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An alle Nörgler: Euer Stuttgart-Hass hängt mir zum Hals raus

Autorenbild in Stuttgart
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Von wegen hässlich: Stuttgart gehört zu den schönsten Städten Deutschlands. Man muss nur die richtigen Spots kennen.
  • Anna-Lena Schüchtle
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Von kaum einer Stadt scheint solch eine schlechte Meinung zu existieren wie von Stuttgart. bw24-Autorin Anna-Lena Schüchtle reicht es jetzt. Ihre Meinung: Nicht Stuttgart ist das Problem, sondern ihr.

“Hässlich”, “Zu viele Baustellen”, “Schreckliche Menschen”. So oft musste ich mir derartige Lästereien über meine Heimatstadt anhören (jüngst bezeichnete Comedian Felix Lobrecht sie gar als „Drecksstadt“). Meist ungefragt. Meist ziemlich von oben herab. Und manchmal wirkt es sogar fast so, als würdet ihr Stuttgart einfach aus Prinzip doof finden. Was euch aber vermutlich nicht klar ist: Jedes Mal, wenn ihr so schamlos über meine Heimat herzieht, versetzt ihr mir gleichzeitig einen unangenehmen Stich ins Herz.

Meistens versuche ich darüber hinwegzulächeln, viel zu selten, euch von den positiven Aspekten zu überzeugen. Die Wahrheit aber ist: Euer Stuttgart-Bashing hängt mir zum Hals raus. Ich habe es satt, mir wieder und wieder eure abgedroschenen Klischees über spießige Schwaben, fehlenden Humor und verstaubte Gepflogenheiten anzuhören. Denn sie entsprechen nicht mal ansatzweise meiner Wahrnehmung von dieser wundervollen Stadt.

Hättet ihr nur einmal versucht, einen unvoreingenommenen Blick hinter die Fassade zu werfen, wäre euch sicherlich aufgefallen, dass die Schwabenmetropole neben Baustellen, Lärm, Staus und dem ein oder anderen Spießbürger auch sehr viele liebenswerte Seiten hat. Ich sage: Nicht Stuttgart ist das Problem, sondern ihr.

San-Francisco-Charme im Schwabenländle

Hügelige Straßen in Stuttgart.

Denn ich für meinen Teil habe diese Stadt über die Jahre nicht nur trotz, sondern irgendwie sogar wegen ihrer kleinen Eigenarten zu lieben gelernt. Ja, ihr Nörgler habt schon recht. Die vielen Baustellen – allen voran Stuttgart 21 – sind nicht gerade hübsch anzusehen und sorgen bisweilen für sehr lange Staus. Es zwingt euch aber auch keiner, mit dem Auto durch die City zu fahren. Bus, Bahn oder Fahrrad tun es auch.

Gut, zu letzterem Fortbewegungsmittel kann ich tatsächlich nur jenen raten, die über eine gute Kondition und trainierte Oberschenkel verfügen - oder sich diese zulegen wollen. Durch die Kessellage und die vielen Steigungen kann einen schließlich bereits der Weg zur Arbeit mit dem Rad oder auch zu Fuß ins Schwitzen bringen. Als Ausgleich gewährt euch Stuttgart dafür aber eine traumhafte Kulisse, die hier und da sogar San-Francisco-Charme versprüht. Also von wegen „hässlich“.

Der Moment, als ich mich in Stuttgart verliebte

Welche Großstadt kann noch dazu von sich behaupten, dass das Erste, was Reisende bei ihrer Ankunft am Hauptbahnhof sehen, neben Baustellen und Häuserschluchten auch malerisch gelegene Weinberge und Wälder sind? Welche Großstadt ermöglicht euch solch traumhafte Blicke, wie jenen vom Monte Scherbelino, dem Eugensplatz oder der Grabkapelle auf dem Württemberg?

Seid ihr je nach einer durchzechten Nacht mit einer eisgekühlten Cola die Karlshöhe schwankend hinaufgewandert, um euch dort den Sonnenaufgang anzusehen? Ich verspreche euch: Spätestens wenn die ersten Sonnenstrahlen das Häusermeer, die Baumwipfel und den Stuttgarter Fernsehturm in ein sanftes Rot tauchen, werdet auch ihr diese angeblich so “hässliche” Stadt mit ganz anderen Augen betrachten.

Was viele außerdem gerne vergessen: Stuttgart hat nicht nur viele Autos, es ist nicht nur laut und die Luft voller Feinstaub. Stuttgart ist vor allem auch grün. Denn ganz gleich, wo in der City ihr euch befindet, ihr müsst euch nur in irgendeine Stadtbahn oder einen Bus setzen und seid 10 bis 20 Minuten später inmitten von Wald, Wiesen, Feldern, Seen und/oder Weinreben. Oder in einem Dorf.

Stuttgart ist ein Dorf” – na und?

Erst kürzlich hat es mich nach Plieningen verschlagen. Und hätte ich nicht gewusst, dass es sich dabei um einen Stadtteil der Landeshauptstadt handelt, ich hätte geschworen, ich befände mich irgendwo auf der schwäbischen Alb. Denn auch das ist Stuttgart: irgendwas zwischen Big City Life und Dorf. Dem Berliner mag das vielleicht zu klein und langweilig erscheinen, dem Landbewohner dagegen zu groß und trubelig.

Für mich aber ist diese scheinbar widersprüchliche Mischung einfach perfekt. Restaurants, Bars, Clubs, Stadionbesuche, Konzerte – Stuttgart bietet alle Vorzüge einer Großstadt. Wenn ich aber nachmittags über die Königstraße schlendere oder abends ein Bier am Hans im Glück Brunnen oder am Palast trinke, kann ich trotz der mehr als 600.000 Einwohner und Einwohnerinnen darauf wetten, dass ich irgendjemanden treffe, den ich kenne.

Nirgendwo findet ihr so treue Freunde

Und selbst wenn das einmal nicht der Fall sein sollte: Neue interessante Leute kennenzulernen, ist auch in Stuttgart kein Problem. Diesbezüglich würde ich nämlich gerne mit einem besonders fiesen Vorurteil meiner Heimatstadt gegenüber aufräumen. Demnach soll es hier als “Neigschmeggder” schwierig sein, Anschluss zu finden. Aus eigener Erfahrung kann ich euch jedoch sagen: Wenn ihr es nicht schafft, in Stuttgart neue Leute kennenzulernen, dann würde ich mich an eurer Stelle erst einmal selbst hinterfragen, bevor ihr der Stadt die Schuld gebt.

Denn ganz davon abgesehen, dass Stuttgart mittlerweile ohnehin eine bunte Multi-Kulti-Hochburg geworden ist (immerhin 44 Prozent aller Bürgerinnen und Bürger haben einen Migrationshintergrund) und ihr fast sogar nach schwäbischen Originalen suchen müsst, um einem zu begegnen, mag die schwäbische Mentalität zwar tatsächlich etwas eigen sein. Und ja, wir sind hier auch keine Frohnaturen, wie man sie aus dem Rheinland kennt. „Bruddeln“, Ordnungszwang und eine gewisse Grundskepsis machen uns eben aus.

Dafür werdet ihr nur an wenigen Orten dieser Welt solch aufrechten und ehrlichen Menschen begegnen wie in der Schwabenmetropole. Habt ihr es einmal geschafft, dass sie euch ins Herz schließen, bleiben sie euch auch ein Leben lang treu. Diese Behauptung stammt im Übrigen nicht von mir, sondern von mehreren “Neigeschmeggden”, deren Stuttgart-Bild ursprünglich ebenfalls von Vorurteilen verzerrt war.

Ein bisschen weniger Ignoranz würde euch gut tun

In Stuttgart lebt die größte frei lebende Population von Gelbkopfamazonen außerhalb ihres Heimatgebiets im Amazonas-Gebiet. Ihre Geschichte begann mit einem 1984 in die Freiheit entlassenen (oder ausgebüxten) Exemplar, dem wenig später ein zweites folgte. Auf diesem Paar begründet sich die heute um die 60 Tiere große Population.

Also ja, Stuttgart hat viele Macken. Die Leute sind manchmal etwas gewöhnungsbedürftig, der Geruch lässt zu wünschen übrig und es gibt tatsächlich sehr viele Baustellen. Es ist aber auch ein Ort, wo man nachts Superhelden begegnet, wo Gelbkopfamazonen über eure Köpfe hinwegfliegen, wo es den besten Döner Deutschlands gibt und Kulturen friedlich und unvoreingenommen aufeinandertreffen. Und wer weiß: Vielleicht würde es dem Image der Stadt helfen, wenn ihr Nörgler, Lästermäuler und Lobrechts genau das auch einmal versucht.

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