Urteil in Freiburg

Nie endender Albtraum: So sehr leidet das Opfer der Gruppenvergewaltigung in Freiburg noch heute

Vor dem Landgericht in Freiburg mussten sich elf Angeklagte wegen Vergewaltigung verantworten. Das Gericht verurteilte die meisten zu Haftstrafen.
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Urteil in Freiburg: Leidensweg des Opfers ist nicht vorbei.
  • Julian Baumann
    vonJulian Baumann
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Kaum vorzustellen, was die junge Frau durchmachen musste. Vergewaltigt von mehreren Männern. Der Prozess zieht sich lange hin. Es gibt mehrjährige Haftstrafen. Doch das Leid des Opfers endet damit nicht.

  • Der Prozess wegen einer Gruppenvergewaltigung in Freiburg ist beendet. Die Verhandlungen zogen sich über ein Jahr.
  • Wegen des Coronavirus in Baden-Württemberg pausierte die Verhandlung mehrmals. Verhandelt wurde letztlich in einem Konzertsaal.
  • Die meisten der Täter erwartet eine Haftstrafe von teilweise mehreren Jahren. Das Leid des Opfers ist auch nach Ende des Prozesses nicht vorbei.

Freiburg (dpa/lsw) - Nach der Gruppenvergewaltigung von Freiburg haben die meisten der elf Angeklagten mehrjährige Freiheitsstrafen bekommen. Der Haupttäter soll für fünfeinhalb Jahre ins Gefängnis. Für die damals 18 Jahre alte Frau, die im Oktober 2018 mehr als zwei Stunden Vergewaltigungen und Missbrauch erdulden musste, geht der Leidensweg weiter.

„Die Tatfolgen sind schwer“, sagte der Vorsitzende Richter des Freiburger Landgerichts, Stefan Bürgelin, bei der Urteilsverkündung am Donnerstag. Zu einer zweiten Befragung in dem Prozess, der sich seit Juni 2019 über 43 Verhandlungstage hingezogen hatte, war die junge Frau nicht mehr in der Lage. Sie leidet einem ärztlichen Attest zufolge weiter unter der Tat, die für Empörung weit über Freiburg hinaus gesorgt hatte. Bis heute habe sie mit einer posttraumatischen Belastungsstörung und Schlafproblemen zu kämpfen.

Urteil in Freiburg: Genetische Untersuchungen erbrachten Beweis der Tatbeteiligung

Der Prozess gegen die zum Tatzeitpunkt zwischen 18 und 30 Jahre alten Angeklagten, überwiegend Flüchtlinge aus Syrien und dem Irak, dauerte mehr als ein Jahr. Wegen der Einschränkungen durch die Corona-Krise und wegen des großen Medieninteresses verkündete Bürgelin das Urteil im Mehrzwecksaal einer Kirchengemeinde, in dem die Sicherheitsabstände eingehalten werden konnten.

Das Gericht hörte zahlreiche Zeugen und Sachverständige und versuchte, die jeweiligen persönlichen Tatbeteiligungen der Angeklagten akribisch zu bestimmen. Bürgelin schilderte noch einmal detailliert den Ablauf der Tatnacht mit zahlreichen Vergewaltigungen in einem Gebüsch. In etlichen Fällen erbrachten genetische Untersuchungen der Spermaspuren den Beweis der Tatbeteiligung.

Urteil in Freiburg: Angeklagte machten Behauptung „die nicht originell ist“

Die 18-Jährige hatte nach dem Besuch der Disco so viel Ecstasy, Alkohol und Koffein im Körper, dass sie nicht in der Lage gewesen sei, einen entgegenstehenden Willen zu bilden und zu äußern. Sie habe jegliches Zeitgefühl verloren und nicht mehr das Gefühl gehabt, in ihrem eigenen Körper zu sein. Die Aussagen von Angeklagten, es habe sich um einvernehmlichen Sexualverkehr gehandelt, wies Bürgelin als reine Schutzbehauptung zurück. „Das ist in so einem Fall eine Standardeinlassung, die nicht originell ist“, sagte er.

Dem Hauptangeklagten hielt Bürgelin vor: „Sie haben die Sache ins Rollen gebracht und ausgenutzt“. Er habe die junge Frau unter dem Vorwand ins Freie gelockt, ihr seine Tattoos zu zeigen. Der Mann habe das Opfer nach der ersten Vergewaltigung dann ganz bewusst den anderen Tätern zugeführt. „Deshalb haben Sie die höchste Strafe verdient“.

Urteil in Freiburg: Sexualstraftäter stehen in der Hierarchie der Gefangenen ganz unten

Immer wieder redete der Vorsitzende Richter den Verurteilten ins Gewissen. Einem sagte er: „Wenn Sie nicht Ihren Lebenswandel ändern, werden Sie einen großen Teil Ihrer Zeit hier in Deutschland im Gefängnis verbringen“. Er erinnerte daran, das gerade Sexualstraftäter in den Haftanstalten in der Hierarchie der Gefangenen ganz unten stünden und zum Teil Gewalt ausgesetzt seien. Anderen bescheinigte er zumindest das Bemühen, sich eine neue Existenz aufzubauen. „Das Verfahren soll auch eine Chance für einen Neuanfang sein“.

Die Rechtsanwältin der 18-Jährigen äußerte sich zufrieden über die Urteile, wies aber darauf hin, dass sie noch nicht rechtskräftig seien. „Im Endeffekt bin ich froh über die Verurteilungen. Mein Impetus, meine Hoffnung ist, dass die Geschädigte damit abschließen kann“. Sie rechne aber mit Revisionen.

Urteil in Freiburg: „Es gibt keinerlei Toleranz für solche widerwärtigen Taten“

Bereits 2016 war Freiburg wegen einer von einem Flüchtling begangenen Gewalttat bundesweit in die Schlagzeilen geraten. Ein junger Flüchtling hatte eine Studentin vergewaltigt, die anschließend im Flüsschen Dreisam ertrank. Der Täter wurde 2018 wegen Mordes verurteilt. Der Fall hatte eine bundesweite Debatte um die Aufnahme von und den Umgang mit Flüchtlingen ausgelöst. Nach dem Mord an der Studentin und weiteren Verbrechen rund um die Stadt hatte das Land mehr Polizisten nach Freiburg geschickt und eine Sicherheitspartnerschaft mit der Stadt gestartet. Bürgern sollte so das Gefühl von Sicherheit vermittelt werden.

Als die Vergewaltigung der 18-Jährigen im Herbst 2018 das Thema wieder hochkochen ließ, sagte der parteilose Oberbürgermeister Martin Horn: „Es gibt keinerlei Toleranz für solche widerwärtigen Taten. Wir werden unsere Anstrengungen, die Stadt für alle Menschen sicher zu gestalten, weiter intensivieren“. Er warnte aber immer wieder vor vorschnellen Urteilen. Straftaten wie diese dürften nicht dazu dienen, Flüchtlinge pauschal zu verurteilen.

Von Felix Schröder und Sönke Möhl, Deutsche Presse-Agentur (dpa)

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