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Tierhospiz Backnang: Wo Katzen ihre letzte Reise antreten dürfen

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Von: Franziska Vystrcil

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Vanessa Reif, Gründerin des Tierhsopizes Villa Anima e.V., und eine Katze
Trauerbegleiterin Vanessa Reif hat es sich zur Aufgabe gemacht, alte und kranke Katzen bis an ihr Lebensende zu begleiten. © Vanessa Reif/Villa Anima e.V.

Die Villa Anima in Backnang bietet ein liebevolles Zuhause für alte oder schwer kranke Katzen aus dem Tierschutz. BW24 hat mit Gründerin Vanessa Reif über ihre Arbeit gesprochen.

Backnang - Ein Haustier mag unser Leben nur eine kurze Zeit begleiten, nur ein Teil unseres Lebens sein. Für die Tiere sind wir jedoch ihr ganzes Leben. Kaum jemand macht sich bei der Anschaffung eines Hundes, einer Katze oder eines Kleintieres Gedanken, wie es mal sein wird, dieses Tier gehen lassen zu müssen. Doch der Tod gehört zum Leben dazu. Und dennoch ist die Trauer um ein geliebtes Tier in unserer Gesellschaft noch immer ein Tabuthema.

Vanessa Reif hat keine Angst vor dem Tod. Für sie gehört er zum Alltag. Vanessa Reif ist Sterbebegleiterin für Tiere, hilft Menschen bei der Trauerarbeit. In Backnang (Baden-Württemberg) führt sie außerdem ein Tierhospiz, in dem sie kranke oder alte Tiere in den Tod begleitet. Über 120 Katzen hat sie in der „Villa Anima“ bereits betreut. Ein Ehrenamt, das vielen dunkel und düster vorkommen mag. Doch Vanessa Reif liebt ihre Arbeit. Denn sie spürt, dass sie damit etwas Gutes tut. „Ich weiß, wie sterben geht“, sagt sie im Interview mit BW24. Und damit möchte sie den Menschen die Angst vor dem Tod nehmen.

Tierhospiz Villa Anima: „Es gehört Mut dazu, Trauer aktiv anzugehen“

Wenn ein geliebtes Haustier seine letzten Atemzüge tut, bleiben seine Menschen in Trauer zurück. Häufig wird der Schmerz ignoriert, die Traurigkeit verdrängt. Dabei ist es wichtig, sich mit seinen Gefühlen auseinanderzusetzen. „Um das Feld der Trauerarbeit drückt man sich gerne“, sagt Vanessa Reif aus Erfahrung. „Viele sind traurig und es geht ihnen schlecht. Es gehört Mut dazu, wirklich hinzuschauen und die Trauer aktiv anzugehen und diese zu transformieren. Es ist eine Herausforderung, das Thema Tod aus der Tabu-Ecke herauszubekommen. Daran arbeite ich. Ich gebe den Menschen, die das möchten, die Möglichkeit, sich auf den Tod und den Verlust vorzubereiten.“

Ich nehme diese Tiere auf, um sie gehen zu lassen.

Vanessa Reif, Gründerin des Tierhospiz Villa Anima e.V.

Den Verlustschmerz kann die junge Frau nur zu gut nachvollziehen. 2011 wird ihr geliebter Kater überfahren. Für Vanessa Reif ein Schock. In ihrer Trauer flüchtet sie sich in ehrenamtliche Tierhilfe. „Ich habe Pflegekatzen aufgenommen und dadurch die Leidenschaft für das Versorgen entdeckt. Ich habe gemerkt, dass mich das glücklich macht“, erzählt sie. „Das war natürlich auch eine unbewusste Strategie, meine Leere zu füllen. Und das hat wunderbar geklappt. Es hat mir geholfen und ich konnte gleichzeitig den Tieren etwas Gutes tun.“ Ein Happy End gab es auch für ein Kätzchen in Stuttgart: Ein Mann rettete es aus einer Mülltonne.

Doch erst als sie einen alten Kater bei sich aufnimmt, öffnet sich ihr Herz langsam wieder. „Er war richtig garstig, hatte keinen Schwanz, keine Ohren und war blind“, erzählt sie. Und dennoch spürte sie bei ihm vor allem eines: Dankbarkeit. „Das hat schließlich dazu geführt, dass ich mehr alte Tiere aufnehmen wollte.“ Die Idee eines Vereins, der Villa Anima e.V., war geboren.

Rund 15 alte und kranke Katzen finden in Backnang ihren Altersruhesitz

2015 zog Vanessa Reif mit ihrer Familie in ein Haus in Backnang, das heute die Villa Anima beherbergt. Innerhalb von zwei Monaten nach der Vereinsgründung waren alle 15 Hospizplätze mit Katzen belegt. Lange betreute Vanessa Reif auch Seniorenpferde. Doch da diese extrem arbeitsintensiv sind, werden die Pferde künftig bei einem Nachbarn unterkommen. Nur ein Seniorenpony bleibt bei ihr auf dem Hof.

Eine alte Katze schaut nach oben in die Kamera
In der Villa Anima werden alte oder kranke Katzen bis zu ihrem Tod umsorgt und gepflegt. © Vanessa Reif/Villa Anima e.V.

Der Verein arbeitet hauptsächlich mit dem Tierschutz und umliegenden Tierheimen zusammen. Tiere von Privatleuten nimmt die Villa Anima in der Regel nicht auf. Die Katzen, die zu ihr nach Backnang im Rems-Murr-Kreis kommen, sind meist alt und krank. Wie lange sie noch zu leben haben, weiß niemand. „Letztendlich sind wir auch eine Art letztes Heim, aber wir haben eine familiäre Atmosphäre“, erklärt Vanessa Reif. „Die Tiere, die hier ankommen, fühlen das auch. Sie dürfen nochmal Liebe und Fürsorge genießen.“

Manche tauen dabei in der Villa Anima nochmal richtig auf, wollen beschmust und gestreichelt werden. Andere bleiben bis zu ihrem letzten Atemzug wild und distanziert. Doch für Vanessa Reif ist das in Ordnung. Sie gibt den Tieren die Zeit und den Raum, den sie brauchen.

„Villa Anima“Gründerin Vanessa Reif: „Sterben tut nicht weh“

Bei ihrer Arbeit ist die Villa Anima auch stets auf der Suche nach Unterstützern. Ziel sei es laut Vanessa Reif, künftig eine Art Netzwerk für Pflegestellen auszubauen. Doch wer ist als Pflegestelle geeignet? „Medizinische Vorkenntnisse sind keine nötig“, sagt Vanessa Reif. Dafür habe man schließlich einen Tierarzt. „Aber man muss sich bewusst sein, dass man ein pflegebedürftiges Tier zu sich holt, das man womöglich nicht lange bei sich hat. Man muss bereit sein, loszulassen, wenn es dann so weit ist.“

Denn die Pflege eines solchen Tieres kann auch emotional werden. Selbst für Vanessa Reif sind nach sieben Jahren in der Tierhospizarbeit jedes Tier und jeder Tod etwas Besonderes. Doch sie hat gelernt, mit dem Tod umzugehen. „In der Regel weiß ich ja, ich nehme diese Tiere auf, um sie gehen zu lassen. Es berührt mich immer, dass ich weiß, ich darf diesen letzten Weg mit den Tieren gehen. Aber es macht mir keine Last auf mein Herz“, erzählt sie.

Dass viele Tierhalter Angst vor dem Tod ihres Tieres haben, kann sie in gewisser Weise nachvollziehen. Doch die Angst ist unnötig. „Sterben ist immer gleich. Bei einem geht es schneller, beim anderen langsamer“, sagt sie. „Deswegen kann ich den Menschen auch die Angst davor nehmen, ihre Tiere zu begleiten. Denn sterben tut nicht weh. Leid ist etwas, das wir im Kopf haben. Das ist bei uns Menschen so konditioniert. Sterben ist Leid, Krebs ist Schmerz. Aber das ist nicht zwingend so.“ Vanessa Reif sieht es als Chance, sein Tier in den Tod begleiten zu können. „Ich denke, ganz aus der Angst vor dem Tod kommt man nie. Aber es ist auch eine Chance, über seine Grenzen hinauszuwachsen.“

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