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Eines Jubiläums unwürdig: Schwurbler-Tatort aus Münster enttäuscht auf ganzer Linie

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Von: Sina Alonso Garcia

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Auf der Flucht vor dem Verfassungsschutz: Prof. Karl-Friedrich Boerne im Münsteraner „Tatort: Propheteus“ (Jan Josef Liefers)
Auf der Flucht vor dem Verfassungsschutz: Professor Boerne (Jan Josef Liefers) im Münsteraner Tatort „Propheteus“. © WDR/Bavaria Fiction GmbH

Der Münsteraner Tatort am vergangenen Sonntag erinnerte mehr an eine Freakshow als an einen Krimi. Anstatt sich auf ihrer guten Quote auszuruhen und sich Narrenfreiheit zu attestieren, sollten die Drehbuchautoren auf derartige Experimente in Zukunft verzichten - findet unsere Autorin.

Münster - Man soll aufhören, wenn es am schönsten ist. Häufig ist es nicht der erste, sondern vielmehr der letzte Eindruck, der bleibt. Trifft das Sprichwort womöglich auch auf das Münsteraner Tatort-Team zu? Seit 20 Jahren fährt das ungleiche Duo, bestehend aus Hauptkommissar Frank Thiel und Rechtsmediziner Karl-Friedrich Boerne, Traumquoten ein. Nicht umsonst sicherten sich die Münsteraner regelmäßig Platz eins bei Umfragen zu den beliebtesten Tatort-Teams. Hintergründiger Wortwitz, kleine Seitenhiebe und Kuriositäten sind beim Münster-Tatort Programm - und werden von Zuschauern hochgeschätzt. Statt an vergangene Erfolge anzuknüpfen, stieß die Jubiläumsfolge „Propheteus“ am vergangenen Sonntag jedoch auf geballte Kritik. Fans sprechen vom „schlechtesten Tatort aller Zeiten“.

Unter den Kommentaren zum Tatort, die am Sonntagabend in den sozialen Medien geteilt wurden, fand sich kaum ein positiver. Und leider muss ich sagen: Zurecht. Dabei hätte der Ausgangspunkt der Geschichte - nämlich der Tod eines Verschwörungstheoretikers - per se genug realitätsnahen Stoff geboten. Gesellschaftskritische Themen im Unterhaltungsfernsehen zu verarbeiten, halte ich für eine gute Idee - aber bitte nicht so! Der Krimi glich einer mäßig unterhaltsamen Persiflage und hatte mit der Realität nichts mehr zu tun. Liebe Tatort-Drehbuchautoren: Was genau habt ihr euch dabei gedacht, als ihr den verschwurbelten Attentäter, der „Echsenmenschen“ jagt, mit einem Sprengstoffgürtel aufs Dach geschickt habt? Oder als ihr Hund „Banane“ ins Spiel gebracht habt, der aus dem Nichts auftauchte, den Attentäter in die Wade biss und ihn ins Jenseits beförderte?

Münster-Tatort: Mit einem Krimi hatte das Ganze wenig zu tun

Prinzipiell wird dem Münsteraner Tatort ja durchaus ein wenig Klamauk zugestanden. Aber der Irrwitz hat seine Grenzen. Es geht immer noch um einen Mordfall, den es zu lösen gilt. Die gefundene Leiche mutierte am Sonntagabend in Münster völlig zum Nebenkriegsschauplatz. Statt einen gelungenen Plot hervorzubringen, arbeitete sich der Tatort an seinen wahnwitzigen Beobachtungen unserer Gesellschaft ab. Mit einem Krimi hatte das Ganze wenig zu tun.

Zugegeben: In ihrer überspitzten Satire bedienten sich die Tatort-Macher teils guter Beobachtungen der Verschwörungstheoretiker-Szene. So kommunizierten die Schwurbler über den Messengerdienst „Bla“ und ihr Anführer nannte sich „der Prophet“. Auch Deepfake-Videos kamen zum Tragen. Als nervtötend entpuppte sich dann aber, wie vehement sich die gesamte Handlung auf Menschen mit Aluhüten, Vorträge über Echsenmenschen und Schwurbel-Attentäter stützte.

Frau „Mann“ und Herr „Muster sorgen für müde Lacher

Schwer zu ertragen war auch der Auftritt von Frau „Muster“ und Herr „Mann“ vom Verfassungsschutz. Mit akkuraten Perücken, schwarzen Anzügen und völlig ausdrucksloser Miene nahmen „Muster“ und „Mann“ Professor Boerne ins Visier. Dieser war zuvor durch seine Nachforschungen im Verschwörungstheoretiker-Milieu auffällig geworden. „Muster“ und „Mann“ trieben weder die Handlung voran, noch sorgten sie für Unterhaltung.

Bereits 20 Minuten nach Beginn des Tatorts spielte ich mit dem Gedanken, das Trauerspiel einfach auszuschalten. Doch gemäß dem Motto „geteiltes Leid ist halbes Leid“ stand ich das humoristische Debakel gemeinsam mit der Twitter-Gemeinde durch und las teils belustigt, teils zustimmend, die zahlreichen Kommentare zur Sendung.

Zu viele Nebenkriegsschauplätze: Was ist aus dem guten alten Krimi geworden?

Ich frage mich ernsthaft: Was ist aus dem guten alten Krimi geworden? Warum denken die Drehbuchautoren des Tatorts, dass ein Mordfall mit einem zentralen, spannenden Plot nicht ausreicht? Immer öfter habe ich das Gefühl, dass Nebenschauplätze bis ins kleinste Detail ausgeschlachtet werden und der Kern der Geschichte völlig ins Hintertreffen gerät. Das gilt übrigens nicht nur für den Münsteraner Tatort. Zuletzt nervte mich beispielsweise im Dortmunder Tatort, dass Kommissarin Rosa Herzog von einem Mörder entführt wurde. Wieso müssen so häufig die Kommissare mit in die Handlung gezogen werden - nur, damit sie am Ende, völlig überraschend (Ironie off) - dem Tod entringen?

Mein abschließendes Fazit zum Münsteraner Tatort: Wenn ich skurriles Theater sehen will, gehe ich ins Theater. Wenn ich einen spannenden Krimi sehen will, interessiert mich der Fall selbst und nicht die komödiantischen Neben-Elemente. Vielleicht neigt sich der Thiel-und-Boerne-Hype nach 20 Jahren Erfolgsgeschichte auch langsam dem Ende zu. Langjährige Fans des Duos wären sicher enttäuscht, von ihren Helden Abschied nehmen zu müssen. Aber manchmal heißt es eben doch nicht ohne Grund: Man soll gehen, wenn es am schönsten ist.

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