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Irrsinn bei den Corona-Lockerungen: Da blickt doch keiner mehr durch

Kristina Lange, Geschäftsführerin des Hard Rock Cafe Berlin, misst am Eingang bei den Gästen die Körpertemperatur.
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Ab dem 18. März sind Gaststättenbesuche auch in Baden-Württemberg wieder erlaubt. Der Mindestabstand von eineinhalb Metern gilt auch hier - es sei denn, es wird wie hier im Bild Fieber gemessen.
  • Valentin Betz
    vonValentin Betz
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Die Maßnahmen gegen das Coronavirus werden schrittweise gelockert. In Baden-Württemberg anders als in anderen Bundesländern. Wer weiterhin alles richtig machen will, fragt sich schnell: „Was darf ich eigentlich noch und was nicht?“

  • Die Maßnahmen gegen das Coronavirus in Baden-Württemberg werden seit Anfang Mai schrittweise gelockert.
  • Das genaue Vorgehen bleibt dabei den Bundesländern selbst überlassen.
  • Angesichts der lokalen Unterschiede wird es zusehends schwerer, den Überblick zu behalten.

Stuttgart – Die Landesregierungen Deutschlands lockern die Maßnahmen gegen das Coronavirus immer mehr. Allein in Baden-Württemberg kommen quasi wöchentlich neue Corona-Lockerungen hinzu. Das ist doch eigentlich etwas Gutes, oder?

Trotzdem habe ich ein Problem. Ich will mich an die Maßnahmen halten, das Richtige tun. Aber: So langsam verliere ich den Durchblick. Es steigt das Gefühl, dass ich bald einen „Bachelor of Coronavirus-Restrictions“ brauche, um vor die Tür gehen zu können.

Corona-Lockerungen in Baden-Württemberg: Keine Regel ohne Ausnahme

Die Verwirrung fängt schon da an, wo ich lebe: In Baden-Württemberg. Hier ist seit dem 11. Mai der Betrieb von Freiluftsportanlagen zu Trainings- und Übungszwecken wieder gestattet – unter Auflagen. So weit, so gut. Das kann ich mir gerade noch merken. Die Anbringung eines Hinweises auf gründliches Händewaschen auf den Toiletten ist noch eine der simpleren – und nach einmaligem Aufstellen eines Schildes erledigt.

Insgesamt gibt es aber sechs dieser Auflagen zum Coronavirus in Baden-Württemberg, die eingehalten werden wollen. Hinzu kommen noch die Desinfektion der Sport- und Trainigsgeräte, die eineinhalb Meter Abstand zwischen Personen während des Trainings und eine maximale Gruppengröße von fünf Sportlern. Toiletten dürfen außerdem nur zeitlich versetzt betreten werden, umziehen und duschen muss man zuhause.

Ganz ehrlich: Wenn ich auf dem Sportplatz stehe, möchte ich einfach nur mit Freunden kicken und die Sorgen des Alltags mal hinten anstellen. Was ich nicht will, ist vorher mit dem Maßband über den Rasen robben, um 1.000 Quadratmeter abzumessen, damit auch ja nicht mehr als fünf Personen auf dem Platz stehen.

Coronavirus in Baden-Württemberg: Welche Sportarten sind denn jetzt erlaubt?

Auch Tennisfreunde können sich schon mal freuen, sie dürfen wieder gemeinsam auf dem Court stehen. Einfach so, ohne Auflagen? Natürlich nicht! Denn nur Einzelpartien sind erlaubt, bei Doppelpartien können Spielsituationen entstehen, bei denen der Mindestabstand unterschritten wird.

Als Fußball- oder Tennisfreak hat man in Zeiten des Coronavirus in Baden-Württemberg noch Glück. Sie werden als besonders beliebte Sportarten in der FAQ-Sektion der Corona-Verordnung explizit genannt. Blöd nur, wenn die Sportart meiner Wahl eher ein Nischendasein fristet. Denn eine Liste von erlaubten Freiluftsportarten gibt es nicht. Die Landesregierung sagt lediglich: „Erlaubt ist, was die generellen Auflagen für den Sport im Freien einhalten kann.“ Viel Raum für Interpretation inklusive …

Ich bin grundsätzlich ein Befürworter der Maßnahmen gegen die Verbreitung des Coronavirus in Baden-Württemberg und ganz Deutschland. Ja, sie sind mitunter streng. Ja, teilweise tun sie weh. Trotzdem bin ich überzeugt: Je konsequenter sich jeder daran hält, desto schneller finden wir einen Weg zurück in die Normalität. Das Problem sind nicht die Maßnahmen zum Schutz vor dem Coronavirus. Das Problem sind die Bundesländer, die jeweils ihr eigenes Ding durchziehen wollen. Und das Ganze dabei so kompliziert wie möglich umsetzen.

Aber, liebe Landesregierung: Mir fällt es ja schon schwer, mir selbst nicht ins Gesicht zu fassen oder an meinem Mundschutz rumzuziehen. Wie soll ich da all diese Regelungen behalten, noch dazu mit Ausnahmen? Und wir sind gerade mal beim Thema Sport.

Änderungen der Corona-Verordnung wie am Fließband

Hinzu kommt die unglaublich dicht getaktete Lockerung der Corona-Maßnahmen. Klar, momentan werden die Maßnahmen gelockert, das heißt, es werden weniger. Gut fürs Gedächtnis. Trotzdem muss ich mich regelmäßig rückversichern, ob mein Maßnahmen-Wissen noch auf dem neuesten Stand ist.

Die letzte Lockerung der Maßnahmen gegen das Coronavirus in Baden-Württemberg gab es am 18. Mai. Die nächsten sind bereits für den 29. Mai und den 2. Juni angekündigt. Nicht jeder Mensch schaut täglich Nachrichten und ist immer up to date. Schon gar nicht, wenn es um das Thema Coronavirus geht. Das ist für viele schlichtweg Selbstschutz, um nicht in Panik zu verfallen. Da kann man nur hoffen, dass die Maßnahmen nicht wieder angezogen werden …

Immerhin, seit heute dürfen trotz Coronavirus in Baden-Württemberg Gaststätten wieder öffnen. Und ich muss noch nicht einmal vorher reservieren! Allerdings soll ich meine Kontaktdaten beim Besuch hinterlassen. Macht man das nicht sonst bei einer Reservierung? Ich meine ja nur …

Coronavirus-Maßnahmen: An den Landesgrenzen wird es absurd

Die Auflagen während des Corona-Lockdowns waren in ganz Deutschland noch weitgehend identisch. Im Zweifel galt: Ist etwas nicht explizit erlaubt, ist es verboten. Und zwar genauso für mich in Baden-Württemberg, wie für Bürger aus anderen Bundesländern Deutschlands.

Doch mit den ersten Lockerungen begannen die Probleme – und die lokalen Unterschiede. Im Normalfall reicht es, wenn man die Regeln des Bundeslandes kennt, in dem man wohnt. Aber was ist mit den Menschen, die an Landesgrenzen wohnen? Klar, das sind eher seltene Fälle. Aber irrelevant sind sie nicht. Ein Beispiel: Neu-Ulm liegt in Bayern, auf der anderen Seit der Donau liegt Ulm – in Baden-Württemberg.

Derzeit ist Grillen und Picknicken in der Öffentlichkeit mit Mitgliedern des eigenen Haushalts und eines weiteren Haushalts trotz Coronavirus erlaubt – in Baden-Württemberg, in Bayern aber nicht. Wenn ein Ulmer aber eine schöne Stelle zum Picknicken an der Donau kennt, die in Bayern liegt, ist das für ihn eine verbotene Zone. Obwohl er als Ulmer eigentlich wieder in der Öffentlichkeit picknicken darf. Wenn ein Ulmer jetzt auch noch eine Fernbeziehung in Nordrhein-Westfalen führt und dort eine Mitgliedschaft im Fitnessstudio hat … ach, lassen wir das.

Wir wollen das Richtige tun – Macht es also nicht zu kompliziert!

Es ist richtig und wichtig zu sagen, dass jeder Bürger die Verantwortung trägt, die Ausbreitung des Coronavirus in Baden-Württemberg und darüber hinaus zu verhindern. Jeder einzelne kann dazu beitragen, dass diese Pandemie milder verläuft und schnell wieder vorbei ist. Allerdings sehe ich es als die Aufgabe einer Bundes- und Landesregierung an, die Bürger dabei zu unterstützen.

Mit häppchenweisen Lockerungen und immer neuen Auflagen zu deren Einhaltung wird es für den Bürger allerdings eher komplizierter, undurchsichtiger und schwieriger. Viele Menschen wollen helfen. Sie wollen aber nicht Stunden damit verbringen, Corona-Maßnahmen zu studieren. Auf die Frage „Darf ich wieder Tennis spielen?“ wollen sie entweder ein „Ja“, oder ein „Nein“. Was niemand hören will, ist ein „Ja, aber…“

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