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Stolzer Streich: Fans bedeuten Freiburgs Trainer mehr als der Pokal

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DFB-Pokalfinale
Blick ins Stadion vor der Partie zwischen Leipzig und Freiburg. © Tom Weller/dpa

Der SC Freiburg verpasst im Elfmeterkrimi von Berlin den ersten großen Titel der Clubhistorie. Was die Anhänger rund um das DFB-Pokal-Finale gegen RB Leipzig veranstalten, bewegt den Trainer aber sichtlich. Auch bei den Vorständen überwiegt der Stolz.

Berlin (dpa/lsw) - Christian Streich war regelrecht überwältigt. Das, was die Fans des SC Freiburg rund um das DFB-Pokal-Finale in Berlin veranstalteten, hatte der Trainer in dieser Form noch nicht erlebt. Es tröstete ihn sogar über den verpassten ersten großen Titel der Clubhistorie hinweg. «Es war so toll mit den Leuten, was hier alles abgegangen ist», sagte Streich. «Wie sich die Fans aufgeführt haben in der Stadt - 30 000 und total friedlich. Wenn wir das bewahren könnten in diesem Verein, das wäre mein größter Wunsch. Da verzichte ich auch gerne auf einen Pokalsieg, auch wenn es mir schwerfällt.» Nach der Rückkehr in die Heimat wurde am Sonntag am Stadttheater weitergefeiert - und Streich war dort beinahe zu Tränen gerührt.

Mit 2:4 verloren die Freiburger am Samstagabend im Elfmeterschießen gegen RB Leipzig. Kapitän Christian Günter, der 2011 unter Streich mit dem SC den A-Junioren-Pokal geholt hatte, und Stürmer Ermedin Demirovic vergaben vom Punkt. Wie schon in der Fußball-Bundesliga im Rennen um die Champions-League-Plätze hatten die Badener gegen die Sachsen auch diesmal das Nachsehen. RB gewann den Pott, der sich aktuell rasant entwickelnde Sport-Club dafür aber die Herzen.

Zigtausende Freiburger Anhänger hätten «Berlin zur Hauptstadt Südbadens» gemacht, sagte Sportvorstand Jochen Saier. Gemeinsam war der Großteil von ihnen am Nachmittag zum Olympiastadion gepilgert. Dort feierten sie ihre Mannschaft und Trainer Streich noch lange nach dem Abpfiff mit Ovationen und Sprechchören. «Wir haben es aufgesogen und versucht, zu genießen», sagte Saier über das rot gekleidete Menschenmeer in der Ostkurve. «Dafür macht man es.»

«Es war ein außergewöhnliches Jahr für uns, eine großartige gemeinsame Reise», resümierte der Sportchef. «Wir hätten uns gerne die Krone aufgesetzt, aber irgendwie fühlt es sich doch so an, als hätten wir uns ein Krönchen aufgesetzt.» Dass es nicht für ein Happy End reichte und stattdessen zum Abschluss die dritte Pflichtspiel-Niederlage in Serie setzte, werde in den kommenden Tagen womöglich noch «brutal wehtun», prophezeite Streich. Auf die Europa League, für die sich Freiburg qualifiziert hat, freue er sich aber.

«Nach zwei, drei Tagen Frustbewältigung werden wir auf eine tolle Saison zurückblicken», stimmte Finanzvorstand Oliver Leki dem Coach zu. «Wir werden nächstes Jahr europäisch spielen. Das ist weiß Gott keine Selbstverständlichkeit für den Verein.» Und deshalb wurde auch ausgiebig gefeiert. Nach der nächtlichen Party in einer Berliner Eventlocation ging es am Sonntag zurück nach Freiburg für den Eintrag ins Goldene Buch der Stadt und eine weitere Sause am Platz der Alten Synagoge. Mehrere Tausend Fans nahmen die SC-Delegation in Empfang.

Wegen seiner Entstehungsgeschichte mit Geldgeber Red Bull im Rücken hatte Finalgegner Leipzig insbesondere in den Tagen vor der Partie wieder viel Kritik aus der aktiven Fanszene einstecken müssen. Nicht wenige Fans bundesweit hätten RB nach den verlorenen Pokal-Endspielen 2019 und 2021 gerne ein weiteres Mal scheitern gesehen. Trotz langer Unterzahl und dank großer Mentalität siegten die Sachsen letztlich aber und holten 13 Jahre nach ihrer Gründung den ersten großen Titel.

Die Gratulationen aus der Liga hielten sich in Grenzen. Vom Vorstandschef des FC Bayern München, Oliver Kahn, gab es aber eine. «Wir sehen uns im Supercup!», schrieb er bei Twitter. Von einer Person auf Freiburgs Bank habe ihm nach dem Platzverweis kurzzeitig sogar «purer Hass» entgegen geschlagen, berichtete RB-Trainer Domenico Tedesco.

Mittelfeldspieler Maximilian Eggestein hatte Freiburg in der 19. Minute in Führung gebracht. Nach der Roten Karte gegen RB-Verteidiger Marcel Halstenberg wegen einer Notbremse (57.) verpasste es der SC aber - womöglich auch aus Angst vor der eigenen Courage - den Sack zuzumachen. Stattdessen kassierte er den Ausgleich durch Christopher Nkunku (76.) und musste sich nach drei Aluminium-Treffern von Janik Haberer und Demirovic in der Verlängerung noch geschlagen geben.

Streich nahm seinen langjährigen Schützling Günter in den Arm, nachdem dieser seinen Versuch im Elfmeterschießen über das Tor gejagt hatte. Auch Nationalspieler Nico Schlotterbeck, der eine starke Partie hinlegt hatte und sich nur allzu gerne mit einem Titel zu seinem neuen Club Borussia Dortmund verabschiedet hätte, konnte Trost gebrauchen.

Es war ein denkwürdiges erstes Pokalfinale für die Freiburger. Letztlich liefen sie bei der Siegerehrung, die sich wegen eines medizinischen Notfalls im Stadion um rund 20 Minuten verzögert hatte, zwar geknickt, aber dennoch erhobenen Hauptes am Pokal vorbei.

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