Landesvater wider Willen

Ministerpräsident Winfried Kretschmann: Die erstaunliche Karriere des Grünen-Politikers

Winfried Kretschmann, Ministerpräsident von Baden-Württemberg, spricht auf einer Pressekonferenz in ein Mikrofon und hebt dabei seine Hand.
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Winfried Kretschmann ist seit 2011 Ministerpräsident von Baden-Württemberg.

Die Karriere von Winfried Kretschmann und seine Ämter: Als Student war er Sozialist, arbeitete später als Lehrer stieg zum ersten Ministerpräsidenten der Grünen in Deutschland auf.

  • Als politisch aktiver Lehrer geriet Winfried Kretschmann wegen des Radikalenerlasses 1977 in berufliche Schwierigkeiten.
  • Er war Mitbegründer der Grünen in Baden-Württemberg 1979 und erhielt 1980 mit dem Einzug in den Landtag das erste seiner politischen Ämter.
  • Im Jahr 2011 wurde er zum ersten Mal zum Ministerpräsidenten des Landes Baden-Württemberg gewählt.

Stuttgart - Winfried Kretschmann (71) ist der erste Grünen-Politiker, der in Deutschland jemals Ministerpräsident wurde. Seine berufliche Laufbahn begann mit dem Lehramtsstudium in den Fächern Biologie, Chemie und Ethik. Während seiner Studienzeit war er bereits politisch stark engagiert und kandidierte mehrfach für sozialistische und kommunistische Listen. Später bezeichnete er das selbst als Fehler und wendete sich ausdrücklich vom Kommunismus ab.

Die Karriere von Winfried Kretschmann drohte tatsächlich fast an seiner politischen Vergangenheit zu scheitern, noch bevor sie überhaupt richtig begonnen hatte. Als der spätere Ministerpräsident von Baden-Württemberg sein Lehramtsstudium abschloss, war an politische Ämter noch nicht zu denken und ihm blieb der Weg in den staatlichen Schuldienst zunächst verwehrt.

Winfried Kretschmann (Grüne): Vergangenheit im Kommunismus verfolgte ihn

Winfried Kretschmanns Aktivitäten im Umfeld des Kommunismus fielen 1979 unter den damals geltenden sogenannten „Radikalenerlass“, der Kommunisten Beschäftigungen in öffentlichen Einrichtungen untersagte. Als Lehrer konnte der spätere Politiker damit nur an Privatschulen unterrichten.

Winfried Kretschmann fand eine Anstellung an einer Kosmetikfachschule in Stuttgart. Dort war er beschäftigt, bis die behördliche Entscheidung über seine Aufnahme in ein Beamtenverhältnis überprüft und revidiert wurde. Als Beamter unterrichtete er an verschiedenen Oberschulen – unter anderem an dem Gymnasium, das er selbst als Schüler besucht hatte.

Winfried Kretschmann: Die ersten Ämter bei den Grünen

1979 gründeten die ersten Mitglieder in Baden-Württemberg den Landesverband der neuen Partei „Die Grünen“. Winfried Kretschmann gehörte zu ihnen und seitdem ist seine Karriere als Politiker untrennbar mit dem Erfolg der Partei verbunden. Er sollte später in die Geschichte eingehen als erster grüner Ministerpräsident Deutschlands.

Bei der Landtagswahl 1980 begann die eindrucksvolle Liste der Ämter des jungen Politikers mit dem Mandat eines Landtagsabgeordneten. Die ersten Jahre der jungen Partei „Die Grünen" im Parlament waren geprägt von inhaltlichen Differenzen zwischen realpolitisch orientierten Vertretern und den Anhängern einer fundamentalistischen Haltung in ökologischen Fragen.

Winfried Kretschmann gehörte bei den Grünen stets zu den Realpolitikern, die sich Sachfragen eher pragmatisch näherten, und die späteren Wahlerfolge gaben ihm und seinen Weggefährten Recht. Als Joschka Fischer (71) 1986 hessischer Umweltminister wurde, konnte Winfried Kretschmann der Liste seiner Ämter das eines Referenten im hessischen Umweltministerium hinzufügen.

1988 kehrte der Grünen-Politiker als Abgeordneter in den Landtag von Baden-Württemberg zurück und übernahm 2002 zusätzlich den Fraktionsvorsitz. Diesen Posten gab er erst wieder ab, als er Ministerpräsident der ersten grün-schwarzen Regierung des Landes Baden-Württemberg wurde.

Winfried Kretschmann: Alle Ämter bei den Grünen im Überblick

JahrAmt
1980-1986Landtagsabgeordneter der Grünen in Baden-Württemberg
1986-1988Referent im Umweltministerium Hessen
ab 1988Landtagsabgeordneter der Grünen in Baden-Württemberg
2002-2011Fraktionsvorsitzender der Grünen im Landtag
ab 2011Ministerpräsident von Baden-Württemberg
ab 2011Mitglied des Bundesrates
2012-2013Bundesratspräsient

Winfried Kretschmann wird Ministerpräsident von Baden-Württemberg - Höhepunkt der Karriere?

Nach seiner Wahl zum Ministerpräsidenten im Jahr 2011 konnte der Politiker sich mit der Figur des Landesvaters zunächst nicht anfreunden. Der Begriff war Winfried Kretschmann (Grüne) schlicht zu altmodisch. Doch pragmatisch wie immer erkannte er schnell, dass die Bürger des nun von ihm regierten Bundeslandes von ihm erwarteten, dass er die traditionelle Rolle des Landesvaters ausfüllt. So erklärte sich Winfried Kretschmann im Sommer 2012 in einem Interview doch noch damit einverstanden.

Mit dem Amt des Ministerpräsidenten kam noch ein weiteres dazu. Winfried Kretschmann wurde damit auch Mitglied des Bundesrates. Im Jahr 2016 sorgte der pragmatische Politiker bei den Grünen für Aufsehen, denn es wurde bekannt, dass er darüber nachdachte, mit der Bundesregierung einige nordafrikanische Häfen für sicher zu erklären.

Als Winfried Kretschmann Anfang des Jahres 2020 ankündigte, auch im Jahr 2021 wieder zur Wahl des Ministerpräsidenten von Baden-Württemberg antreten zu wollen, war er der beliebteste Politiker Deutschlands. Eine Umfrage ergab folgende Spitzenpositionen auf der Beliebtheitsskala:

  • 1. Winfried Kretschmann
  • 2. Angela Merkel (65)
  • 3. Robert Habeck (50)

Winfried Kretschmann lebt mit seiner Ehefrau Gerlinde Kretschmann (72) in Laiz. Der Ort mit 3.000 Einwohnern gehört zur Gemeinde Sigmaringen in Baden-Württemberg.

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