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Der Hunger in Ostafrika tritt gegen den Krieg in der Ukraine an

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Von: Peter Pauls

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Ein schwer unterernährter 27 Monate alter Junge wird am 1. Juni 2022 von einer Krankenschwester zur Behandlung im Banadir Entbindungs- und Kinderkrankenhaus in Mogadischu, Somalia, untersucht.
Ein schwer unterernährter 27 Monate alter Junge wird am 1. Juni 2022 von einer Krankenschwester zur Behandlung im Banadir Entbindungs- und Kinderkrankenhaus in Mogadischu, Somalia, untersucht. © Ed Ram/afp

Während der Spendentopf für die Ukraine gut gefüllt ist, ist der für die indirekten Opfer des Krieges in Afrika nahezu leer. Ein Dilemma, das sich selbst mit gutem Willen nicht lösen lässt.

Köln – Oxfam ist ein Großer unter den internationalen Hilfswerken, die gegen Hunger und Unterentwicklung in der Welt antreten. Die Überschrift für diesen Beitrag - „Hunger gegen Krieg“ - hat der Verbund, der aus 21 nationalen Organisationen mit 3000 Partnern in über 90 Ländern besteht, sinngemäß in einer Denkschrift formuliert. Oxfam macht damit einen Zwiespalt öffentlich, der seit Wochen schwelt. Während für die Kriegsopfer in der Ukraine so viel Geld wie nie gespendet wird, muss - zum Beispiel - der afrikanische Osten buchstäblich betteln. Dieser Konflikt spaltet nicht nur die Welt, er ist auch eine Zerreißprobe für die Helfer.

Während für die Kriegsopfer in der Ukraine so viel Geld wie nie gespendet wird, muss - zum Beispiel - der afrikanische Osten buchstäblich betteln.

Peter Pauls

Aus dem großen Topf für die Ukraine etwas abzuzweigen, ist aus gutem Grund nicht möglich. Die Spender haben ihr Geld an einen Zweck gebunden, der in Aufrufen formuliert wurde. Aufsichtsgremien - in Deutschland sind das die Finanzämter - wachen genau darüber, dass Geld nicht zweckentfremdet wird. Dies führt dazu, dass es mitunter Jahre dauern kann, bis Mittel abfließen. So ist es auch jetzt. An Geld für die Ukraine mangelt es den Hilfswerken nicht, wohl aber an geeigneten Projekten.

Ukraine-Russland-Krieg: Hunger in Ostafrika – Kaum Spenden für die indirekten Opfer

Könnte man künftige Aufrufe nicht ändern, fragt der Chef des britischen Hilfswerks „Health, Poverty, Action“ (Gesundheit, Armut, Aktion), Martin Drewry. Um auch Menschen zu helfen, die weltweit an den Folgen des russischen Überfalls auf die Ukraine leiden. Indirekt kritisiert er das große Bündnis von 15 englischen Hilfswerken DEC, das „Katastrophen-Nothilfe Komitee“, diesen Aspekt internationaler Betroffenheit aus den Augen verloren zu haben.

Ein Mann trägt einen Sack mit aus der Türkei importiertem Weizenmehl auf dem Hamar-Weyne-Markt in der somalischen Hauptstadt Mogadischu. Familien in ganz Afrika zahlen etwa 45 Prozent mehr für Weizenmehl, da Russlands Krieg in der Ukraine die Exporte vom Schwarzen Meer blockiert. Einige Länder wie Somalia beziehen mehr als 90 Prozent ihres Weizens aus Russland und der Ukraine. Das zwingt viele Menschen dazu, Weizen durch andere Getreidesorten zu ersetzen. Die Vereinten Nationen warnen jedoch davor, dass die Preise steigen werden, da viele Teile Afrikas mit Dürre und Hunger zu kämpfen haben.
Ein Mann trägt einen Sack mit aus der Türkei importiertem Weizenmehl auf dem Hamar-Weyne-Markt in der somalischen Hauptstadt Mogadischu. Familien in ganz Afrika zahlen etwa 45 Prozent mehr für Weizenmehl, da Russlands Krieg in der Ukraine die Exporte vom Schwarzen Meer blockiert. Einige Länder wie Somalia beziehen mehr als 90 Prozent ihres Weizens aus Russland und der Ukraine. Das zwingt viele Menschen dazu, Weizen durch andere Getreidesorten zu ersetzen. Die Vereinten Nationen warnen jedoch davor, dass die Preise steigen werden, da viele Teile Afrikas mit Dürre und Hunger zu kämpfen haben. © Farah Abdi Warsameh/dpa

Teil des Ukraine-Konflikts ist, dass seine Folgen sich wie ein Elend und Zerstörung bringendes Netz um die Welt legen. Es reicht von den Schlafstellen in den überbevölkerten Elendsvierteln der ägyptischen Metropole Kairo, dem menschenarmen kenianischen Norden oder dem Bürgerkriegsland Somalia überall dorthin, wo ukrainische Produkte Menschen ernähren. Auch der Transport dieser Güter - Speiseöle, Mais und Weizen - bleibt mitunter aus oder hat sich enorm verteuert. Bereits wir stellen an den Zapfsäulen der Tankstellen oder beim Blick auf Heizungsabrechnungen fest, wie teuer Energie geworden ist.

Ukraine-Russland-Krieg und Hungerkrise – Oxfam: Bis Sommer sterben in Somalia 350.000 Kinder

23 Millionen Menschen sind von Hunger bedroht allein in Somalia, Äthiopien und Kenia, dem Horn von Afrika, 181 Millionen sind es weltweit. Doch während nur in Deutschland aktuell umgerechnet rund 800 Millionen US-Dollar für das Bürgerkriegsland gespendet wurden, sind bislang nur drei Prozent der 4,4 Milliarden US-Dollar zusammengekommen, die die Vereinten Nationen (UN) für das Horn von Afrika benötigen. 350.000 Kinder werden in Somalia bis zum Sommer sterben, fürchtet Oxfam.

Vor zwei Monaten habe ich Kenias Norden bereist und die Chalbi Wüste durchquert. Große, säuberlich abgenagte Skelette von Tieren lagen neben der unbefestigten Piste. Die wenigen Lebewesen, die uns inmitten der Sand- und Geröllfelder begegneten, waren verendende Kamele. Die Tiere hatten sich auf der Piste zum Sterben niedergelegt. An einigen Stellen hatte Malteser International aus Köln unterirdische Wasserspeicher befüllt und Nahrung verteilen lassen. Je zehn Kilo Mais, Bohnen und Maismehl bekamen hilfesuchende Frauen für ihre Familien sowie zwei Liter Speiseöl und einen großen Kanister voll Wasser. Die Preise stiegen da bereits. Wie mag es diesen Menschen, die Deutschland so freundlich für seine Hilfe dankten, in Zukunft ergehen? (pp/IDZRW)

Unser Gastautor Peter Pauls ist Vorsitzender des Kölner Presseclubs. Zuvor war er lange Jahre Chefredakteur der Tageszeitung Kölner Stadt-Anzeiger. Dieser Beitrag stammt aus dem Newsletter des Kölner Presseclub, den Sie hier abonnieren können.

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