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Tatort „Schattenkinder“ aus Zürich: Beklemmender Blick in verletzte Seelen, Sekten und menschliche Abgründe

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Von: Sina Alonso Garcia

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Eins der „Schattenkinder“ aus Kyomis Kommune.
Tätowiert bis auf die Augäpfel: Eins der „Schattenkinder“ aus dem Tatort. © ARD Degeto/SRF/Sava Hlavacek

Im Züricher Tatort trafen die Kommissarinnen auf eine Kommune, in der sich verletzte junge Seelen von einer Künstlerin wie Objekte behandeln ließen. Ein unterhaltsamer Krimi, der menschliche Abgründe offenbart, dessen Plot jedoch etwas haarsträubend daherkommt - findet unsere Autorin.

Zürich - Nach dem ulkigen Schwurbler-Tatort aus Münster in der Vorwoche erwartete Krimi-Fans beim Züricher Tatort am Sonntag eine weitaus düsterere Atmosphäre. Schon die Anfangsszenen lösten beim Anschauen ein beklemmendes Gefühl aus: Die Leiche eines jungen, hageren Mannes, die eingewickelt in Folie in einer verlassenen Lagerhalle hängt. Beklemmend wird es auch beim Anblick des Gesichts des Toten - kahlgeschoren und tätowiert bis auf die Augäpfel, gleicht es mehr einem gruseligen Alien als einem Menschen.

Recht schnell entwickelt sich im Züricher Tatort eine Dynamik. Videos des toten Max, als er noch lebte. In denen er sich öffnet und erzählt, was ihn gebrochen hat. Von dem Missbrauch durch seinen Schwimmlehrer. Von seinem Vater, der ihm nie die nötige Anerkennung entgegengebracht und den Missbrauch nicht ernst genommen hat. All das erzählt Max im Video der Künstlerin Kyomi. Kyomi, die ihm in der Kommune ein Zuhause gab, das er nie hatte - und die ihn im Gegenzug als eine Art Leinwand bearbeitete.

Tatort „Schattenkinder“ aus Zürich: Menschen zu Objekten machen - aus ethischer Sicht schwer vorstellbar

Das sektenartige Zusammenleben und die bedingungslose Hingabe der jungen Menschen gegenüber Kyomi wurden im Tatort schauspielerisch gut umgesetzt. „Wir sind eine Familie“, sagt Kyomi, brillant verkörpert von Sarah Hostettler. Oder: „Als Kosmo (Max) zu mir kam, war er schon innerlich tot.“ Ihre „Objekte“ sollen den „Schmerz ihrer Vergangenheit auf der Haut tragen und in ihren Augen spiegeln.“

Kyomi (Sarah Hostettler), Shin (Tim Borys) und Indira (Zoë Valks)
Künstlerin Kyomi lehrt „Shin“ (Mitte) und „Indira“ den Umgang mit ihrer schmerzenden Seele. ©  ARD Degeto/SRF/Sava Hlavacek

In der Realität wäre es ziemlich schwer vorstellbar, dass Menschen sich von einer Künstlerin zu einem Objekt machen und derartig verschandeln lassen. Allein aus ethischer Sicht wäre ein solches Abhängigkeitsverhältnis - „lebe bei mir und ich verfüge über dich als Objekt“ - natürlich komplett abwegig. Gleichzeitig transportiert der Tatort aus Zürich überzeugend, wie leicht sich gebrochene Menschen auf sektenartige Strukturen einlassen, die nicht zwingend zu ihrem Besten sind - und sei es allein, um ein Gefühl von Zusammenhalt zu empfinden.

Zürich-Tatort: „Nur Wunden, die man zeigen kann, kann man heilen“ - Kommissarin offenbart Selbstmordversuch

„Nur Wunden, die man zeigen kann, kann man heilen“, lautet das Credo von Kyomi. Ihr einnehmendes Wesen bringt letztlich auch Kommissarin Tessa Ott (Carol Schuler) dazu, sich zu öffnen. Soulig und überraschend gut singt sie auf Kyomis Künstlerparty am Klavier - wer bis dahin noch nicht wusste, was die Kommissarin musikalisch drauf hat, dürfte perplex gewesen sein. In einem stillen Moment, als Kyomi die Kamera auf sie richtet, lässt auch Tessa tief blicken - und erzählt erstmals von ihrem Selbstmordversuch mit 22.

Grundsätzlich fand ich den Tatort gelungen und auch die ungleichen Kommissarinnen funktionierten als Team. Auch die Idee, dass Max seinen Tod wollte und am Ende alles eine Inszenierung des Künstlerkollektivs war, fand ich per se nicht schlecht. Als etwas haarsträubend empfand ich dann aber doch, dass Kyomi die Tochter des Schwimmlehrers war, der Max als Kind missbraucht hat und sie sich durch die gesamte Inszenierung an ihm rächen wollte.

Beat Gessner findet die Leiche seines Sohnes
Dass Beat Gessner die Leiche seines Sohnes fand, war kein Zufall und nur der Anfang einer riesigen Inszenierung. © ARD Degeto/SRF/Sava Hlavacek

Geschichte von „Schattenkinder“ läuft völlig aus dem Ruder: Alles nur eine riesengroße Inszenierung

Die Geschichte des Zürich-Tatorts lief am Ende völlig aus dem Ruder: Wie Kyomi am Ende den Alzheimer-kranken Vater kidnappt und auf die Insel ihrer Kindheit entführt. Wie sie ihre geschundenen Schützlinge und den Vater mit Benzin übergießt und anzünden will - die Schützlinge wollten es natürlich so. Wie ihr Galerist die skurrile Szenerie filmt und in die Galerie als Live-Kunst überträgt - alles nur eine riesengroße Inszenierung.

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