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Neues Buch: Sarrazin schreibt über Vernunft – und rechnet mit der SPD ab

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Von: Fabian Hartmann

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Der frühere Bundesbanker und Berliner Finanzsenator Thilo Sarrazin stellt in der Bundespressekonferenz sein neues Buch vor.
Meldet sich wieder zu Wort: Ex-SPD-Mitglied Thilo Sarrazin. © Monika Skolimowska/dpa

Thilo Sarrazin meldet sich zurück. In seinem neuen Buch geht es um „Die Vernunft und ihre Feinde“. Die Laudatio hält Schriftsteller Tellkamp. Ein Auftritt, der im Gedächtnis bleibt.

Berlin – Thilo Sarrazin ist kein Ideologe. Das zumindest behauptet der 77-Jährige von sich selbst. Ja, er habe einen Standpunkt, von dem aus er die Welt betrachtet. Aber Scheuklappen, Verbohrtheit, gar Ignoranz? Gibt es bei ihm nicht. Sagt Thilo Sarrazin. Am Montag meldete sich der Ex-Finanzsenator, frühere Bundesbanker und umstrittene Bestseller-Autor in der Öffentlichkeit zurück. In Berlin stellte Sarrazin sein neues Buch („Die Vernunft und ihre Feinde“) vor, das sich – so verspricht es der Untertitel – um „Irrtümer und Illusionen ideologischen Denkens“ dreht.

Thilo Sarrazin stellt neues Buch vor: „Rasse“ spielt wieder eine Rolle

Die gibt es laut Sarrazin zuhauf. Religiöse Ideologie, Ideologie von rechts – und natürlich von links. „Wo linkes Gleichheitsdenken herrscht, ist der Neid selten fern“, sagt Sarrazin. Die Fixierung auf Gleichheit verkenne, dass Menschen nun mal unterschiedlich seien. In seinem Buch widmet sich der Autor strittigen Themen wie gendergerechter Sprache, Vererbung, „Rasse“ oder Politik als „Religionsersatz“. Typischer Sarrazin-Stoff. Hinzu kommt diesmal die Warnung vor Ideologie als Überbau und Klammer.

Sarrazin, bekanntermaßen ein Fan von Statistiken, Tabellen, Zahlen, sieht die freie und offene Gesellschaft in Gefahr. Das Buch, insgesamt 338 Seiten lang, liest sich in Teilen wie eine Abrechnung mit seiner früheren Partei, der SPD. Deren Bildungspolitik habe sich an der „Gleichheitsideologie“ ausgerichtet und dabei „verheerende Ergebnisse“ produziert, ist eines der vielen Sarrazin-Beispiele.

Und überhaupt: Die aktuelle Regierungspolitik der Ampel-Koalition sei vor allem in den Bereichen Energie, Umwelt, Bildung, Sprache und Verteidigung ideologisch geprägt, sagte Sarrazin. Besonders grüne Ideen seien für die Gesellschaft „rasend gefährlich“. Es sei naiv zu glauben, man könne einen Industriestaat wie die Bundesrepublik mit Wind- und Sonnenenergie versorgen. Oder den Pazifismus zur Grundlage der Politik machen. „Eine Gesellschaft kann nur überleben, wenn sie wehrhaft ist“, sagte Sarrazin und zielte damit auf die Grünen ab. Dass die Partei allerdings im Ukraine-Krieg alles andere als pazifistisch agiert, ließ der Autor unter den Tisch fallen.

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Sarrazin rechnete erwartungsgemäß mit „links-grün“ ab. Doch auch die rechte Seite bekam ihr Fett weg. Ideologisches Denken sieht der Autor bei der AfD, Impfgegnern – und Russlands Präsident Wladimir Putin, dem Posterboy der Rechten. Sarrazin dazu: „Rechtes Denken wird insbesondere dann gefährlich, wenn das eigene Volk mystifiziert und mit einer historischen Bestimmung versehen wird.“ Das zeige die Nazi-Ideologie ebenso wie der Krieg Putins.

Sarrazin-Buchpremiere: Schriftsteller Uwe Tellkamp mit Generalabrechnung

Es war ein klassischer Sarrazin-Auftritt: Der Autor referierte sachlich, nüchtern, leicht spröde – so, wie man es von ihm kennt. Kritik an seinem Buch weist Sarrazin schon vorab zurück („Das Buch kann nicht missverstanden werden, wenn man es genau liest“). Sarrazin, der stoische Zahlen-Freak. Ganz anders hingegen der Auftritt des Dresdner Schriftstellers Uwe Tellkamp („Der Turm“), der die Einführung hielt. In seiner Laudatio redete er sich förmlich in Rage, beschimpfte Regierungen, Parteien, Medien und die Energie- und Corona-Politik – inklusive des Vergleichs mit der Unterdrückung in der DDR.

Wo Sarrazin auf wissenschaftliche Vordenker wie Max Weber oder Karl Popper Bezug nahm, beließ es der preisgekrönte Autor Tellkamp bei der Methode Holzhammer – und plumpen Vorwürfen. Es gebe keine echte Meinungsfreiheit in Deutschland, sagte Tellkamp. Er sprach von „habecken“, „baerbocken“, „merkeln“, „merzen“ und „lauterbachen“, um die aktuelle Politik zu verhöhnen. Die Politiker setzten auf „Tugendterror“ und wollten die Welt und das Klima retten, statt sich um die Menschen in Deutschland zu kümmern. „Wo ist die SPD als Partei des kleinen Mannes?“, fragte Tellkamp.

Thilo Sarrazin präsentiert neues Buch in Berlin – die SPD schweigt

Eine Frage, die auch Thilo Sarrazin nicht beantworten konnte. Mit seiner früheren Partei, der Sarrazin von 1973 bis zu seinem Ausschluss im Jahr 2020 angehörte, hat der Autor nicht mehr viel gemein. Jahrelang diente die SPD-Mitgliedschaft Sarrazin als willkommenes Mittel, um für seine Bücher zu werben. Das ist nun vorbei. Wie die Partei auf das neueste Werk ihres jahrzehntelangen Ex-Mitglieds blickt? Eine Anfrage dazu von Merkur.de von IPPEN.MEDIA ließ die SPD unbeantwortet.

Und auch Thilo Sarrazin scheint seinen Ausschluss aus der Partei inzwischen abgehakt zu haben. Am Rande der Buchpräsentation sagte Sarrazin unserer Redaktion, dass er seine politischen Ansichten inzwischen am ehesten von der FDP vertreten sehe. Zumindest in der Theorie. Im konkreten Regierungshandeln seien ihm die Liberalen nicht konsequent genug. Auf das Wort „ideologisch“ verzichtete Sarrazin immerhin.

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