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Kommentar zum Hamburger Tatort „Schattenwelten“: Lasst dem Tatort seine Wokeness

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Von: Sina Alonso Garcia

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Mit dem Hamburger Tatort „Schattenleben“ ist die Debatte um Diversity-Quoten im öffentlich-rechtlichen Fernsehen neu entflammt. Die Wucht des Shitstorms steht jedoch in keiner Relation zum angeblichen „Problem“. Ein Kommentar.

Hamburg - Ursprünglich war der Tatort für viele TV-Zuschauer ein beliebtes Abschluss-Ritual fürs Wochenende. In letzter Zeit mehren sich allerdings die negativen Kommentare zur Krimi-Reihe. So vermissen einige Tatort-Fans die klassische, auf den Fall fokussierte Ermittlungsarbeit und stören sich teilweise an politischen oder gesellschaftskritischen Themen, die oft stark die Handlung prägen. Um den Fokus auf Missstände oder bestimmte Milieus zu legen, wird häufig auch mit überspitzten Charakteren gearbeitet. Auch im Hamburger Tatort „Schattenleben“ stand mit den Spannungen zwischen links-autonomer Szene und Polizei ein hochaktuelles Thema im Mittelpunkt. Auch queere Personen spielten eine Rolle.

Wer sich mit den Hintergründen zu diesem Tatort beschäftigt hat, erfährt von einer weiteren Besonderheit: Erstmals in einer deutschen Filmproduktion kam - auf Initiative der Regisseurin Mia Sprengler - ein sogenannter „Inclusion Rider“ zum Einsatz. Konkret handelt es sich dabei um eine Klausel, die zu mehr Diversität in Stab und Besetzung verpflichtet. So waren 17 Prozent der am Tatort beteiligten Personen BIPoC (Black, Indigenous, People of Color), 65 Prozent der Headpositionen sind weiblich besetzt. Der NDR unterstützt die Initiative mit zusätzlichen Praktikumsplätzen für in der Filmbranche unterrepräsentierte Gruppen.

Tatort Hamburg erntet Kritik: „Wokeism-Framing“ und „Diversity-Propaganda“

Während der Hamburger Tatort Randgruppen in der Gesellschaft sowohl vor als auch hinter der Kamera Raum gibt, kocht das Netz vor Wut. Auf Twitter brach am Sonntagabend ein regelrechter Shitstorm los - die Rede ist von „Wokeism-Framing“, „ÖRR-Volkserziehung bis der Verstand aussetzt“, „Genderwahn“, „Sektendoktrin“ und „Diversity-Propaganda“. Abgesehen davon, dass viele dieser Begriffe eindeutig dem rechtspopulistischen Spektrum zuzuordnen sind: Unter den zahlreichen Kommentaren findet sich kaum einer, der die Diversitäts-Klausel gutheißt oder sie zumindest erstmal so stehen lässt. Mein Eindruck: Dieser Tatort gibt denen, die hinter allem eine „woke Verschwörung“ wittern, so richtig Anlass, ihrem Unmut Ausdruck zu verleihen. Ich finde: Der Shitstorm steht in keinem Verhältnis zu dem „Missstand“, den Kritiker des öffentlich-rechtlichen Fernsehens sowie Gegner von Quoten und Gendersprache hier heraufbeschwören.

Wenn man sich die Kommentarflut zum Tatort so anschaut, könnte der Eindruck entstehen, dass jeder Fernsehfilm von ARD und ZDF vor Diversity nur so strotzt und dass ein durchgehend verzerrtes Bild der Gesellschaft gezeigt wird. Dem ist sicher nicht so. Schaut euch doch mal die ganzen anderen Tatorte an - wo ist da jetzt zu viel Diversity? Zwar gewinnt man den Eindruck: Es wird an Diversität gearbeitet, zumindest was das Verhältnis von Männern und Frauen betrifft. So sind inzwischen 46 Prozent der Kommissare in den Ermittler-Teams weiblich. Hinter den Kulissen sieht es jedoch häufig noch ganz anders aus. So zeigte etwa eine Auswertung von 1.150 Tatort-Folgen von TV-Spielfilm, dass bei 1.012 Fällen Männer Regie führten, lediglich 138 Filme wurden von Frauen gedreht. In Sachen Gleichberechtigung also kein wirklich rühmliches Resümee.

Tatort aus Hamburg - Shitstorm zeigt, wie wichtig es ist, das Thema Diversity zu integrieren

Die Omnipräsenz, die viele Kritiker dem Thema Diversität - zuletzt in Bezug aufs öffentlich-rechtliche Fernsehen - zuschreiben, empfinde ich als übertrieben. Nur, weil im Tatort bestimmte Randgruppen abgebildet werden, heißt das doch nicht, dass irgendjemand zum Gendern gezwungen wird oder euch irgendeine „Wokeness“ infiltrieren will. Passender als im „Pride Month“ hätte man den Ausstrahlungs-Zeitpunkt für den Hamburger Tatort nicht wählen können - also lasst der Regisseurin doch einfach dieses Projekt. Die teilweise vor Hass nur so triefenden Kommentare zeigen, wie wichtig es ist, Sichtbarkeit für Randgruppen zu schaffen und sie - statt ihre Präsenz in TV-Filmen zu verteufeln - einfach mal hinzunehmen, anstatt dahinter gleich einen Angriff auf die eigene Persönlichkeit zu vermuten.

Wie 24hamburg.de berichtet, werfen Kritiker dem NDR vor, Linksextremisten finanziert zu haben. So war der Drehort das linke Hamburger Zentrum „M1“ in der Mokreystraße in Wilhelmsburg. Dort soll es Verbindungen zur linksextremen Szene in Hamburg geben. Der NDR weist die Vorwürfe, mit Gebührengeldern Linksextreme zu unterstützen, zurück. So komme die Produktionsfirma, die die Drehorte aufsuche, selbst für die Kosten auf. Rundfunkgebühren von Beitragszahlern sind also an das Zentrum M1 und somit an die linke Szene nicht geflossen.

Hamburger Tatort: Die Diversity-Klausel bei einem einzigen Film zu verteufeln, ist übertrieben

Insgesamt gestaltet es sich schwer, die Reaktionen auf diesen Hamburger Tatort auf einen Nenner zu bringen. Die einen stören sich daran, dass am Ende ein Polizist und niemand aus dem linken Spektrum der Mörder ist. Die anderen nennen den Krimi einen „Lesbenfilm, der dem Wokeismus fröhnt“. Auch das Akronym „Flintas“ (Frauen, Lesben, intergeschlechtliche, nichtbinäre, trans und agender Personen) wird von manchen Nutzern belächelt und genervt aufgefasst. Wieder andere stänkern gegen die Diversitätsklausel am Set. Meine Meinung dazu: Ja, vielleicht versucht das öffentlich-rechtliche Fernsehen „politisch korrekt“ zu sein. Nun frage ich euch: Was daran ist falsch? Menschen, die aufgrund ihrer Hautfarbe, ihres Geschlechts oder ihrer sexuellen Identität Diskriminierung erfahren, sollten gehört und repräsentiert werden. Ich hatte nicht den Eindruck, dass die Bewohner der linken, lesbischen Wohngruppe im Tatort als „die Guten“ dargestellt wurden. So reagierten diese extrem aggressiv, als die Kommissarin Julia Grosz (Franziska Weisz) sich als Spitzel entpuppte - und schlugen sie brutal zusammen, mit Fußtritten gegen den Kopf. Mit ihren ständigen Ausrastern war auch die Figur Nana (Gina Haller) alles andere als ein Sympathieträger.

Jetzt zu sagen, man schaut nie wieder Tatort, halte ich für völlig überzogen. Lasst den Regisseuren doch einfach mal die Freiheit, sich auch an Themen heranzuwagen, die zum Diskurs anregen - wie etwa jetzt in Hamburg das Thema Polizeigewalt. Auch in Hinblick auf die Diversity-Klausel finde ich es überstürzt, diese jetzt, da sie gerade einmal in einem Tatort angewandt wurde, schon so zu verteufeln. Gute Nachricht an alle, die nun den Untergang des Sonntagskrimis fürchten: Bereits nächste Woche ermitteln im Münchner Tatort „Flash“ mit Batic und Leitmayr wieder zwei heterosexuelle, weiße Cis-Männer - es besteht also keine Gefahr der von euch gefürchteten „Diversity-Propaganda“.

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