Deutsches Trinkverhalten

Ich trinke keinen Alkohol und muss mich dafür rechtfertigen - das ist absurd!

Corona-Party in Frankfurt
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Alkoholkonsum ist in Deutschland selbstverständlich. Wer darauf verzichtet, muss sich oft rechtfertigen - dabei sollte es umgekehrt sein.
  • Valentin Betz
    VonValentin Betz
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Der Deutsche liebt sein Feierabendbier. Unser Autor verzichtet schon lange darauf - und löst damit ständig Diskussionen aus. Damit muss Schluss sein.

Stuttgart - Ich trinke schon seit Jahren keinen Alkohol mehr. Es fing mit einem Selbstexperiment an: Schaffe ich es, ein ganzes Jahr darauf zu verzichten? Ja, ich schaffte es. Danach gönnte ich mir wieder gelegentlich ein Bier, merkte aber schnell: Eigentlich brauche ich es nicht. Also strich ich den Alkohol komplett.

Ich bekam schon immer bereits von geringen Alkoholmengen einen Kater und auch wenn ich mein Limit kannte - hin und wieder wurde es doch ein Schluck zu viel. Trotzdem dachte ich nur wenig über den Alkoholkonsum im Allgemeinen nach. Das passierte tatsächlich erst, als ich nichts mehr trank. Denn seitdem habe ich auf Feiern kaum noch meine Ruhe. Sobald das Thema zur Sprache kommt, stehe ich im Mittelpunkt und muss mich rechtfertigen. Geht‘s noch? Das nervt - und zeigt obendrein, wie verzerrt unsere Einstellung zum Alkohol inzwischen ist.

Alkohol ist eine Selbstverständlichkeit - trotz nachgewiesener Gefahren

Zu Beginn meines Verzichts versuchten vor allem enge Freunde noch, mich zum ein oder anderen alkoholischen Getränk zu überreden. Klar, das nervte. Aber mit der Zeit setzte Akzeptanz ein und die Überredungsversuche hörten auf. Es gab aber weiterhin Diskussionen, sobald das Thema bei neuen Bekannten zur Sprache kam. Es kam mir immer absurder vor, dass ausgerechnet ich regelmäßig in die Rechtfertigungsposition geriet.

Denn nach wie vor sind Alkoholkonsum und dessen Folgen ein ernstzunehmendes Problem. „6,7 Millionen Menschen der 18- bis 64-jährigen Bevölkerung in Deutschland konsumieren Alkohol in gesundheitlich riskanter Form“, schreibt beispielsweise das Bundesministerium für Gesundheit. Jedes Jahr sterben etwa 74.000 Menschen an den Folgen des Alkoholkonsums allein - oder in Kombination mit Rauchen. Pro Kopf trinkt jeder Deutsche jedes Jahr zehn Liter reinen Alkohols. Trotzdem war es auf Feiern nicht ich, der andere fragte: „Warum trinkst du Alkohol?“

Wer keinen Alkohol trinkt, steht im Fokus - dabei sollte es umgekehrt sein

Denn es stört mich ja nicht, wenn andere Alkohol trinken - am Ende entscheidet jeder selbst über seinen Konsum. Weil stattdessen oft ich nach dem „Warum“ gefragt werde, muss ich aber automatisch den Oberlehrer geben. Dann bete ich all die Gründe herunter, die gegen den Konsum sprechen - und das sind einige.

Dabei offenbart die Überraschung im Gesicht meines Gegenübers nur, wie selbstverständlich Alkohol in unserer Gesellschaft ist. Drehe ich den Spieß tatsächlich einmal um, enden die Pro-Argumente meist nach „schmeckt gut“ und „entspannt mich“. Ganz selten folgt noch ein kaum ernst gemeintes „ist gut fürs Herz“. In meinem Bekanntenkreis gibt es durchaus Menschen, die Kriterien für Alkoholmissbrauch erfüllen. Damit konfrontiert, würden sie wahrscheinlich nur lächelnd abwinken.

Spannend finde ich immer wieder auch die Frage: „Wie hältst du es auf Partys ohne Alkohol aus?“ In welcher Welt leben wir, in der Partygäste sich offenbar jede Feier schön trinken müssen? Braucht es Veranstaltungen, die anscheinend nur unter Alkoholeinfluss genießbar sind? Wer gar nicht mehr hinterfragt, dass Genuss nur noch mit alkoholischen Getränken denkbar ist, beschreitet einen gefährlichen Pfad.

Alkohol ist eine Droge - Deutschland muss die Debatte darüber weiter vorantreiben

Durch die Corona-Pandemie und zuletzt die Bundestagswahl ist das Thema Alkoholkonsum zumindest wieder medial im Blick. Laut eines Suchtexperten ließ Corona den Alkoholkonsum drastisch steigen. Auch als Begleiterscheinung der Debatte zur möglichen Legalisierung von Cannabis wurde hierzulande wieder über den Konsum von Alkohol debattiert. Bei Twitter trendete zeitweise der Hashtag #alkohol, unter dem sich die Gemeinschaft zu den Gefahren beider Drogen austauschte.

Das ist meines Erachtens extrem wichtig. Alkohol ist eine Droge. Das mögen viele nicht gerne hören. Aber die Selbstverständlichkeit, mit der in Deutschland Alkohol konsumiert und verharmlost wird, ist erschreckend. Es wird auch weiterhin Menschen geben, die verwundert darauf reagieren, dass ich keinen Alkohol mehr trinke. Vielleicht stellen künftig aber auch mehr Leute auf Partys die Frage: „Warum trinkst du Alkohol?“

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