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Aktivisten entsetzt: „Tuttlingen will Alte und Behinderte nach Lebenswert triagieren“

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Von: Sina Alonso Garcia

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Aktivist Raul Krauthausen meldete sich im Namen von „AbilityWatch“ bezüglich des Themas Triage zu Wort.
Aktivist Raul Krauthausen meldete sich im Namen von „AbilityWatch“ zu Wort - und kritisierte die Pläne in Tuttlingen scharf. © Fabian Strauch/Christoph Soeder/dpa (Fotomontage BW24).

In Tuttlingen fordern Landratsamt und Kreis-Klinikum von Pflegeheimen, bei Corona-Infektionen als erstes Menschen zu behandeln, „die auch davon profitieren können.“ Aktivisten werden hellhörig.

Tuttlingen - „Mit blankem Entsetzen haben wir das Schreiben des Tuttlinger Kreis-Klinikums und des Landratsamts in Tuttlingen an Einrichtungen der Alten- und Behindertenhilfe zur Kenntnis genommen“, schreibt die Aktionsplattform AbilityWatch auf ihrer Website. Die Vertretung für Menschen mit Behinderung kann offenbar nicht fassen, welche Maßnahmen in Tuttlingen gefordert werden: „In ihrem Schreiben werden die Betreiber unverblümt dazu aufgefordert, dafür zu sorgen, dass alte, behinderte oder erkrankte Personen im Falle einer Corona-Infektion nicht mehr behandelt werden. Wie befürchtet wird nun die Triage in den nicht-klinischen Bereich verlagert und bestimmte Personengruppen zum Wohle der Gesamtbevölkerung geopfert.“

Durch die aktuell dramatische Corona-Lage spitzt sich der Personalmangel im Bereich Intensivpflege weiter zu. „In Anbetracht der Situation müssen wir sehr gewissenhaft mit unseren Kapazitäten umgehen“, erklärten das Landratsamt Tuttlingen und das Tuttlinger Kreis-Klinikum in ihrem Schreiben. „Dabei müssen wir auch in der vierten Welle feststellen, dass vor allem betagte und hochbetagte Menschen, viele mit schweren Begleiterkrankungen, zur akutstationären Behandlung eingeliefert werden. Wir wissen dabei, dass die Behandlungsmöglichkeiten des Covid-bedingten Lungenversagens ausgesprochen limitiert sind. Hohes Alter und begleitende Erkrankungen in Verbindung mit einem schweren Krankheitsverlauf bedingen eine sehr schlechte Prognose.“

Tuttlinger Landratsamt und Kreis-Klinikum begründen Entscheidung - Raul Krauthausen entsetzt

Das Tuttlinger Landratsamt und das Kreis-Klinikum betonen auch, dass selbst bei invasiver Beatmung eine hohe Sterblichkeit bei vorbelasteten Menschen vorliegt. „Selbst, wenn diese Phase überlebt wird, ist die Sterblichkeit innerhalb der nächsten Wochen sehr hoch. Das Leiden dieser Menschen unter der Therapie ist groß.“ Landratsamt und Kreis-Klinikum appellieren an die Einrichtungen der Alten- und Behindertenhilfe, die Behandlungsmöglichkeiten den Menschen zur Verfügung zu stellen, „die auch davon profitieren können.“ Forscher warnten angesichts der steigenden Corona-Zahlen in Baden-Württemberg bereits, dass die Triage bald zum Klinikalltag gehören könnte.

Im Namen von AbilityWatch meldete sich auf Twitter auch der Menschenrechtsaktivist Raul Krauthausen zu Wort. „Tuttlingen will Alte und Behinderte nach Lebenswert triagieren“, schreibt er bestürzt. „Betreiber werden aufgefordert, dafür zu sorgen, dass alte, behinderte oder erkrankte Personen im Falle einer Corona-Infektion nicht mehr behandelt werden. Wir von AbilityWatch sind entsetzt.“

„Wonach sollen die Mitarbeiter entscheiden? Sollen ältere oder mehrfach behinderte Menschen nicht mehr bei Corona behandelt werden? Sind diese Leben nicht lebenswert?“, fragt AbilityWatch. „Es ist zutiefst verstörend, dass ein Sozialdezernent und ein Klinikleiter in Deutschland Personen nach ‚Lebensqualität‘ kategorisieren möchten und eine medizinische Behandlung von dieser abhängig machen wollen.“

Aktivisten kämpfen gegen „Diskriminierung aufgrund von Alter, Behinderung, Geschlecht und Herfkunft“

Bereits vor anderthalb Jahren haben mehrere Beschwerdeführer mit Unterstützung von AbilityWatch in Karlsruhe Verfassungsbeschwerde eingelegt. Ziel der Beschwerde ist es, den Gesetzgeber dazu zu bringen, Diskriminierung aufgrund von Merkmalen wie Alter, Behinderung, Geschlecht oder Herkunft auszuschließen. Eine Entscheidung steht noch aus.

Bernd Mager, Sozialdezernent am Landratsamt Tuttlingen, nimmt auf Anfrage von BW24 Stellung zu den Vorwürfen:

Unser Schreiben dient ausschließlich dem Ziel, dass Betroffene wie auch deren Angehörige sich rechtzeitig Gedanken darüber machen, unter welchen Voraussetzungen lebenserhaltende Maßnahmen gewünscht werden. Explizit zielt das Schreiben auf den Behandlungswunsch der betroffenen Menschen ab. Sich frühzeitig damit auseinanderzusetzen, wie der letzte Lebensabschnitt gestaltet werden soll: Dazu raten wir – nicht nur Hochbetagten – seit vielen Jahren im Rahmen unserer Beratungsgespräche zu Patientenverfügungen und Vorsorgevollmachten; im Übrigen völlig unabhängig von der aktuellen Corona-Lage mit ihren eigenen, großen Herausforderungen.

Soweit in der Öffentlichkeit der Eindruck erweckt wurde, mit dem genannten Schreiben solle älteren pflegebedürftigen Menschen der Zugang zum Krankenhaus verwehrt oder auch nur erschwert werden, gibt es dafür nicht den Hauch eines Anhaltspunktes. Der Vorwurf einer „versteckten Triage“ ist völlig haltlos. Auch in kritischen Zeiten erhält jeder Patient in einem Klinikum diejenige Behandlung, die er für sich wünscht. Allerdings wissen wir eben auch, dass – gerade auch viele Hochbetagte – bei einer akuten Erkrankung lebensverlängernde Maßnahmen (künstliche Beatmung, Reanimierung, Herz-Lungen-Maschine etc.) gar nicht zwingend wünschen. Hier gilt es, den selbstbestimmten Patientenwillen zu berücksichtigen. Diesen muss man jedoch wissen (Angehörige, Ärzte ) ! Daher der Appell im Schreiben, sich frühzeitig mit dem Notfall auseinanderzusetzen und mitzuteilen – so lange es man noch kann – welche Behandlung gewünscht wird.  

Obgleich die landesweite Inzidenz in den letzten Tagen etwas zurückging, herrscht auf den Intensivstationen der Kliniken weiterhin eine dramatische Lage. Wir bereiten uns derzeit intensiv auf die 5. Welle vor und erwarten einen massiven Anstieg der Fallzahlen, der durch die Omikron – Variante überaus realistisch ist. Wir machen uns große Sorgen, wie wir die medizinische Versorgung aller Menschen – ob Corona-Patient, Unfallopfer oder Krebspatient, weiterhin gewährleisten können, gerade in den Intensivstationen. 

Paramedic stellt sich auf Seite des Landratsamts: „Schreiben entstand, als Krankenhäuser am Limit waren“

Auch ein Notdienst-Mitarbeiter auf Twitter stellt sich auf die Seite des Landratsamts und der Klinik. Paramedic Philipp Polster schreibt: „Zuerst einmal zum Hintergrund: Das Schreiben entstand zu einem Zeitpunkt, zu dem der Landkreis zu den am stärksten von Corona betroffenen Regionen Deutschlands gehörte, in der auch die umliegenden zehn Krankenhäuser am Limit waren, der Rettungsdienst rotierte. Man stand also mit dem Rücken zur Wand.“ Polster argumentiert zudem, dass seiner Erfahrung nach die Patienten selbst häufig gar keine weitergehende Therapie einfordern würde.

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