Bundestagswahl am Sonntag

Wahlkampf-Endspurt bei Scholz: Möglichst nicht auffallen, bloß kein falsches Wort

Olaf Scholz
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SPD-Kanzlerkandidat Olaf Scholz spricht beim offiziellen Wahlkampfabschluss seiner Partei auf dem Kölner Heumarkt.
  • Sebastian Horsch
    VonSebastian Horsch
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Seit Wochen schwebt Olaf Scholz im Umfragehoch. Trotzdem legt der SPD-Mann auch im Wahlkampf-Endspurt keine euphorischen Auftritte hin.

München/Köln – Olaf Scholz sieht aus wie immer. Dunkle Hose, weißes Hemd. „Wir brauchen einen Aufbruch für Deutschland“, sagt er mittellaut, während er über die Bühne spaziert. Er schreit nicht, er gestikuliert kaum. Für einen Wahlkämpfer in der Höchstphase wirkt er beinahe gehemmt. Fast nichts deutet darauf hin, dass er womöglich kurz vor dem größten Erfolg seines Lebens steht. Ach doch: Es sei „sehr beeindruckend“, dass sich viele Bürger zur Bundestagswahl wünschten, dass er der nächste Kanzler wird. „Ich bin sehr gerührt davon“, sagt Scholz, als würde er ein stilles Wasser bestellen.

In einem schwarzen Privatjet war der SPD-Kandidat* am Morgen in Münster gelandet. Nach einem Wahlkampftermin dort ging es weiter nach Köln zur Abschlusskundgebung am Heumarkt. Die versammelten Sozialdemokraten feiern dort den Mann, der sie in eine zuletzt ungewohnte Situation gebracht hat – zwei Tage vor der Bundestagswahl ist der Sieg für die SPD* zum Greifen nahe.

Bundestagswahl 2021: SPD-Kandidat Scholz im Umfrage-Hoch - Bloß kein falsches Wort

Scholz, mit dem noch im Juli kaum einer ernsthaft gerechnet hat, schwebt seit Wochen auf einem Umfragehoch, das ihn nun bis ins Kanzleramt tragen soll. 64 Prozent trauen ihm laut ZDF-Politbarometer das wichtigste Amt im Land zu. Damit liegt er klar vor der Konkurrenz. Den CDU/CSU-Kandidaten Armin Laschet* bezeichnen lediglich 26 Prozent als kanzlerfähig, die Grüne Annalena Baerbock* 25 Prozent. Auch die für die Wähler schwer durchschaubaren Vorwürfe im Wirecard-Skandal, in der Cum-Ex-Affäre und rund um eine Durchsuchung konnten Scholz nichts anhaben. Die zwischenzeitlich politisch totgesagte SPD liegt – je nach Umfrage – zwischen einem und vier Prozentpunkten vor der Union.

Doch Scholz lässt sich davon nicht zu euphorischen oder gar großspurigen Auftritten verleiten. Im Gegenteil: Er bemüht sich offenbar, möglichst nicht aufzufallen. Bloß kein falsches Wort, das den Status quo gefährden könnte oder die Wähler daran erinnern könnte, dass Scholz die Merkel-Ära nicht einfach fortführen wird – auch wenn den Vizekanzler viele genau damit verbinden.

Bundestagswahl: „Respekt“ - Die Wahlkampf-Themen von Olaf Scholz (SPD)

So auch am Freitag. Scholz klappert Themen ab. Er wirbt für Corona-Impfungen, verspricht „ein starkes Bündnis für das Wohnen“ samt stärkerer Mietpreisbremse und gibt die Garantie für ein stabiles Rentenniveau ohne Beitragserhöhungen. Die Experten, die bezweifeln, dass das möglich ist, hätten sich schließlich schon früher geirrt. „Wenn jeder Arbeit und Beschäftigung findet, dann haben wir auch ein stabiles Rentenniveau und sichere Renten in Deutschland.“ Immer wieder platziert er sein Wahlkampf-Schlagwort „Respekt“ und stellt einen höheren Mindestlohn in Aussicht. Scholz verteidigt den Atomausstieg und beschwört den Umstieg auf moderne Technologien ohne Kohle, Gas und Öl.

Doch während die Anheizer um Generalsekretär Lars Klingbeil vor Scholz auf den CDU-Konkurrenten einprügelten, hält sich der Kandidat auch diesmal zurück. Er erwähnt weder Laschet noch Baerbock in seiner Rede.

Bundestagswahl: Wahlkampf-Endspurt für die SPD - Scholz spricht über Grünen-Koalition

Stattdessen benennt er mit den Grünen einen möglichen Partner für eine neue Klimapolitik. Doch: „Sie haben eine ganz kleine Umsetzungsschwäche“, sagt Scholz. So seien im grün-regierten Baden-Württemberg im vergangenen Jahr nur zwölf Windkraftanlagen gebaut worden. „Aber wenn man schon mal auf dem richtigen Ziel unterwegs ist, wird der Rest auch noch klappen.“ Für Scholz ist das fast schon ein Ausbruch. (Sebastian Horsch) *Merkur.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA

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