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Ich war mal GNTM-Fan - aber die Show ist menschenverachtend

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Von: Sina Alonso Garcia

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Germanys Next Topmodel Staffel 17
Sie wirken häufig wie Marionetten in Heidi Klums Modeltheater: Teilnehmerinnen von GNTM (Symbolbild). © Richard Hübner/dpa/Germany’s Next Topmodel - by Heidi Klum/ProSieben

Ich bin mit GNTM großgeworden und habe seit 16 Jahren keine einzige Folge verpasst. Spätestens nach den neusten Enthüllungen muss ich allerdings sagen: Das Ausmaß, in dem Menschen hier geschädigt werden, besitzt eine weitaus größere Dimension, als ich lange angenommen habe.

Stuttgart - Als 2006 die erste Staffel von „Germany‘s Next Topmodel“ ausgestrahlt wurde, war ich zwölf Jahre alt. In meiner Klasse damals gab es plötzlich kein anderes Gesprächsthema mehr als „GNTM“. Während ich selbst den ganzen Rummel um Heidi Klum, Lena Gercke und Co. in Staffel 1 verpasste, packte mich im Jahr darauf die Neugier. Tatsächlich holte mich die Sendung als 13-Jährige in einer Phase ab, in der ich gerade langsam das Interesse an Mode, Schminke und sozialen Medien entwickelte. Seither habe ich keine einzige Folge von GNTM verpasst. I mean: Welches Mädchen träumt nicht davon, um die Welt zu jetten, die schönsten Designer-Kleider zu tragen, perfekt geschminkt zu werden, spannende Menschen zu treffen und am Ende super-professionelle Fotos mitzunehmen, die einem den Weg ins Modelbusiness ebnen?

Während ich anfangs noch - jugendlich und naiv, wie ich war - von der GNTM-Welt geblendet war, entwickelte sich mit den Jahren ein Verständnis dafür, wie derartige Sendungen funktionieren. Schnell wurde klar: Mit der „echten“ Modewelt hat Heidis Schönheitswettbewerb vermutlich deutlich weniger zu tun, als er propagiert. Statt echtem Modelpotenzial oder Können liegt der Fokus viel eher auf der Quoten-Tauglichkeit der Kandidatinnen. Wer dem Produktionsteam als besonders witzig, zickig, laut oder nervig ins Auge fällt, Glückwunsch: Deine Sendezeit und dein Weiterkommen für mindestens zehn weitere Folgen sind gesichert. Für den nötigen Pfiff in der Sendung sorgen zudem teils völlig verrückte Shootings, waghalsige Stunts und fragwürdige Videodrehs, bei denen Modelmama Klum stets betont: „Das gehört eben zum Modelbusiness.“

GNTM: Eine Show, die von der Quote lebt - wo liegt das Problem?

Nun könnte man sagen: Gut, GNTM ist eben eine Show, die von ihrer Quote lebt. Einerseits: Ja, wer will schon die ganze Zeit Langweiler sehen? Ein Stück weit Unterhaltung setzt man als Zuschauer ja auch irgendwie voraus - und, sind wir ehrlich: Der Voyeur in uns freut sich doch am Ende insgeheim, wenn es wieder Zoff unter den Mädels gibt. Am Ende weiß man ja, dass man nicht alles glauben darf, vieles ist aufgebauscht, die Mädels vertragen sich wieder, wo liegt das Problem? Sie haben sich doch dafür entschieden, mitzumachen, haben einen Vertrag unterschrieben. Jetzt müssen sie auch mit den Konsequenzen leben.

Tatsächlich liegt in dieser Denkweise schon die Ursache dafür, wieso eine Show wie GNTM überhaupt so erfolgreich ist - und wieso sie als so problematisch gilt. Insbesondere junge Teilnehmerinnen scheinen sich der möglichen negativen Darstellung ihrer Person nicht ausreichend bewusst. Steile These: Egal, was du für eine Person im „echten“ Leben bist - du kannst noch so sympathisch und authentisch sein - wenn GNTM will, dass du die Zicke bist, bist du die Zicke. Bist du die Schüchterne, wirst du das auch im weiteren Verlauf der Sendung bleiben. Ein Glück für diejenige, der die Rolle der Sympathieträgerin zugeteilt wurde!

Germany‘s Next Topmodel: Teilnehmerinnen werfen Show gezielte Körperverletzung vor

Vorwürfe von Manipulation, Falschdarstellung, Mobbing und Sexismus bei GNTM sind leider per se nichts Neues und sollten auch jedem bekannt sein. Ehemalige Kandidatinnen erheben nun allerdings weitere Anschuldigungen, die die Show als noch perfider entlarven, als bislang angenommen. In einem Video auf Youtube erklärt Ex-Kandidatin Lijana (Staffel 15, 2020), dass einzelnen Teilnehmerinnen absichtlich vor dem Catwalk die Füße mit Öl eingecremt worden seien, um ihnen den Halt in ihren High Heels zu erschweren. Wie weitere Kandidatinnen, etwa Nana aus Staffel 16, bestätigen, sei es infolgedessen zu Stürzen gekommen. Sprich: Das Produktionsteam nimmt bewusst in Kauf, dass Teilnehmerinnen sich verletzen - und provoziert sogar regelrecht, dass sie auf dem Laufsteg stürzen.

Die Youtuberin Alicia Joe aus Stuttgart will die Vorwürfe nicht unkommentiert lassen und hat sich im Sendungs-Archiv von GNTM umgesehen. Szenen aus Staffel 16 bestätigen: Mitglieder der Produktionsfirma reiben die Füße der Teilnehmerinnen vor dem Walk mit Öl ein. Auch Youtuber Rezo greift den Kritikpunkt in seinem kürzlich viral gegangenen Video über GNTM auf und verlinkt Alicia Joes Recherche. Sollten die Vorwürfe stimmen, dann wäre das die endgültige moralische Bankrott-Erklärung für Pro7. Bei aller schwerwiegender, hundert Prozent berechtigter und bereits in den Vorjahren immer wieder schockierender Kritik an der Produktionsfirma: Wenn der Sender wirklich wissentlich Körperverletzung in Kauf nimmt - oder schlimmer noch - sie gezielt hervorruft - dann ist das einfach nur menschenverachtend, ekelhaft und brutal. Die Kritik erreicht für mich damit nochmal eine ganz neue Dimension, die mir zuvor in dem Ausmaß nicht bewusst war.

GNTM: Um ihr Image reinzuwaschen, muss die Sendung einiges tun

Nach dem Rezo-Video heißt es jetzt vermehrt auf Twitter: Wussten wir doch schon, nichts Neues, alles längst gesagt. „Was Rezo in seinem Video über GNTM sagt, hat Roger Willemsen bereits vor Jahren auf den Punkt gebracht“, sagt jemand und verlinkt ein entsprechendes Statement des Publizisten. Vermutlich stimmt es, dass die Erkenntnisse nun nicht völlig innovativ und bahnbrechend sind. Wichtig ist aber sicher auch, dass insbesondere eine junge Zielgruppe, die vielleicht in diesem Jahr erstmals mit GNTM in Berührung kommt, von derartiger Kritik erreicht wird. Ein Rezo-Video wird bei der Generation Z vermutlich schneller und unmittelbarer ankommen als ein Zitat von Roger Willemsen aus dem Jahr 2009.

Während die Punkte, die Rezo anspricht, eigentlich eher eine Zusammenfassung dessen sind, was bereits über die Sendung bekannt ist - was sein Video nicht weniger relevant und wichtig macht -, liefern insbesondere der Kritikpunkt von Ex-Teilnehmerin Lijana sowie die darauf aufbauende Recherche von Alicia Joe wirklich neue Erkenntnisse, von der die Öffentlichkeit in dem Ausmaß noch nichts wusste. Obwohl die Sendung sich zuletzt manchen Kritikpunkten gestellt und etwa Diversity statt Magerwahn unter den Kandidatinnen gefördert hat - so richtig reinwaschen kann sie ihr Image nicht. Angesichts der Fülle an Vorwürfen bleibt noch einiges zu tun, bis ich irgendwann vielleicht sagen kann: Ja, das ist eine Show, von der ich guten Gewissens Fan sein kann.

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