1. bw24
  2. Baden-Württemberg

Handyvideo von Polizeieinsatz in Reutlingen erinnert an George Floyd - „Muss das Knie nicht auf den Hals?“

Erstellt:

Von: Julian Baumann

Kommentare

Mehrere Polizeibeamte halten einen Mann am Boden fest.
Ein Video zeigt die Festnahme eines Teilnehmers eines Corona-Protestes in Reutlingen. Das Vorgehen der Polizei schlug hohe Wellen. © Twitter-Screenshot

Ein bei einem verbotenen Corona-Aufzug in Reutlingen gefilmtes Video eines Polizeieinsatzes schlägt im Netz hohe Wellen. Einer der Vorwürfe: Polizeigewalt.

Reutlingen - Die Krise aufgrund des Coronavirus in Baden-Württemberg dauert nun bereits seit fast zwei Jahren an. Seitdem kommt es in vielen Städten im Südwesten immer wieder zu Protesten gegen die Maßnahmen der Landesregierung. Im vergangenen Jahr fanden in der Landeshauptstadt Stuttgart viele Demonstrationen der Initiative „Querdenken 711“ gegen die Maßnahmen zum Infektionsschutz statt. Am vergangenen Samstag, 18. Dezember, versammelten sich rund 1.000 Demonstranten zu einer zwar angemeldeten, aber verbotenen Versammlung in Reutlingen. Die Polizei war mit einer Hundertschaft an Einsatzkräften vor Ort, heißt es in einer Meldung des Reutlinger Präsidiums.

Auf dieser nicht genehmigten Corona-Demo entstand auch ein Handyvideo, das aktuell in den sozialen Medien hohe Wellen schlägt. Zu sehen ist, wie Polizeibeamte einen Mann auf dem Boden festhalten. Auf Twitter wird den Einsatzkräften unter anderem Polizeigewalt vorgeworfen und Vergleiche zu dem Fall George Floyd gezogen. Der Afroamerikaner verstarb im vergangenen Jahr bei einem Polizeieinsatz in den USA, nachdem ein Beamter mehrere Minuten lang auf seinem Hals gekniet war. Die Polizei Reutlingen ist über die Vorkommnisse im Bilde. Der Einsatz werde in Zusammenarbeit mit der Staatsanwaltschaft untersucht, wie ein Sprecher gegenüber BW24 sagte.

Corona-Protest in Reutlingen: Rund 1.000 Personen versammeln sich trotz Verbot

Laut der Pressemitteilung des Polizeipräsidiums Reutlingen hatten die Stadt und das Landratsamt die für Samstag angemeldete Demonstration unter dem Motto „Für Freiheit, Wahrheit und Selbstbestimmung“ per Verfügung verboten. Dennoch versammelten sich an diesem Tag rund 1.000 Personen, um gegen die Corona-Maßnahmen zu protestieren. Bereits am frühen Nachmittag versuchten Demonstranten, die geltende Maskenpflicht mit einer vorgetäuschten Nahrungsaufnahme zu übergehen, schreibt die Polizei. Gegen 18 Uhr marschierte eine große Gruppe trotz Verbot kurzzeitig auf der Lederstraße in Richtung Pfullingen. Die Polizei war mit rund 700 Beamten im Einsatz und musste eingreifen.

Schon bei der Versammlung in Reutlingen wies die Polizei die Teilnehmer per Lautsprecherdurchsage auf das Versammlungsverbot hin. Als eine große Personengruppe dennoch einen Aufzug startete, schritten die Beamten ein, hielten den Aufzug an und umschlossen einen großen Teil der Gruppe im Bereich des Oskar-Kalbfell-Platzes. Die Polizei versuchte anschließend, den restlichen Teil der Demonstranten aufzuhalten. Dabei kam es laut der Mitteilung zu einem tätlichen Angriff und zu Widerstandshandlungen gegen Polizeibeamte. Die Reaktion der Beamten wurde offenbar per Handyvideo gefilmt und löste auf Twitter eine hitzige Debatte aus.

Polizeieinsatz in Reutlingen: Vorgehen der Beamten führt zu hitzigen Diskussionen - „Sadisten“

Die Szenen des Handyvideos zeigen offenbar die Reaktion der Polizei nach dem tätlichen Angriff auf die Beamten auf der Corona-Demo in Reutlingen. Zu sehen ist, wie zwei Beamte einen Mann auf dem Boden festhalten. Der Mann wehrt sich und beleidigt die Beamten, sodass einer der Polizisten ihn mithilfe seines Knies auf den Boden drückt. „Seid ihr noch ganz dicht?“, sowie „Hast du einen Schaden?“ sind von dem Mann zu hören. Weitere Personen, die in dem Video nicht zu sehen sind, rufen den Polizisten „gehen sie doch runter“ und „gehen sie doch von seinem Hals runter, der macht doch nichts“ zu.

Die Fassungslosigkeit der umstehenden Personen ist in dem Video deutlich herauszuhören, als die Beamten den sich wehrenden Mann weiter auf dem Boden fixieren. „Das sind normale Bürger, die machen doch nichts“, ist beispielsweise zu hören. „Wie könnt ihr nur?“ Auch auf Twitter sind unter dem Hashtag #Polizeigewalt viele Nutzer von dem Vorgehen der Beamten bestürzt. „Sadisten“, schreibt ein Nutzer nur, „ekelhaft“, ein anderer. Eine Userin kommentiert sogar: „Das ist in Baden-Württemberg normal, auch in Stuttgart.“

Gerade, dass die Beamten in dem Video stellenweise auf dem am Boden liegenden Mann knien, erinnert viele Nutzer an den Fall George Floyd. „Muss das Knie nicht auf den Hals?“, kommentiert einer und bezieht sich dabei offenbar auf das Vorgehen des inzwischen verurteilen US-Polizisten Derek Chauvin, der fast zehn Minuten auf dem Hals des Afroamerikaners kniete und ihn so letztendlich tötete. Der Vorfall in Minneapolis sorgte im vergangenen Jahr für Anteilnahme in der ganzen Welt. Die „Black Lives Matter“-Demos in Baden-Württemberg ließen sogar die Corona-Proteste kläglich aussehen. Aktivisten benannten kurzzeitig sogar den Erwin-Schoettle-Platz in Stuttgart in „George Floyd-Platz“ um.

Nach Handyvideo von Corona-Protest: Polizei Reutlingen untersucht den Vorfall

Dass dem im Video dargestellten Vorgehen der Polizei Reutlingen ein tätlicher Angriff auf Beamte vorangegangen war, wird im Video nicht gezeigt. „Wir sind über die Vorkommnisse im Bilde“, sagte ein Polizeisprecher auf Anfrage von BW24. Auf der verbotenen Versammlung in Reutlingen ist es nach Angaben der Polizei zu insgesamt vier Straftaten gegen Einsatzkräfte gekommen. Zudem wurden 500 Platzverweise erteilt. Laut dem Sprecher geht die Polizei dem in dem Video festgehaltenen Vorgang nach. „Die Kriminalpolizei und die Staatsanwaltschaft sind mit der Nachbearbeitung betraut“, erklärte er. „Es wird untersucht, ob etwaiges Fehlverhalten vorliegt.“

Nach der Festnahme mehrerer Tatverdächtigen, klagte einer über Kreislaufprobleme, sodass ein Krankenwagen angefordert werden musste. Ob es sich dabei um den Mann aus dem Video handelte, konnte die Polizei Reutlingen gegenüber BW24 nicht bestätigen. Die Personen, denen in Reutlingen ein Platzverweis erteilt wurde, müssen nun mit einer Strafe von bis zu 500 Euro aufgrund der Teilnahme an einer verbotenen Versammlung rechnen. Ein tätlicher Angriff gegen Polizeibeamte kann laut dem Sprecher des Präsidiums Freiheitsstrafen von drei Monaten bis zu fünf Jahren nach sich ziehen.

Auch interessant

Kommentare