Zum 20. Jahrestag

Kommen russische Hinterbliebene zum Absturzgedenken nach Überlingen?

Absturzgedenken am Bodensee
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Das zerstörte Leitwerk der abgestürzten Tupolew-Maschine liegt bei Überlingen am Bodensee auf einem Feld (2002).

Vor 20 Jahren starben bei einem schrecklichen Unfall mehr als 70 Menschen. Weil Angehörige vieler Opfer aus Russland stammen, wird das Gedenken in diesem Jahr zum Politikum.

Überlingen/Stuttgart (dpa/lsw) - Zwei Monate vor dem 20. Jahrestag des Flugzeugunglücks von Überlingen wird angesichts der weltpolitischen Lage über die Teilnahme russischer Angehöriger der Opfer diskutiert. Zwar versicherte Oberbürgermeister Jan Zeitler (SPD), dass die Hinterbliebenen trotz des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine am Bodensee willkommen seien. Aus Sicht eines Freundeskreises sind das aber nur warme Worte.

Die Vorsitzende des Vereins «Brücke nach Ufa», Nadja Wintermeyer, sagte der Deutschen Presse-Agentur am Sonntag, sie finde die Aussagen der Politiker heuchlerisch. Zwar wolle die Stadt jetzt möglichst schnell wissen, wer alles zum Empfang komme. Aber für die Menschen in Russland stellten sich zunächst die Fragen, wie sie rechtzeitig an ein Visum kommen und wie sie den Flug bezahlen sollen. «Erst danach sollte es um die Reihenfolge der Reden beim Empfang gehen.»

Konsulat soll Visum für Hinterbliebene vorrangig bearbeiten

Für ein Visum hätte eine Einladung des Landes oder der Stadt mehr Gewicht als eine von einem Verein, sagte Wintermeyer. Der Freundeskreis wolle das Konsulat nun bitten, die Anträge mit Vorrang zu bearbeiten. «Dadurch, dass jetzt so gut wie keine Visen ausgestellt werden, spielt uns das hoffentlich in die Karten.» Wegen gestrichener Flugverbindungen müssten die Hinterbliebenen zum Beispiel über Istanbul nach Deutschland kommen. Allerdings seien die Flugpreise in die Höhe geschnellt, sagte Wintermeyer. «Das kann sich nicht jeder leisten.»

49 Schulkinder starben beim Absturz nahe Überlingen

Der Verein «Brücke nach Ufa» ist nach der russischen Stadt benannt, aus deren Region 49 Schulkinder stammten, die bei dem Absturz am 1. Juli 2002 starben. Nahe Überlingen waren damals kurz vor Mitternacht eine russische Passagiermaschine und ein DHL-Flugzeug zusammengestoßen und abgestürzt. Alle 71 Insassen kamen ums Leben.

Die Tupolew war auf dem Weg nach Spanien, wo die Kinder Urlaub machen wollten. Auch die beiden Piloten des Frachtflugzeugs kamen um.

Das Unglück ging laut der Bundesstelle für Flugunfalluntersuchung auf technische Mängel und menschliche Fehler bei der Schweizer Flugsicherung Skyguide zurück. 2004 erstach einer der Hinterbliebenen, der bei dem Absturz Frau und Kinder verloren hatte, einen Fluglotsen, der am Abend des Unglücks alleine im Kontrollzentrum gesessen und die Kollision zu spät bemerkt hatte.

Baden-Württemberg wird Anreise von Hinterbliebenen weder organisieren noch finanzieren

Die Teilnahme russischer Angehöriger am offiziellen Gedenkakt zum 20. Jahrestag ist schon seit längerem Thema. «Ich möchte ein würdiges Gedenken haben», sagte Oberbürgermeister Zeitler den «Stuttgarter Nachrichten» und der «Stuttgarter Zeitung» (Samstag). Er wolle ausdrücklich auch russische Hinterbliebene willkommen heißen.

Allerdings solle die Anreise weder von Baden-Württemberg organisiert noch finanziert werden, sagte ein Sprecher des Staatsministeriums den Blättern. Auch sind dem Bericht zufolge weder Reise- oder Übernachtungsgeld noch Einladungen an Familien aus dem Uralgebiet geplant. Eine Absage bekam der Freundeskreis «Brücke nach Ufa» zudem für den Wunsch nach einer ganzen Gedenkwoche Anfang Juli sowie auf einen Zuschussantrag für ein Jugendaustausch-Projekt mit Ufa.

«Wir trennen das ganz klar», sagte die Vorsitzende Wintermeyer. «Das eine hat mit dem anderen nichts zu tun.» Auch in den vergangenen Jahren hätten Land oder Stadt nicht die Anreise gezahlt, räumte sie ein. Dieses Jahr zeige sich die Politik aber äußert «zurückhaltend, um es vorsichtig auszudrücken». Wie viele Menschen nach Überlingen kommen wollen, steht ihrer Auskunft zufolge noch nicht fest. «Im Prinzip wollen alle kommen, aber nicht alle haben die Möglichkeiten.»

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