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Tatort „Marlon“ aus Ludwigshafen: Euer Umgang mit kleinen Quälgeistern nervt

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Von: Sina Alonso Garcia

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Tatort Marlon
Kommissarin Lena Odenthal - betont behutsam - bei der Befragung von Marlons bestem Freund. © SWR/Christian Koch

Eigentlich bot der Tatort „Marlon“ am Sonntag thematisch brandaktuellen Zündstoff. Statt Spannung erwartete die Zuschauer allerdings ein absurdes, allzu behutsames Herumtänzeln um unverschämte Kinder.

Ludwigshafen - Nach dem Erfolg des Dramas „Systemsprenger“ (2019) hat es das Thema Problemkind nun auch in den Tatort geschafft. Zurecht, denn es ist hochrelevant: Der Umgang mit Kindern, die in ihrem Verhalten von der Norm abweichen, aggressiv sind und durch alle Raster der Kinder- und Jugendhilfe fallen, stellt unsere Gesellschaft vor ein schier unlösbares Dilemma. Meist verbirgt sich hinter solch einem Verhalten eine massive biografische Belastung - durch Vernachlässigung, Traumatisierung, Gewalt oder Loyalitätskonflikte. Umso wichtiger ist es, betroffene Kinder genau zu beobachten und gemeinsam mit allen Beteiligten nach Lösungen zu suchen.

Auch im Ludwigshafener Tatort ging es zuletzt um ein „Systemsprenger“-Kind. Die Handlung: Der neunjährige Marlon bringt seine Schule durch aggressives Verhalten an ihre Grenzen. Lehrer, Mitschüler und Eltern leiden unter seinen teils gewalttätigen Übergriffen und haben Angst. Beim Schulfest - dem er eigentlich fern bleiben sollte - taucht Marlon plötzlich unverhofft auf - und wird kurze Zeit später tot am Fuße einer Treppe aufgefunden. Jemand hat ihn offenbar im Affekt hinuntergestoßen.

Tatort: Kinder hämisch im Umgang mit Erwachsenen - Figuren reagieren merkwürdig

Nach dem erschreckenden Ausgangs-Szenario folgt für die Ermittlerinnen Lena Odenthal (Ulrike Folkerts) und Johanna Stern (Lisa Bitter) die Suche nach der Nadel im Heuhaufen. Marlon hatte fast ausschließlich Feinde an seiner Schule, was die Jagd nach seinem Mörder umso schwieriger macht. Was dabei auffällt: Manche der Kinder aus dem engeren Umfeld von Marlon verhalten sich erschreckend unverschämt. Ein Video zeigt, wie Marlons Clique - bestehend aus den ebenfalls Neunjährigen Madita und Pit - den Hausmeister der Schule absichtlich mit einem Fußball attackiert und die Aktion filmt. Danach landet das Video in einer Chat-Gruppe im Netz. Und das ist noch nicht alles: Immer wieder agiert insbesondere die Figur Madita voller Häme und Verachtung gegenüber Erwachsenen und mobbt sie regelrecht. Was auffällt: der zurückhaltend-passive Umgang der Erwachsenen mit diesem Fehlverhalten.

In einer Szene droht Madita gegenüber Kommissarin Odenthal: „Wenn du nicht verschwindest, mache ich ein Foto von deinem hässlichen, faltigen Gesicht und poste es überall in allen Chats.“ Odenthal reagiert gelassen: „Dann drück mal ab.“ Madita lässt das Handy sinken. Im nächsten Atemzug schreit das Mädchen die Kommissarin scharf an - „Hau ab!“ - und droht, ihren Vater hinzuzurufen. Die Kommissarin knickt ein - und schleicht sich duckend davon - „ich hab schon verstanden.“ Auch in anderen Szenen verhalten sich die Erwachsenen merkwürdig zurückhaltend, sobald die Kleinen vorpreschen und laut werden.

Tatort: Mit unverschämten Kindern wird besonders behutsam umgegangen

Kinder wie Madita gibt es auch in der realen Welt. Doch wie verhält man sich, wenn man einem derart respektlosen Dreikäsehoch begegnet? Sollte man etwa so geduldig bleiben wie Kommissarin Lena Odenthal im Tatort und alles entspannt geschehen lassen? Ich finde: Bei aller Sachlichkeit wäre es in der Situation richtig, dem Kind klarzumachen, dass sein Umgangston völlig unangebracht ist. Wer so vehement gegenüber gänzlich fremden Personen austeilt, muss doch mit Gegenwind rechnen. Was soll aus solchen Kindern werden, wenn sie das Erwachsenenalter erreichen? Sollen sie dann genau so weitermachen, indem sie jedem, dem sie begegnen, erstmal eine vor den Latz knallen?

Ein renommierter Pädagoge warnte kürzlich davor, dass Eltern Kinder zu „aufgeweichten Jammergestalten“ erziehen, indem sie ihnen weder Regeln noch Grenzen aufzeigen. Ich denke, man muss kein Pädagoge sein, um zu erkennen, dass ein Mindestmaß an sozialer Kompetenz in Bezug auf den Umgang mit anderen Menschen eigentlich jedes Kind lernen kann. Und damit ist sicher nicht gemeint, dass man ein Kind in seiner Persönlichkeit einschränkt. Es würde schon reichen, wenn ein Kind andere nicht grundlos beleidigt. Wie jedoch der Tatort mit diesem Thema in der Folge „Marlon“ umgeht, finde ich enttäuschend. Er impliziert damit, dass Kinder, die sich wie die Axt im Walde verhalten, einfach so agieren können - ohne, dass sich ihr Gegenüber daran stört. Im Gegenteil: Mit unverschämten Kindern wird offenbar besonders behutsam umgegangen, um sie nicht zu verärgern.

Tatort-Folge erinnert an Umgang mit Störenfrieden in unserer Gesellschaft

Natürlich wird im Tatort gerne mal mit Übertreibungen gearbeitet und womöglich bildet der Umgang mit dem Thema auch nicht eins zu eins die Realität ab. Aber was, wenn doch etwas Wahrheit darin steckt? Was, wenn wir Kindern, die - aus welchem Grund auch immer - so verletzend gegenüber anderen Personen sind, auch in der echten Welt nicht mehr sagen, wenn sie Grenzen überschritten haben? Tatsächlich habe auch ich schon Situationen beobachtet, in denen Kinder grundlos und ohne jeglichen Respekt Dinge kaputt gemacht oder andere verletzt haben, ohne, dass es eine Konsequenz nach sich zog. Stattdessen: Betretenes Wegschauen bei Umstehenden oder Ignoranz der Eltern. Man kann als Eltern oder als Beobachter doch ruhig bleiben und trotzdem mit Bestimmtheit sagen, dass das so nicht geht.

Bei aller Kritik ist es sicherlich wichtig, auch Gegenargumente anzuhören. Jedes Kind hat einen Grund, warum es sich irgendwie verhält. Traumata oder Gewalt und Vernachlässigung in der Erziehung können mit Sicherheit schwieriges Verhalten bei Kindern auslösen. Diese Kinder meine ich aber gar nicht. Meine Kritik bezieht sich vielmehr auf die Kinder, auf die die Punkte einer in dem Sinne schwierigen Erziehung nicht zutreffen. Vielmehr meine ich diejenigen, deren Unverschämtheit daraus resultiert, dass sie von ihren Eltern wie kleine Könige behandelt werden - was genau dann zum Problem wird, wenn der Respekt vor anderen Menschen verloren geht. Um wieder die Brücke zum Tatort zu schlagen: Maditas Vater sucht den Fehler stets bei anderen - seine Tochter stellt er in Konflikten durchgehend als Opfer dar. Dies führt wohl bei ihr dazu, dass sie ihr eigenes Verhalten nicht reflektiert.

Kurzum: Dass die respektlosen Kinder im Tatort durch die Erwachsenen noch gestärkt wurden, indem keiner ihr Fehlverhalten zumindest einmal angesprochen hat, hat mich irgendwie extrem irritiert. Aber was weiß ich schon von Pädagogik.

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