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Warum in keinem anderen Land so viele Pestizide zugelassen werden wie in Brasilien

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Von: Lisa Kuner

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An einer Wegekreuzung steht ein Stück Amazonas-Regenwald neben Sojafeldern.
An einer Wegekreuzung steht ein Stück Amazonas-Regenwald neben Sojafeldern. © Leo Correa/dpa

Auf seinen landwirtschaftlichen Flächen versprüht Brasilien immer mehr Pestizide. Unter Jair Bolsonaro wurden viele zusätzliche Giftstoffe zugelassen. Das hat schreckliche Folgen für Gesundheit und Natur. 

Brasilien – Große Maisplantagen, noch größere Sojafelder – für Brasilien ist das Agrobusiness, also Landwirtschaft im großen Stil, eine der zentralen Einkommensquellen. Weil diese riesigen Felder und Äcker oft in Monokultur bewirtschaftet werden, ist aber auch die Gefahr groß, dass die Erzeugnisse von Schädlingen befallen werden. Dagegen geht Brasilien mit einer Großoffensive vor: Mehr als eine halbe Million Tonnen Pestizide versprüht Lateinamerikas größtes Land im Jahr, um die Ernten zu schützen. Die Produkte sollen Schäden durch Insekten, Milben oder auch Pilzen vorbeugen.

Fast nirgends sonst auf der Welt wird so oft zu Pflanzenschutzmitteln gegriffen. „Brasilien hat den drittgrößten Pestizidverbrauch auf der Welt“, sagt Jürgen Knirsch. Er kümmert sich seit vielen Jahren für die Nichtregierungsorganisation Greenpeace um das Thema Handel. Nirgendwo auf der Welt sind so viele Pestizide zugelassen wie in Brasilien. Seit der rechtsextreme Präsident Jair Bolsonaro regiert, hat ihre Anzahl nochmal stark zugenommen. Deutlich mehr als 500 Giftstoffe wurden allein im vergangenen Jahr neu zugelassen. „Darunter sind auch viele Pestizide, die in der EU nicht angewandt werden dürfen“, sagt Jürgen Knirsch. Einige davon sind in der Europäischen Union bereits seit 20 Jahren verboten, weil sie schädliche Auswirkungen haben. Die Regierung Bolsonaro argumentiert, dass die Landwirtschaftsunternehmen die Stoffe nachfragten und sie nur deshalb zugelassen werden.

Brasilien: Landwirtschaft und Pestizide unter Bolsonaro – Glyphosat wird regelmäßig eingesetzt

Insgesamt sind in Brasilien aktuell mehrere Tausend verschiedene Pflanzenschutzmittel auf dem Markt. Besonders der Einsatz des umstrittenen Herbizids Glyphosat ist sehr beliebt. Oftmals werden die Pestizide über den riesigen Plantagen mit dem Flugzeug oder Hubschrauber versprüht. Dass dabei nicht alles auf den Feldern landet, sondern vom Wind auch in Gewässer und Wälder getragen wird, versteht sich von selbst. Teile von den Giftstoffen landen außerdem regelmäßig in Tiernahrung.

In den vergangenen 20 Jahren hat sich der Einsatz von Pestiziden in Brasilien versechsfacht. Das liegt vor allem am immer größeren Einfluss der Agrarlobby im Land. Daran sind auch europäische Unternehmen beteiligt. Rund zwei Millionen Euro haben Bayer, BASF und Syngenta für die Unterstützung der Agrarlobby im Land ausgeben.

Brasilien: Der Pestizideinsatz hat ernsthafte Folgen

„Pestizide sind Gifte für Mensch und Natur“, sagt Jürgen Knirsch. Das ist nicht von der Hand zu weisen, viele Pestizide haben direkte Folgen für Umwelt und die menschliche Gesundheit: Studien kommen zu dem Ergebnis, dass die Kindersterblichkeit in Regionen in Brasilien, die ihr Wasser aus Sojaanbaugebieten erhalten, deutlich erhöht ist. Zudem gibt es noch tausende Vergiftungen durch Pestizide im Jahr, pro Tag sterben im Schnitt zwei Personen in Brasilien an den Folge. Die Dunkelziffer dürfte noch höher liegen, da viele Menschen die Vergiftungen wahrscheinlich nicht melden. Zu dem Ergebnis kommt ein Bericht der Nichtregierungsorganisation Friends of the Earth Europe. „Oftmals lösen die Pestizide auch chronische Krankheiten aus“, erklärt Knirsch.

Auch auf die Natur und die Ökosysteme haben die vielen Pflanzenschutzmittel besorgniserregenden Einfluss: Bienenvölker sterben und Tapire kommen mit Fehlbildungen zur Welt. Langfristig haben die Pestizide auch negative Auswirkungen auf die Bodenfruchtbarkeit – es ist nicht unwahrscheinlich, dass viele der Sojaplantagen in 20 Jahren eher Wüsten gleichen. „Die industrielle Landwirtschaft als ganzes ist ein Problem“, meint dazu Knirsch. Besonders schädlich für Ökosysteme und Biodiversität sind sogenannte hochgefährliche Pestizide (HHP). Beispiele dafür sind die stark bienengefährlichen Wirkstoffe Imidacloprid, Chlorpyrifos und Fipronil. Pro Hektar Land hat Brasilien nach China den zweitgrößten Pestizidverbrauch weltweit.

Vergiftungskreislauf - Die Pestizide kommen auch aus Deutschland

Jürgen Knirsch sieht beim Blick auf Pestizide in Brasilien auch Deutschland in der Pflicht. Viele der nachgewiesenermaßen schädlichen Gifte würden in Europa beispielsweise von Bayer oder BASF produziert. Dass europäische Unternehmen mit Stoffen Geld verdienen, die in der EU verboten sind, bezeichnet er als Doppelstandard. Damit würden sie mit der Gefährdung von Menschen und Natur auf einem anderen Kontinent Profit machen.

Die Chemie-Konzerne hingegen argumentieren dazu oft, dass in der EU nicht zugelassene Stoffe nicht automatisch gefährlich sind und dass die Pestizide richtig angewendet unbedenklich seien. „Aber die Giftstoffe sind auf keinen Fall harmlos“, betont Knirsch. Hinzu komme, dass sie in Brasilien oftmals nicht die nötige Aufklärung über die richtige Anwendung und auch keine Schutzkleidung gebe. „Die Produkte können dort also oft gar nicht sicher angewendet werden“, meint er.

Pestizide in Brasilien: Gift auf Obst im deutschen Supermarkt

In einigen Fällen kommen die Pestizide am Ende auch wieder zurück Deutschland und landen auf unseren Tellern – auch das haben Untersuchungen von Greenpeace ergeben. So waren verschiedene Früchte wie Mangos, Papayas oder Limetten aus Brasilien in deutschen Supermärkten mit Pestiziden belastet, die in der EU gar nicht zugelassen sind. In mehreren Fällen überstieg die Belastung auch zugelassene Höchstgrenzen. „Viele der gefundenen Rückstände gehörten zu hochgefährlichen Pestiziden“, erklärt Knirsch. Das sind Stoffe, die ein besonders hohes Risiko haben, akute Krankheiten oder Umweltzerstörung auszulösen. An den Schalen von Früchten aus Brasilien in deutschen Läden kleben also im Zweifel giftige Rückstände.

Jair Bolsonaro: Pestizideinsatz in Brasilien könnte weiter zunehmen

Der brasilianische Präsident Jair Bolsonaro hatte die vergangenen Wahlen maßgeblich mit der Unterstützung von Agrarunternehmern gewonnen. Seit 2018 hat er an viele Schlüsselpositionen Argrar-Lobbyisten gesetzt. Statt auf Umweltschutz lag der Fokus dann meist auf maximalen wirtschaftlichen Gewinnen. Ein neuer Gesetzentwurf, den Umweltschützer als „Pactote do Veneno“, also Giftpaket, bezeichnen, soll die Zulassung von Pestiziden weiter erleichtern. Das könnte sogar dazu führen, dass die Anzahl der Pestizide in Zukunft noch weiter zunimmt.

Wie aggressiv die Agrarlobby in Brasilien für ihre Interessen eintritt, zeigt insbesondere der Fall der Wissenschaftlerin Larissa Bombardi. Sie ist Professorin der Abteilung für Geographie der Universidade de São Paulo und deckte innerhalb von Brasilien auf, welche Folgen der Pestizideinsatz hat. Daraufhin erhielt sie immer wieder Gewaltandrohungen. Inzwischen ist sie mit ihren Kindern ins Exil nach Belgien gezogen.

Brasiliens Einsatz von Pestiziden: Deutschland in der Verantwortung

Für Jürgen Knirsch von Greenpeace ist klar, dass Deutschland in der Verantwortung steht, den Export von potenziell gefährlichen Pestiziden nach Brasilien zu stoppen. „Eigentlich wäre das gar nicht so kompliziert“, meint er. Deutschland könnte zum Beispiel nach dem Vorbild von Frankreich ein Gesetz erlassen, das verbietet, dass Produkte, die hier nicht zugelassen sind, exportiert werden.

Gleichzeitig warnt der Pestizidexperte vor dem geplanten EU-Mercosur Handelsabkommen. Es soll Handelsbarrieren zwischen der EU und den Mercosur-Ländern (Brasilien, Argentinien, Paraguay und Uruguay) abbauen. Sollte es wie geplant in Kraft treten, würden Zölle auf Chemikalien wegfallen und der Export von Pestiziden könnte einfacher werden und dadurch nochmal zunehmen. (Lisa Kuner)

„Moderne Sklaverei“ ist kein rein fiktionales Problem aus Netflix-Filmen. Das Phänomen ist bittere Realität - auch, aber nicht nur, in Brasilien.

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