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NABU: Jäger handeln „unter Deckmantel des Natur- und Tierschutzes“ - Gämsen im Allgäu zum Abschuss frei

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Von: Franziska Schuster

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Eine Mutter-Gämse und ihr Jungtier auf einer schneebedeckten Wiese
Nach einem Gerichtsstreit dürfen Gämsen nur auf der baden-württembergischen Seite des Allgäus geschossen werden, nicht jedoch in Bayern. © Ronald Wittek/dpa

Nach einem Gerichtsstreit dürfen Gämse nur in Baden-Württemberg geschossen werden, nicht jedoch in Bayern. Gegenüber BW24 äußerte der NABU Baden-Württemberg nun Kritik.

Stuttgart/Leutkirch - Manch Wanderer kann sie in luftigen Höhen, auf Bergen und Felsvorsprüngen ausmachen. Doch die meisten haben eine wildlebende Gämse noch nie zu Gesicht bekommen. Die Tiere sind äußerst scheu, ergreifen sofort die Flucht, wenn sie Menschen sehen oder wittern.

Früher waren die Bergziegen in Deutschland beinahe ausgerottet. Inzwischen hat sich der Bestand erholt. Vor allem in den Alpengebirgen in Baden-Württemberg und Bayern sind die Huftiere anzutreffen, dürfen sogar wieder bejagt werden. Allerdings stehen die Tiere nicht überall zum Abschuss frei. Ein Gerichtsstreit hierzu sorgte nun für Aufsehen: Im Allgäu dürfen die Gämsen nur auf der baden-württembergischen Seite geschossen werden, nicht jedoch auf der bayrischen. Im benachbarten Bundesland steht ein Urteil noch aus. Der Beschluss sorgt für viel Diskussionsstoff. BW24 hat beim NABU Baden-Württemberg nachgehakt, ob das Urteil gerechtfertigt ist.

Gämsen stehen zum Abschuss frei - Tiere beschädigen junge Bäume und Pflanzen

Wie auch die Deutsche Presse-Agentur (dpa) berichtet, tobt in Bayern seit Längerem ein Streit darüber, ob Gämsen gejagt werden sollten oder nicht. Jäger und Tierschützer halten die Gams für gefährdet, da sie unter anderem auf der Vorwarnliste der Roten Liste des Bundesamts für Naturschutz steht. Förster und Behörden hingegen wollen die Gämsen wie Hirsche und Rehe bejagen. Der Grund: Die Tiere ernähren sich unter anderem von jungen Strauch- und Baumtrieben. Ähnlich wie Rehe verursachen Gämsen dadurch hohe Schäden an Baumsetzlingen. Das erschwere den klimatauglichen Umbau von Wäldern, so die dpa

„Bei den großen pflanzenfressenden Wildtierarten in Baden-Württemberg, zu denen zum Beispiel Rehe und Rothirsche gehören, ist es in der Regel notwendig, durch Maßnahmen des aktiven Wildtiermanagements ein Gleichgewicht im Gesamtlebensraum aufrechtzuerhalten“, sagt auch Claudia Wild, Pressesprecherin des NABU Baden-Württemberg gegenüber BW24. Das Vorgehen der Tierschützer in Bayern sieht der NABU dennoch kritisch. „Nach unserer Information ist der Tierschutzverband ‚Wildes Bayern‘ ein Satellitenverband des bayrischen Jagdverbands und bedient weniger die Interessen des Tierschutzes als vielmehr die der konservativen Teile der Jägerschaft nach möglichst hohen Wildbeständen unter dem Deckmantel des Natur- und Tierschutzes“, merkt die Pressesprecherin an.

Dennoch kann der NABU Baden-Württemberg die Entscheidung zur Abschussfreigabe der Tiere im Allgäu nachvollziehen. „Der Hochgebirgswald ist sehr viel empfindlicher als die Waldbestände in unseren Höhenlagen und die Verjüngung und Vegetationsentwicklung dauert dort unglaublich viel länger“, erklärt Claudia Wild. Die wirtschaftliche Funktion sei dabei zweitrangig, die Hauptfunktion des Hochgebirgswaldes als Schutzwald, etwa gegen Lawinen oder Muren (Erdrutsche, Anm.d.Red.), stünden im Vordergrund.

Gämse können sich ungehindert vermehren - natürliche Feinde wie Luchs und Wolf fehlen

Ein weiteres Problem: Die Bergziegen können sich ungehindert vermehren. Zwar kehren viele ausgerottete Tierarten, wie etwa Luchs, Wolf und Schakal nach Baden-Württemberg zurück, dennoch haben die Gämse fast keine natürlichen Feinde. „Weil der Luchs nicht mehr in wesentlichen Dichten vorhanden ist, ist es die wichtige Aufgabe der Jägerschaft, den Wald im Hochgebirge zu schützen“, sagt Claudia Wild. „Deshalb sollen eigentlich die im Wald vorkommenden ‚Waldgamsen‘ erlegt werden. Dies geschieht oft nur unzureichend.“ Das Land Baden-Württemberg hat unterdessen ein Ansiedlungsprojekt für Luchse ins Leben gerufen, um den Bestand der Raubkatzen wieder zu erhöhen.

Dennoch betont die Pressesprecherin: „Die Gams ist nicht gefährdet, der geschilderte Konflikt ist aus unserer Sicht in erster Linie eine Abwehrreaktion der großen Jagdorganisationen, um die notwendige Regulation der Gams in tieferen Lagen zu verhindern.“ Es bleibt also spannend, welches Urteil in Bayern 2022 bezüglich der Gämse fallen wird. Karlsruher Forscher sind aber wegen anderen Artensterben in Baden-Württemberg alarmiert: Der Rückgang der Biodiversität ist eines der größten Umweltprobleme unserer Zeit.

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