1. bw24
  2. Sport

Diversity-Expertin Tatjana Eggeling: „Wir müssen aufhören, so zu tun, als sei Sport nicht politisch“

Erstellt:

Von: Sina Alonso Garcia

Kommentare

Expertin Tatjana Eggeling
Tatjana Eggeling, die unter anderem als Beraterin für homosexuelle Fußballprofis tätig ist, blickt mit Sorge auf die anstehende WM in Katar. © Tatjana Eggeling/dpa/PA Wire/Adam Davy (Fotomontage BW24)

In wenigen Tagen fällt der Startschuss für die Fußball-WM in Katar. Von Vorfreude kann allerdings keine Rede sein. Im Interview mit BW24 spricht Diversity- und Sportexpertin Tatjana Eggeling Klartext über korrupte Funktionäre und eine Fußballwelt, die dringend neu sortiert werden sollte.

Berlin - Selten war die Vorfreude auf eine Fußball-WM so gedämpft wie jetzt. Wenige Tage vor dem Anpfiff in Katar geht es in Diskussionsrunden nicht wie gewohnt um das Turnier selbst, sondern vielmehr um moralische und ethische Fragen. Korrupte Funktionäre der Fifa und schockierende Menschenrechtsverletzungen werfen ihre Schatten auf das Sportevent. Auch Diversity- und Sportexpertin Tatjana Eggeling zeigt sich entsetzt, dass es so weit kommen konnte. Überrascht ist sie jedoch nicht. Im Gespräch mit BW24 fordert sie mehr Transparenz im „Fußballzirkus“ und will der „Verlogenheit, zu behaupten, Sport hätte mit Politik nichts zu tun“ ein Ende setzen.

Frau Eggeling, was würden Sie jemandem sagen, der sich aktuell noch überlegt, ob er die WM schauen soll?

Nicht schauen!

Schauen Sie es auch selbst nicht?

Nein. Es wird mir schwer fallen, aber ich werde es nicht schauen. Das einzige, was ich mir selbst zugestehe, ist, das Endspiel zu gucken, falls das deutsche Team diese Phase des Turniers erreicht. Ansonsten nicht. Es ist natürlich ein ganz kleiner Schritt. Aber wenn viele Menschen die WM nicht schauen, werden geringere Zuschauerzahlen bei den übertragenden Sendern registriert. Es ist letztendlich nur ein kleines und symbolisches Zeichen, weil sich der Fußballzirkus natürlich weiter drehen wird, wie er das immer getan hat.

Glauben Sie, dass es im Stadion politische Aktionen oder Botschaften von Fans geben wird?

Ich nehme an, dass man in Katar Sicherheitsvorkehrungen treffen wird. Wir wissen aber auch, dass Fan-Gruppen sehr findig sind. Dass sie imstande sind, Transparente, Banner und sogar Pyro-Technik trotz guter Kontrollen ins Stadion zu schmuggeln. Ob sich eine Gruppe trauen wird, etwas in die Richtung zu machen, wage ich nicht vorauszusagen. Weil die Fans natürlich damit rechnen müssen, einen Rechtsbruch zu begehen und das Risiko besteht, im Gefängnis zu landen. Möglich wäre es, aber ich glaube eher nicht, dass es passiert.

Wie sieht es mit den Sportlern aus? Könnten die vielleicht ein Zeichen setzen?

Es gibt ja das Beispiel der dänischen Mannschaft, die gebeten hat, bestimmte Trainings-T-Shirts anzuziehen, die mit einer Botschaft für Menschenrechte versehen waren. Das ist ihnen untersagt worden. Auch der Fan-Flieger der deutschen Mannschaft mit der Aufschrift „Diversity Wins“ ist nach Oman geflogen und nicht nach Katar. Während der WM sind den Teams die Hände gebunden. Die müssen sich an die Fifa-Regeln halten. Seine Teilnahme zu riskieren, weil man etwas „Falsches“ macht, ist natürlich schwierig. Selbst wenn sich Teams dazu entscheiden, brauchen sie die volle Rückendeckung ihrer Verbände, damit man hinterher gegen Sanktionen vorgehen kann - aber da sehe ich Schwarz, dass das glücklich ausgehen würde.

Was muss getan werden, damit sich im „Fußballzirkus“ etwas ändert?

Was ich im Grunde von sämtlichen Sportverbänden erwarte, ist, dass sie zugeben, dass Sport und Politik sehr viel miteinander zu tun haben und dass diese Trennung, von der sie immer sprechen, eine absolut unrealistische und virtuelle ist - die gibt es einfach nicht! Wir müssen aufhören, so zu tun, als sei Sport nicht politisch. Das fängt schon bei den Nationalteams an - wir sind ohnehin mitten drin in der internationalen Politik, wenn wir von Sport reden. Die Sportverbände müssen das eingestehen, sich ihrer Verantwortung bewusst werden und mal ihre Präambeln lesen - in denen steht, dass sie für Umweltschutz und Menschenrechte eintreten. Zum Umweltschutz passen zum Beispiel die klimatisierten Stadien in Katar nicht.

Was kann - speziell in Deutschland - jeder einzelne von uns tun, damit im Fußball ein Umdenken stattfindet und die derzeitigen Missstände sich ändern?

Die Menschen, die sich für Fußball interessieren, sind ziemlich unzufrieden, wie es gerade läuft. Sowohl, was die Verbandsstrukturen international mit den ganzen Korruptionsgeschichten angeht - als auch die Schere zwischen armen und reichen Clubs, die immer weiter auseinandergeht. Ich glaube letztlich, dass man als Fan oder Fangruppe nicht viel Handlungsspielraum hat - außer, immer wieder auf sich aufmerksam zu machen und sich zum Beispiel mit investigativen Journalisten anzufreunden und diese mit Informationen zu versorgen. Viele Ultragruppen weisen schon jetzt auf Missstände hin - was ich großartig finde - aber letztendlich haben wir die Erfahrung gemacht, dass die Funktionäre zwar Lippenbekenntnisse äußern, aber sich dann doch nichts ändert. Bestes Beispiel ist die Fifa, die nach dem Skandal, dass die WM in Deutschland gekauft war, angekündigt hat, das zu untersuchen. Da hieß es: „Ja, ja, wir untersuchen das und das soll alles nie wieder vorkommen.“ Und bei der nächsten WM-Vergabe ist es wieder passiert! Angesichts dessen können wir sogar davon ausgehen, dass alle Meisterschaften der letzten zehn Jahre gekauft sind. Es gab laut dem Nachrichtenmagazin Der Spiegel bei der Vergabe der WM an Katar 2010 lediglich einen Funktionär im Exekutivkomitee der Fifa, der frei von Vorwürfen war - die anderen waren alle mehr oder weniger vorbelastet.

Die Diskussion um Katar kocht ja erst seit kurzem so richtig hoch. Wie haben Sie da die Entwicklungen wahrgenommen? Hätten die Medien schon früher mehr darüber berichten sollen?

Im Journalismus ist natürlich Tagesaktualität das höchste Gebot. Und viele kümmern sich dann erstmal um andere tagesaktuelle Fragen, das will ich den Journalist*innen gar nicht vorwerfen. Ein bisschen ärgert es mich aber doch, dass jetzt erst einige Fernsehdokumentationen so richtig den Finger in die Wunde legen - auch in den Sportredaktionen der Öffentlich-Rechtlichen. Das hätten sie auch vor einem Jahr schon machen können - mehr aufklären. Ich kann schon auch verstehen, dass die Journalist*innen jetzt, wo das Event unmittelbar ansteht und es in aller Munde ist, berichten und dass sie das nicht fünf Jahre vorher machen. Andererseits gibt es schon auch die nicht ganz unberechtigte Erfahrung, dass, wenn gut ausgebildete Journalist*innen rechtzeitig aufklären, was im Hintergrund läuft, das einen Effekt auf die Wahrnehmung in der Bevölkerung hat. Als Franz Beckenbauer 2013 sagte, er habe keine Sklaven in Katar gesehen, wäre das zum Beispiel ein wunderbarer Aufhänger gewesen, sich da mal ein paar Tage dran zu setzen und zu sagen: Lieber Herr Fußballfunktionär, klar haben Sie keine Chance, Sklaven zu sehen, wenn Sie in einer geführten Delegation als offizieller Vertreter dort herumreisen. Die Veranstalter wären ja blöd, ihm das zu zeigen! Damit fängt es ja schon an, dass so etwas ohne weitere Einordnung stehen gelassen wird.

Denken Sie, dass das Vergabeverfahren bei der Fifa in Zukunft genauso weitergeht? Oder glauben Sie, der derzeitige Aufschrei hat einen Effekt darauf, dass sich das Ganze in Zukunft bessert? Weil noch mehr Menschen jetzt darauf schauen?

Ich glaube, in der nächsten Zeit wird schon genauer draufgeschaut. Dennoch glaube ich nicht, dass sich grundsätzlich etwas ändert. Wir sprechen hier von einem Sumpf, der richtig tief ist. Wenn wir uns die Funktionäre anschauen, die im Moment das Sagen haben, dann sind die absolut unbelehrbar. Sie profitieren ja davon. Wieso sollten sie ihre Einnahmequellen stoppen, nur um plötzlich transparent und ehrlich zu werden? Es ist bitter, aber so eine Struktur aufzulösen und umzubauen, erfordert viel Arbeit - und viel Bereitschaft von denen, die im Moment das Sagen haben, zurückzutreten und eine Veränderung zuzulassen. Aber wer gibt schon gerne Macht ab? Solange auch die Staatsanwaltschaften nicht die Möglichkeit haben, die Verantwortlichen zu belangen, wird sich da nichts ändern.

Wie wird die WM in Katar in der queeren Community diskutiert? Besteht dort ein breiter Konsens, die WM zu boykottieren?

Was ich weiß ist, dass der Lesben- und Schwulenverband Deutschland (LSVD) dazu aufgerufen hat, nicht nach Katar zu fahren. Auch hat er die Bundesregierung dazu aufgerufen, keine offiziellen Vertreter dort hinzuschicken. Vor allem nach den Äußerungen des Sprechers des Organisationskomitees gegenüber Jochen Breyer vom ZDF. Der WM-Botschafter sieht es quasi als Schaden im Kopf, wenn jemand homosexuell ist. Danach wurde die Bundesregierung aufgefordert, bitte keine Innenministerin oder einen anderen Regierungsvertreter zu irgendwelchen Spielen zu schicken. Human Rights Watch, die ja keine queere Organisation ist, hat ganz klar die Empfehlung ausgesprochen, dass homosexuelle Menschen nicht nach Katar reisen sollen. Weil man sich offensichtlich nicht sicher sein kann, dass man, sofern man als queer zu erkennen ist, keine negativen Folgen zu fürchten hat.

Die nächste WM findet 2026 in Kanada, den USA und Mexiko statt. Vermutlich war auch diese WM gekauft?

Dass auch die WM in Deutschland 2006 gekauft war, zeigt jedenfalls, dass es nicht unbedingt ein Schurkenregime sein muss, das sich eine WM kauft. Es wäre auch falsch, zu behaupten, dass das nur Regime machen, die skrupellos genug sind. Die Fußballstrukturen ermöglichen offenbar überall Korruption. In Deutschland war es nicht unser politisches System, sondern unser Sportsystem, das es einzelnen Akteuren 2006 ermöglicht hat, uns die WM zu erkaufen.

Das Absurde ist ja, dass jeder weiß, was Sache ist, aber es trotzdem hingenommen wird - und diejenigen, die es gerne ändern würden, können es nicht.

Das ist letztendlich der Fehler im System - nur daran liegt es. Es gab ja zum Beispiel genügend Ultra-Gruppen, die in den vergangenen Jahren immer wieder darauf hingewiesen haben, was im Fußball strukturell schiefläuft und wo überall Korruption sitzt. Ich finde das nach wie vor toll, dass sie Choreografien und Transparente gestalten und so für Öffentlichkeit sorgen. Aber die haben halt leider keine Chance, etwas in den Strukturen zu verändern.

Wäre ein Umdenken bei den Funktionären realistisch oder gibt es da gar keine Möglichkeit?

Ich habe den Eindruck, dass derjenige, der sich in solche Strukturen begibt, nur aufsteigen kann, wenn er das Spiel ein Stück weit mitspielt. Das gilt sowohl für die olympischen Komitees als auch für die Fußballstrukturen. Deswegen denke ich, es bräuchte eine ganz neue Generation - eine große Gruppe, die versucht, gegenzusteuern. Aber das ist relativ unrealistisch. Was tatsächlich helfen würde, ist, eine große öffentliche Mehrheit herzustellen - sodass immer mehr Leute davon wissen und sich Gedanken machen. Die sagen: Nein, wir wollen das eigentlich nicht mittragen und organisieren zum Beispiel Stadionboykotte. Fußball ist nun mal ein wichtiger Zuschauer-Sport. Würde eine große Masse etwa gemeinsam einen Boykott organisieren, hätte das sicherlich Auswirkungen - aber da braucht man eine große Öffentlichkeit. Und es braucht den Journalismus, der durch Berichterstattung dazu beiträgt, dass solche Aktionen Beachtung finden. Eine breite Öffentlichkeit müsste diese Machenschaften verweigern. Wir tragen die Strukturen im Fußball im Grunde alle mit, indem wir uns eine Stadionkarte kaufen oder Fußballspiele bei Streamingdiensten schauen. Alle, die sich daran beteiligen, sind Stützen des Systems.

Es gab ja zuletzt Umfragen, laut derer rund die Hälfte der Deutschen die WM nicht schauen will. Wäre natürlich schön, aber spielt bei solchen Umfragewerten auch ein Stück weit die soziale Erwünschtheit eine Rolle?

Man kann es natürlich nicht ganz absehen, aber ich denke schon, dass deutlich weniger Menschen als gewohnt die WM schauen werden. Ich glaube, dass einige Leute jetzt ein mulmiges Gefühl haben. Eine geringere Aufmerksamkeit ist allerdings für die Sportler selbst weniger schön, die sich mit ihrer Teilnahme einen großen Traum erfüllen und lange daraufhin gearbeitet haben. Ihnen wünsche ich erfolgreiche Spiele.

Tatjana Eggeling stammt ursprünglich aus Nürtingen (Baden-Württemberg) und wohnt aktuell in Berlin. Die Kulturanthropologin ist Expertin für Diversity mit Schwerpunkt sexuelle Orientierung/sexuelle Identität und berät Menschen zum Thema „Vielfalt leben“ in Sport und Arbeitswelt. Sie berät auch schwule Fußballprofis. Dass ein „Coming-out“ im Fußball noch immer ein Tabu ist, liegt laut Eggeling nicht an den Fans, sondern an den Managern und Beratern. Wer Bedarf hat, über das Thema zu sprechen, dem vermittelt unsere Redaktion gerne ihren Kontakt.

Auch interessant

Kommentare