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Die Schule unter der Achterbahn - Wie auf dem Wasen unterrichtet wird

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«Wasenschule» auf dem Cannstatter Wasen
Schüler betreten die Räume der Wasenschule am Volksfestgelände Cannstatter Wasen. Kinder von Schaustellern werden hier während der Zeit des Volksfestes unterrichtet. © Bernd Weißbrod/dpa

Kinder von Schaustellern lernen da, wo andere ins Festzelt gehen. In der «Wasenschule» auf dem Cannstatter Wasen können sie Rückstände aufholen - denn Schule ist für Schaustellerkinder nicht immer einfach.

Stuttgart (dpa/lsw) - Harry drückt die Klinke einer Eisentür am Rande des Cannstatter Wasens herunter. Die Tür zwischen U-Bahn-Unterführung und den ersten Wasenständen ist in einer Mauer eingelassen und vollkommen mit Graffiti übersprüht. Wer nicht weiß, was sich dahinter verbirgt, übersieht sie leicht. Doch der 14-Jährige kennt sich gut aus, er kommt fast täglich, denn hinter der Tür verbirgt sich sein Klassenzimmer oder besser: eines seiner Klassenzimmer. Harrys Eltern sind Schausteller. Reisen und Schulwechsel gehören zum Alltag der Familie. Zurzeit lernt der Junge unweit von Zuckerwatte, Achterbahnen und Festzelten in der «Wasenschule», einer Schule für die Kinder von Schaustellerinnen und Schaustellern. 

Das Klassenzimmer, eigentlich ein Schulungsraum der Feuerwehr, unterscheidet sich kaum von einer «normalen» Schule: Poster mit Satzbau und Grammatik zieren die Wände, auf den Tischen liegen Schulhefte und Textmarker, aber an den Tischen sitzen neben den Kindern auch auffallend viele Erwachsene.

Der Bereichslehrer Michael Widmann steht in den Räumen der Wasenschule am Volksfestgelände Cannstatter Wasen
Der Bereichslehrer Michael Widmann steht in den Räumen der Wasenschule am Volksfestgelände Cannstatter Wasen. © Bernd Weißbrod/dpa

«Wir haben meistens eine Eins-zu-Eins-Betreuung. Pro Tag kommen rund 20 Kinder von der ersten bis zur zehnten Klasse. Normalerweise ist dann pro Kind ein Bildungspate da», erklärt Michael Widmann, der die Wasenschule gegründet hat und dort auch unterrichtet. Bildungspaten, das sind zum Beispiel pensionierte Lehrerkräfte oder Pädagogikstudierende. So manch eine Schule kann von einem Eins-zu-Eins-Betreuungsschlüssel nur träumen. Doch das Bild täuscht, sagt Widmann: «Die Kinder, die hierherkommen, haben durch die ständigen Schulwechsel oft Probleme in der Schule. Nur durch die vielen Freiwilligen können sie gefördert werden, Wertschätzung erfahren und Selbstvertrauen aufbauen.»

Wer Schausteller werden will, muss keine reguläre Ausbildung machen. Schulbildung sei aber trotzdem wichtig, sagt Widmann. In den Wochen während des Stuttgarter Frühlingsfestes und des Cannstatter Wasens können die Kinder in der Wasenschule Stoff aufholen und Defizite ausgleichen. Die Schulen in den Heimatorten der Kinder, ihre «Stammschulen», geben per Mail Bescheid, welche Themen sie bearbeiten sollen - meistens jedenfalls: «Obwohl ich schon mit der Lehrerin geredet habe, schickt sie einfach keine Lernpläne», klagt eine Mutter.

Auch für solche Fälle fühlt sich Widmann zuständig und nimmt sich vor, in der Schule des Kindes anzurufen: «Ich bin manchmal auch Anwalt für die Kinder, wenn es in der Stammschule nicht so funktioniert, wie es soll.» Schaustellerkinder und ihre Eltern, so Widmann, müssten immer wieder aufs Neue um ihr Recht auf Bildung kämpfen.

Harry sitzt heute neben Elisabeth Renzel-Müller vor einem aufgeschlagenen Gemeinschaftskunde-Schulbuch. Früher hat die Bildungspatin an einer Grundschule unterrichtet, heute hilft sie dem 14-Jährigen bei den Hausaufgaben: «Als ich zum ersten Mal hier war, war ich sehr aufgeregt und hatte Sorge, Fragen nicht beantworten zu können. Aber wir helfen uns hier alle gegenseitig, niemand muss alles können», erzählt sie.

Ein solch positives Umfeld ist nicht überall selbstverständlich: Die Schulen in Baden-Württemberg seien von Lehrermangel und vollen Klassen geprägt, teilt die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) mit. Für gezielte Förderung, die die Schaustellerkinder dringend bräuchten, gebe es nur selten die nötigen Ressourcen. Wichtig wären multiprofessionelle Teams aus Schulsozialarbeitern und Schulpsychologinnen, wie die GEW fordert. Auch Werner Burgmeier, Präsident des Landesverband der Schausteller und Marktkaufleute in Baden-Württemberg, sieht die Regierung in der Pflicht: «Mobile Schulen, die auf Volksfeste mitreisen, müssen finanziell mehr unterstützt werden. Anders geht es nicht.»

Harrys Eltern stehen mit ihren Ständen auf rund 14 Festen pro Jahr. Auf dem Cannstatter Wasen sind sie gerade mit einem Pferdederby: ein Geschicklichkeitsspiel, bei dem man mit Kugeln in ein Loch treffen muss, um ein Pferd so schnell wie möglich ins Ziel zu treiben. «Wenn es irgendwie geht, bleibe ich auf meiner Schule in Köln. Trotzdem wechsle ich ungefähr vier Mal im Jahr die Schule», erzählt der 14-Jährige. Schwierig sei das schon manchmal, wenn man an den neuen Schulen niemanden kenne, erzählt Harry.

Für ihn hat die Pandemie auch Vorteile gebracht, zwei Jahre lang konnte er auf dieselbe Schule gehen. Doch Corona hat auch ganz andere Auswirkungen auf sein (Schul-)Leben: «Ich weiß noch nicht genau, was ich nach der Schule machen will. Vielleicht werde ich auch Schausteller, aber in den letzten zwei Jahren habe ich auch gemerkt, wie unsicher der Beruf sein kann.»

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