Wirbel um Krähenversuche

Uni Tübingen führt Tierversuche am Gehirn von Krähen durch - Tierschützer entsetzt

Eine Krähe steht festgeschnallt vor einem Touchschreen.
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Die Krähen wurden für die Forschung vor ein Touchscreen geschnallt.
  • Berkan Cakir
    vonBerkan Cakir
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Die Uni Tübingen nimmt Eingriffe an Gehirnen von Krähen vor. Die Tiere stellte ihnen Nabu zur Verfügung. Tierschützer fordern nun ein Ende der Versuche.

Tübingen - Krähen sind dafür bekannt, dass sie schnell Zusammenhänge herstellen. So können sie beispielsweise wissen, welche Menschen ihnen Nüsse bringen und welche Menschen sie lieber meiden sollten. Weil das Gehirn der Vögel solche Reaktionsmuster herausbildet, erforscht die Uni Tübingen seit einigen Jahren die Tiere und stellt dabei fest, dass sich in den Köpfen der Krähen ähnliche Bewusstseinsprozesse vorfinden lassen wie sonst nur bei Menschenaffen.

Die Arbeit der Wissenschaftler sei dafür, so berichtet die Deutsche Presseagentur (dpa), im vergangenen Jahr von der American Association for the Advancement of Sciente als einer der „Forschungsdurchbrüche des Jahres“ ausgezeichnet worden.

Nun gerät das Forschungsprojekt, das sich mit den Lernvorgängen und dem Arbeitsgedächtnis der Krähen beschäftigt, aber in heftige Kritik. Tierschützer zeigen sich entsetzt und fordern ein Ende der Versuche. „Wir fordern, dass diese Tiere umgehend echten Tierschützern übergeben werden und das Leid der Versuche sofort endet“, teilte der Verein Soko Tierschutz am Montag mit. „Die Tierversuche an Krähen an der Uni Tübingen bringen keinen herausragenden Erkenntnisgewinn und sind daher ohnehin unzulässig.“

Uni Tübingen: Insgesamt 15 Krähen übergab Nabu an die Forscher

Größere Aufmerksamkeit erreichten die Krähen-Versuche in Tübingen bereits vergangene Woche. Der Spiegel hatte berichtet, dass die Forscher auch Krähen aus dem Vogelschutzzentrum des Naturschutzbundes (Nabu) in Mössingen bezogen hätten. Nach Angaben des Nabu waren das von 2011 bis 2015 acht tote und sieben lebende Tiere. In einer ersten Reaktion hieß es, dass man von den Versuchen nichts gewusst habe. Auch der zuständige Forschungsleiter hatte sich im Gespräch mit dem Spiegel nicht zu den Tieren aus Mössingen äußern wollen.

Es sei zwar das Versäumnis des Nabu, damals nicht nachgefragt zu haben, was mit den Tieren genau passiere, sagte der Nabu-Landeschef Johannes Enssle gegenüber der dpa. Aber auch jetzt lasse der Wissenschaftler dies noch im Dunkeln. Ob den Tieren des Nabu auch Elektroden ins Hirn implantiert wurden, um etwa Reaktionen auf optische Reize zu messen, war am Montag weiter unklar.

Uni Tübingen: Die Krähen bekommen bis zu 16 Elektroden ins Gehirn implantiert

Auf den Fotografien des Instituts für Neurobiologie der Universität Tübingen ist zu sehen, wie es den Vögeln ergangen sein könnte. Auf dem Bild ist eine Krähe zu sehen, die vor einen Touchscreen geschnallt ist, auf dem Kopf steckt eine Vorverstärkerplatine, die mit Dentalzement an den Schädel montiert ist. Laut Spiegel implantierten die Wissenschaftler bis zu 16 Elektroden in das Gehirn der Krähen, um deren Reaktionen zu messen. Eine Sitzung kann dabei vier Stunden dauern. Eine Uni-Sprecherin erklärte dazu, die Arbeitsweise von Nervenzellen könne nur durch sogenannte invasive Eingriffe untersucht werden. Mit dieser Tatsache seien der zuständige Professor wie auch die Uni immer transparent und verantwortungsvoll umgegangen.

Politisch ein Thema waren Tierversuche in Baden-Württemberg erst vor einigen Monaten. Der Landtag in Stuttgart beschloss, dass in der Lehre auf Versuche mit getöteten Tieren verzichtet werden sollte. Den Gesetzesentwurf hatte Forschungsministerin Theresia Bauer (Grüne) eingereicht. In mehreren anderen Bundesländern gilt das Gesetz schon länger, im Südwesten erst seit Beginn 2021.

Uni Tübingen: Soko Tierschutz zweifelt an der Rechtmäßigkeit der Versuche

Die Krähenversuche in Tübingen liefen zwar nicht im Rahmen einer wissenschaftlichen Ausbildung ab und stehen damit nicht im direkten Zusammenhang mit dem Gesetzesentwurf. Dennoch gibt es vonseiten der Tierschützer Skepsis an der Rechtmäßigkeit des Vorfalls. Der Soko Tierschutz zweifelt, ob und wann die notwendigen Sondergenehmigungen für die Krähen des Nabu erteilt wurden.

Ein Sprecher des dafür zuständigen Regierungspräsidiums Tübingen sagte allerdings, der Behörde seien keine Verstöße oder Unklarheiten im Zusammenhang mit den Tierversuchen bekannt. Auch die Uni erklärte: „Sämtliche Tierversuche zu Krähenvögeln wurden den genehmigenden Behörden vorab im Detail vorgelegt und jeweils auf Grundlage des deutschen Tierschutzgesetzes bewilligt.“

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