SWR Nachtcafé

„Hätten alleine nicht überlebt“: Zwillinge überstehen gemeinsam verwahrloste und gewaltvolle Kindheit

Gisela und Mary Hafner bei „Nachtcafé“
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Trotz schlimmer Erlebnisse in der Kindheit strahlen die Zwillingsschwestern Gisela und Mary Hafner heute Zuversicht aus.
  • Sina Alonso Garcia
    VonSina Alonso Garcia
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Wie findet man seinen Seelenfrieden, wenn man in Armut, Gewalt und Verwahrlosung aufwächst? Die Zwillinge Gisela und Mary Hafner sind überzeugt: Sie haben es nur zusammen geschafft.

Baden-Baden - Erlebnisse in der Kindheit können unser Leben als erwachsene Menschen enorm beeinflussen. Insbesondere Gewalt und Vernachlässigung sind für Kinderseelen pures Gift, an dem die allermeisten zugrunde gehen. Gisela und Mary Hafner, die in einem kleinen Ort am Bodensee aufgewachsen sind, wissen, was es heißt, als Kind tagelang zu hungern, geschlagen zu werden und völlig ohne elterliche Zuneigung aufzuwachsen. „Wir haben wie durch ein Wunder überlebt“, sagen sie heute.

„Meine Schwester und ich sind in einer Familie aufgewachsen, in der die Mutter schwer depressiv war - und der Vater überfordert mit der ganzen Situation“, berichtet Mary in der SWR-Nachtcafé-Sendung zum Thema „Zwillinge“. „Durch die schwere Depression war unsere Mutter nicht in der Lage, uns als kleine Kinder zu versorgen.“ Gemeinsam mit ihrem drei Jahre älteren Bruder mussten die 1960 geborenen Schwestern bereits als Säuglinge tagein, tagaus zusammengepfercht in einem Gitterbett liegen. Während die Eltern draußen auf dem Feld arbeiteten, wurden die kleinen Kinder vollständig sich selbst überlassen - bis sie irgendwann in ihrem eigenen Urin lagen. Hilflos und unterernährt, lernten sie nie, was es heißt, geliebt zu werden.

Eine Kindheit ohne Liebe: Hafner-Kinder hatten „pure Angst, zu sein“

„Unsere Mutter hat uns niemals in den Arm genommen“, sagen die Hafners. „Die einzige Nähe, die wir als Schwestern hatten, war untereinander.“ Ein Urvertrauen zu entwickeln, sei schlichtweg nicht möglich gewesen. Auch das Verhältnis zum Bruder sei nie besonders eng gewesen, weil dieser selbst sehr verschüchtert gewesen sei und unter der Gewalt des Vaters sehr gelitten habe.

„Unser Vater hat uns mit einem Prügel geprügelt - das war außerhalb jeglicher Vorstellungskraft. Er hat so lange auf uns eingeprügelt, bis wir weder sitzen, liegen, noch stehen konnten“, sagen die Schwestern im Nachtcafé. „Wir hatten pure Angst, zu sein. Nicht weinen zu dürfen, nicht sprechen zu dürfen, keine Wünsche zu äußern. Eigentlich nicht sein zu dürfen. Das schneidet ein Kind von der Lebensenergie ab und nimmt ihm die Würde.“ Bis sie zwölf Jahre alt waren, schliefen die Hafner-Kinder zu dritt in Embryo-Haltung in dem engen Gitterbett.

„Im Innern wusste ich, es gibt die Liebe“ - trotz grausamer Kindheit zeigen die Hafners Dankbarkeit

Schon als kleines Mädchen hat Mary Hafner gespürt: „Das, was hier passiert, ist nicht richtig.“ Im Außen sei alles kalt, gefährlich und bedrohlich gewesen. „Aber im Innern, da wusste ich, es gibt die Liebe.“ Indem sich die Schwestern eng aneinander kuschelten, während um sie herum das Chaos tobte, überstanden sie die schwierigen Stunden durch ihre starke Verbundenheit.

„Ich bin überzeugt, nur unsere Nähe zueinander hat uns gerettet“, sagt Gisela. „Ich weiß nicht, ob ich ohne meine Schwester noch hier wäre. Wahrscheinlich hätte ich es alleine nicht überlebt.“ In der Schule seien sie ausgegrenzt worden, waren immer kleiner und dünner als die anderen Kinder. Trotz allem hätten sie es jedoch geschafft, Freude an kleinen Dingen zu finden. Neben dem Singen gaben den Zwillingen auch Ausflüge in die Natur die Kraft, um wieder aufzutanken. „Wir haben eine unglaubliche Dankbarkeit gepflegt“, sagt Mary. „Wir waren für alles dankbar - für jedes liebe Wort. Denn was vom Herzen kommt, wirkt im Herzen.“ Seit 20 Jahren führt Mary ein Dankbarkeits-Tagebuch.

Gisela und Mary Hafner: Der Glaube an das Gute im Menschen war immer vorhanden

Während die Zwillinge sich untereinander das Urvertrauen geben konnten, das sie durch ihre Eltern nie bekommen hatten, verinnerlichte ihr Bruder von den Eltern indoktrinierte, vernichtende Glaubenssätze offenbar so stark, dass er später schwer krank wurde. „Das ganze Leid machte ihn krank und er starb viel zu jung.“

Wie die Schwestern es geschafft haben, trotz Armut, Gewalt und Mangelernährung ihre Kinderseelen zu schützen und ihren Glauben an das Gute im Menschen zu bewahren, beschreibt Gisela Hafner in ihrem Buch: „Nichts Gutes kommt aus diesem Haus: Meine Kindheit in Armut und Verwahrlosung mitten im Wirtschaftswunder-Deutschland.“ Inzwischen leben die Zwillinge in Bozen (Südtirol). Mary betont, dass viele Dinge sie heute noch ein großes Maß an Überwindung kosten. Gleichzeitig ist deutlich spürbar, wie viel Kraft sie aus der engen Beziehung zu ihrer Schwester schöpft.

SWR Nachtcafé: Bekannt für bewegende Geschichten

Das SWR Nachtcafé, das in Baden-Baden (Baden-Württemberg) gedreht wird, berührt immer wieder mit emotionalen Geschichten, die ans Herz gehen. Manchmal ergeben sich durch die Sendung für die anwesenden Gäste Möglichkeiten, sich mit anderen Menschen zu vernetzen und Gutes zu tun. In der Sendung „Lasst uns über Geld reden“ entschloss sich ein schwäbischer Multimillionär, einer Rentnerin einen neuen Fernseher und ein Jahr lang Mittagessen zu spendieren.

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