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9-Euro-Ticket: Meckert nicht über überfüllte Züge, sondern freut euch, dass es das überhaupt gibt

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Von: Sina Alonso Garcia

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Dass das 9-Euro-Ticket zu einem Massenandrang an Bahnhöfen führt, war vorhersehbar. Statt über volle Züge zu schimpfen, könnten die Deutschen sich aber auch einfach mal über das positive Zeichen freuen - findet unsere Autorin.

Stuttgart - Vorab: Ja, es gibt wirklich nichts Nervigeres als überfüllte Züge. Gruppenkuscheln im Stehen mit wildfremden Menschen, eingekeilt zwischen Koffern und Rucksäcken bei abgestandener Luft - darauf kann wirklich jeder getrost verzichten. Gerade jetzt in den Pfingstferien würden sich viele wünschen, statt eines ultimativen Horrortrips eine entspannte Fahrt ans Urlaubsziel zu erleben. Ich verstehe jeden, der sich nach der anfänglichen 9-Euro-Ticket-Euphorie enttäuscht zurückzieht und vielleicht sogar zeitweise wieder aufs Auto umsteigt. Verspätungen, Störungen und Überfüllungen sind absolut lästig und zeigen, wie viel in Sachen Bahninfrastruktur in Deutschland noch getan werden muss. Was ich nicht verstehe: Menschen, die die Entscheidung zum 9-Euro-Ticket als falsch abtun.

In den sozialen Netzwerken tummeln sich derzeit einige Kritiker des 9-Euro-Tickets. Die Situation an den Bahnhöfen sei viel zu chaotisch, aus Frust würden viele wieder vollständig aufs Auto umsteigen und die Ampel-Regierung tue das alles sowieso nur, um toll dazustehen. Bekennende politische Gegner sehen hier ihre Chance, das 9-Euro-Ticket hämisch als gescheitert zu erklären. Während ich einerseits Verständnis dafür habe, dass man gerne wissen möchte, wie sich das alles finanziert und inwiefern uns eine auf drei Monate beschränkte Maßnahme wirklich hilft, finde ich: Die Idee hinter dem 9-Euro-Ticket, Bürger durch Anreize zum Umstieg auf den ÖPNV zu bewegen, ist löblich. Auch für Pendler ergibt sich dadurch eine immense Ersparnis. Und selbst Menschen, die wirklich am Existenzminimum leben, können womöglich zum ersten Mal überhaupt in ihrem Leben Zug fahren.

9-Euro-Ticket: Bei der Quasi-Freifahrt durch ganz Deutschland müsst ihr Abstriche machen

Die hohe Nachfrage nach dem 9-Euro-Ticket und die überfüllten Bahnhöfe sollte man nicht als Scheitern, sondern als Bestätigung begreifen. Es zeigt, dass die Bürger durchaus Bahn fahren wollen - wenn die Konditionen stimmen. Mag sein, dass das Fahrgastaufkommen unterschätzt wurde und unsere derzeitige Infrastruktur einfach nicht vollständig ausreicht für derartige Experimente. Gleichzeitig führt es uns aber doch vor Augen, wie viele Menschen prinzipiell bereit wären, für eine längere Zeit aufs Auto zu verzichten und auch mehrere Umstiege in Kauf nehmen würden, sofern der Staat das Zugfahren subventioniert. Selbst wer auf dem Weg in den Pfingsturlaub Probleme mit der Anbindung hatte - meine Güte, für die Quasi-Freifahrt durch ganz Deutschland muss man eben Abstriche machen.

Kritiker werfen der Ampel-Regierung zudem vor, dass die 2,5 Milliarden Euro, die für das 9-Euro-Ticket vom Bund für die Länder gestellt wurden, womöglich nicht reichen, um die Mehrkosten für Busse, Bahnen und Personal, die in diesem Zeitraum anfallen, zu decken. Bundesverkehrsminister Volker Wissing (FDP) erklärte jedoch, dass die 2,5 Milliarden Euro bereits sehr großzügig gerechnet seien. So entspreche die Summe etwa einem Viertel der Ticket-Einnahmen, die die Länder für 2022 erwarten. Die drei Sommermonate von Juni bis Ende August seien in der Regel ohnehin nicht die einnahmestärksten. Bevor man jetzt sagt „das reicht nicht“ könnte man ja erstmal abwarten und sich - falls die Bedenken eintreten - dann beschweren, wenn wirklich Transparenz herrscht.

9-Euro-Ticket: Hysterisch zu sein wäre jetzt übertrieben

Die Hysterie, die nun teilweise - gerade mal eine Woche nach Anlauf des 9-Euro-Tickets - losbricht, halte ich für völlig übertrieben. Um es mit den Worten des Comedians Abdelkarim zu sagen:

Anstatt immer nur zu meckern, könnten die Deutschen auch einfach mal die positiven Nebeneffekte des 9-Euro-Tickets genießen. Noch nie gab es hierzulande eine vergleichbare Maßnahme, die Mobilität für alle so unkompliziert und günstig ermöglicht. Klar ist es ärgerlich, wenn der Zug proppenvoll und die Bahnhöfe überlastet sind. Und klar würde man sich wünschen, dass es nicht bei diesem einmaligen Anreiz bleibt und langfristig eine Änderung der Preispolitik stattfindet. Aber bevor wir jetzt schon anfangen, über eine Maßnahme zu sinnieren, die gerade erst angelaufen ist: Lasst uns doch einfach mal genießen, dass wir für nur 9 Euro im Monat überall hinfahren können, wo wir möchten und extrem günstig in Deutschland Urlaub machen können. Es gibt sogar richtig lange Strecken, die man ohne Umsteigen fahren kann. Meckern können wir auch später noch!

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