz am Sonntag bekanntgaben. Es sei im Moment viel los in Stuttgart, die Sommernächte zögen viele Menschen aus dem Umland an, sagte Fritz Kuhn. Alkoholkonsum sei auch ein Grund gewesen, warum die Ausschreitungen in Stuttgart derart eskalierten.

„Party- und Eventszene“ wird nach den Ausschreitungen in Stuttgart zum Trend-Thema bei Twitter

Bei den Ausschreitungen in Stuttgart schlugen Randalierer Schaufenster ein und plünderten Geschäfte wie hier in der Marienstraße

Partyszene? Eventszene? Einige junge Menschen, die beim Feiern zu viel gesoffen haben, sind also einfach ausgetickt und haben im Rausch die Innenstadt von Stuttgart verwüstet? Was völlig absurd klingt, war wohl der Versuch der Stadt und des Polizeipräsidiums Stuttgart, eine politische Instrumentalisierung der Ausschreitungen in Stuttgart zu verhindern. Es waren keine Linksextreme und keine Flüchtlinge, die in der Innenstadt randalierten - diese Botschaft sollte deutlich werden.

Es ist natürlich richtig und wichtig, dass die Polizei das klarstellt. Schließlich gab es jüngst immer wieder linksextreme Gewalt in Stuttgart. Und Flüchtlinge stehen in Teilen der Bevölkerung ohnehin unter Generalverdacht. Die Wortwahl war trotzdem unglücklich. „Party- und Eventszene“ - das klingt unangemessen harmlos. Nach „Disco Pogo“ und Wodka Bull. Aber sicher nicht nach vermummten Männern, die im Rausch der Gewalt Polizisten angreifen und mit Brechstangen Schaufenster einschlagen. Der Begriff „Party- und Eventszene“ entwickelte sich deshalb schnell zum Twitter-Trend:

Seit den Übergriffen in der Silvesternacht 2015 in Köln müssten Behörden und Medien wissen, welchen Schaden falsche Kommunikation anrichten kann. Damals wurde tagelang geschwiegen und verharmlost. Das Vorgehen erzeugte Misstrauen in der Bevölkerung und wirkte wie ein 100-Watt-Verstärker für rechte Hetze.

Ausschreitungen in Stuttgart: Täter kamen aus Deutschland, Somalia, Portugal, Bosnien, Irak

Bei den Ausschreitungen in Stuttgart machen Polizei und Politik wieder den gleichen Fehler. Statt Fakten offen auszusprechen, verstecken sich die Verantwortlichen hinter Worthülsen wie „Party- und Eventszene“. Es war sicher nicht die Partyszene, die in der Stuttgarter Innenstadt gewütet hat. Es waren gewaltbereite, junge Männer, denen die Regeln unseres Rechtsstaates und das Leben der Polizisten in jener Nacht völlig egal waren. Unter den 24 Festgenommenen waren 12 Deutsche, darunter drei Verdächtige mit Migrationshintergrund. Die anderen Festgenommenen stammen aus Kroatien, Bosnien, Somalia, Portugal, Iran, Irak.

Welche Schlüsse zu den Ausschreitungen in Stuttgart lassen sich daraus ziehen? Haben wir es hier mit Ausländerkriminalität zu tun? Ich weiß es ehrlich nicht und es ist noch zu früh, um von 24 Festgenommenen auf die bis zu 500 Menschen zu schließen, die an den Ausschreitungen in Stuttgart beteiligt waren.

Um es klar zu sagen: Ich lehne es ab, ganze Ethnien für die Taten einiger weniger zu verurteilen. Wenn ich sehe, wie die AfD und andere Rechtspopulisten die Ausschreitungen in Stuttgart nun für ihre Propaganda ausschlachten, wird mir übel. Doch die Kommunikation von Polizei und Politik liefert ihnen genau die Munition, die sie brauchen, um die Spaltung unserer Gesellschaft weiter zu vertiefen. Ich sehe die nächsten Wahlergebnisse der AfD, die eigentlich abgestürzt war, schon vor mir.

„Party- und Eventszene“ fiel schon vor Ausschreitungen in Stuttgart auf

Es macht die Situation nicht besser, aus lauter Vorsicht im Zusammenhang mit den Ausschreitungen in Stuttgart schwammige Begriffe wie „Partyszene“ zu bemühen. Diese sogenannte „Party- und Eventszene“ war der Polizei nämlich bereits vor den Ausschreitungen in Stuttgart aufgefallen. Polizeipräsident Franz Lutz erklärte bei der Pressekonferenz: „Das ist eine Gruppe von Menschen, die hat sich seit vier Wochen wieder getroffen in der Öffentlichkeit. Sie betrinkt sich in der Öffentlichkeit, und was dann auch noch wichtig ist, was ganz neu dazukommt: Sie inszeniert sich dann in den sozialen Medien mit ihrem Handeln. Da gehört seit Neuestem auch ein aggressives und beleidigendes Tun gegen Polizeibeamte.“

Wenn wir nach den Ursachen für die Ausschreitungen in Stuttgart suchen, stoßen wir auf das angeschlagene Image der deutschen Polizei. Und auf die unheimliche Macht der sozialen Netzwerke, die Widerstand und Gewalt gegen Polizeibeamte mit Likes belohnen. Die Suche nach der Wahrheit sollte hier ansetzen. Nicht in der Partyszene von Stuttgart, die nun wirklich keine Schlagzeilen wert ist.

Nach den Ausschreitungen in Stuttgart diskutieren Stadt und Polizei über ein Alkoholverbot in Baden-Württemberg. Die Sicherheitspartnerschaft machte am Dienstag einen ersten Schritt, um die Innenstadt sicherer zu machen. Viele Kommunen und Gemeinden befürchten, das Verbot so nicht umsetzen zu können.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare