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Experten besorgt, weil sich immer mehr Wölfe ausbreiten: „Die Gefahr steigt“

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Von: Julian Baumann

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Ein Wolf in seinem Gehege im Wildpark Eekholt.
In Baden-Württemberg sind inzwischen vier Wölfe heimisch. Bei Landwirten und Schafzüchtern steigt die Sorge vor Angriffen auf Weidentiere (Symbolbild). © Carsten Rehder/dpa

Angst vor dem Wolf: In Baden-Württemberg sind inzwischen vier Wölfe heimisch. Für Landwirte und Schafzüchter wächst die Sorge mit jedem weiteren bestätigten Tier.

Stuttgart/Wieden - Der Wolf ist das größte Raubtier aus der Familie der Hunde und bewohnt Wälder, Grasflächen, aber auch Felsgebiete und Gebirge auf der ganzen Welt. Ausgerottete und vertriebene Tierarten wie der Wolf, Luchs und Schakal kehren immer mehr nach Baden-Württemberg zurück. Im Frühjahr 2021 wurde nach 155 Jahren ein Wolf im Odenwald heimisch, das hatte Folgen für die Region. Auch im größten Wald von Baden-Württemberg, im Schwarzwald, sind inzwischen mehrere Wolfsrüden heimisch. Am Feldberg filmte eine Jägerin die Jagd eines Wolfes nach einem Reh und Anfang Dezember wurden im Schwarzwald mehrere tote Tiere aufgefunden. Eine Genetik-Probe sollte klären, ob es sich dabei um einen Wolf handelte.

In der Schwarzwaldregion reißen Wölfe immer wieder Wildtiere wie Rehe, stellenweise aber auch Weidentiere wie Schafe oder sogar junge Kühe. Ein Bauernverband forderte nach einem Kalb-Riss den indirekten Abschuss eines Wolfes. Bei dem Vorfall Ende Dezember handelte es sich um den ersten Kalb-Riss durch einen Wolf im Schwarzwald. Nachdem in dem Gebiet bereits drei Wölfe als sesshaft eingestuft wurden, bestätigte das Senckenberg-Institut einen vierten Wolf als Stammgast im Schwarzwald.

„Dass sich Wölfe ohne menschliches Zutun wieder angesiedelt haben, ist grundsätzlich eine gute Nachricht für die biologische Vielfalt“, teilte das Umweltministerium Baden-Württemberg auf Anfrage von BW24 mit. Bei den Landwirten und Schafzüchtern steigt jedoch die Sorge, dass sich die Raubtiere an Herdentieren vergreifen.

Wölfe im Schwarzwald: Sorge um Angriffe auf Weidentiere - „es wird problematisch“

Auf die Spuren des vierten sesshaften Wolfs im Schwarzwald kam das Senckenberg-Institut durch ein Anfang Dezember im Bereich der Gemeinde Wieden (Kreis Lörrach) gerissenes Reh. In dem Ort steigt seitdem die Sorge, dass sich das Tier auch an Weidentieren vergreifen könnte. „Ich mache mir große Sorgen um unsere Landwirte, die vom Aussterben bedroht sind“, sagt Annette Franz, die Bürgermeisterin von Wieden, im Gespräch mit BW24. „Bisher hat der Wolf nur ein Reh gerissen, aber wenn er Herdentiere angreift, wird es problematisch.“

Doch nicht nur in Wieden ist die steigende Wolf-Population ein Problem. „Wie auch in anderen Gebieten, stellen die Wölfe im Schwarzwald eine Gefahr für die Schafzüchter dar“, erklärt Anette Wohlfarth, Geschäftsführerin des Landesschafzuchtverbands Baden-Württemberg gegenüber BW24. „Die Gefahr wird nicht weniger, im Gegenteil, sie steigt mit jedem weiteren Wolf.“ Gemeinden in Baden-Württemberg wollten bereits die Rückkehr der Wölfe verhindern. „Die Wiederansiedlung des Wolfes halten wir nicht für gut“, sagte Michael Engesser, Bürgermeister der Gemeinde Fröhnd (Kreis Lörrach). Es sei seiner Meinung nach nicht auszuschließen, dass Wolfsrudel in Zukunft auch Menschen angreifen.

Als sesshaft gilt ein Wolf, wenn ein eindeutig zuweisbarer Nachweis auch sechs Monate nach der ersten Spur noch gefunden wird. Das ist bei dem neuen Wolf im Schwarzwald der Fall, da er bereits im Mai 2021 in Hinterzarten (Kreis Breisgau-Hochschwarzwald) genetisch nachgewiesen wurde, wie das Umweltministerium am Montag (10. Januar) in Stuttgart mitteilte.

Wolfsprävention in Baden-Württemberg: Maßnahmen sind nicht überall ohne weiteres möglich

Bevor in einem Gebiet eventuelle Maßnahmen gegen einen oder mehrere Wölfe eingeleitet werden können, müssen die Tiere also in dem Gebiet als sesshaft bestätigt werden. „Ein Wolf muss ein halbes Jahr resistent in einem Gebiet sein, bevor Präventionsmaßnahmen eingeleitet werden können“, sagt auch Anette Wohlfarth. Bisher hätten einzelne Schafzüchter bereits prophylaktisch mit dem Herdenschutz begonnen.

Da die in Baden-Württemberg heimischen Wölfe im Schwarzwald und dem Odenwald nachgewiesen wurden, legt die Wolfsprävention auf diese Gebiete besonders großes Augenmerk. Das Umweltministerium unterstützt das „Fördergebiet Wolfsprävention Schwarzwald“ und das „Fördergebiet Wolfsprävention Odenwald“ finanziell. Dennoch sind umfassende Schutzmaßnahmen nicht überall ohne weiteres möglich. „Wir haben eine schwierige geografische Lage mit vielen Steilhängen“, erklärt die Bürgermeisterin von Wieden gegenüber BW24. „Die Zäune müssten also händisch an die Stellen transportiert werden, da Traktoren dort nicht hinkommen.“

Umweltministerium zur Wolf-Population: „Wir nehmen die Ängste und Sorgen der Menschen sehr ernst“

Grundsätzlich ist eine Wiederansiedlung der Wölfe in Baden-Württemberg für die Artenvielfalt ein Gewinn. „Dennoch nehmen wir die Ängste und Sorgen der Menschen sehr ernst und tun sehr viel dafür, um auch die Weidetierhalter so gut wie möglich zu unterstützen“, erklärt ein Sprecher des Umweltministeriums gegenüber BW24. „Wir brauchen die Weidetiere für die Landschaftspflege und bedauern jedes einzelne Tier, das von einem Wolf gerissen wird.“ Ökologisch gesehen habe der Wolf als großes Raubtier die Funktion, die Gesundheit der Beutetierpopulation zu fördern und kleinere Raubtiere wie beispielsweise Füchse in Schach zu halten.

Demnach stellt sich die Frage, ob der Nutzen der Wölfe die potenzielle Gefahr, die von ihnen ausgeht, überwiegt. Diese ethische Frage beantworten viele Naturschutzverbände laut dem Sprecher des Umweltministeriums folgendermaßen: „Der Mensch braucht den Wolf nicht“, macht er deutlich. „Dennoch ist es Teil unserer zivilisierten Gesellschaft und im Grundgesetz verankert, dass auch unsere Wildtiere geschützt werden.“

Deshalb spricht sich das Umweltministerium gegen eine Aufnahme des Wolfs ins Jagdrecht aus und befürwortet, dass die Tiere nach dem EU-Recht streng geschützt bleiben. „Gleichfalls können schon jetzt sogenannte Problemwölfe, also Wölfe, die sich auffällig verhalten und Menschen angreifen oder die wolfsabweisende Zäune überwinden, mit Ausnahmegenehmigungen abgeschossen werden“, so der Sprecher. „Aber einen solchen Problemwolf haben wir in Baden-Württemberg nicht.“

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