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Pfarrer verteidigen Sternsinger gegen Rassismus-Vorwürfe: „Natürlich kann sich jeder schwarz anmalen“

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Von: David Frey

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2020 konnten die Sternsinger in Twistringen zum letzten Mal losziehen. Am Wochenende ist es endlich wieder so weit – dann allerdings ohne Schminke. Archivbild: Nölker
Die Praxis des braunen oder schwarzen Schminkens von Sternsingern gerät im gesellschaftlichen Diskurs in die Kritik. Das sogenannte „Blackfacing“ löst eine Rassismus-Debatte aus. © ARCHIVBILD: Sabine Nölker

Rund um die Sternsinger-Aktionen im Land keimte eine Rassismus-Debatte um schwarz angemalte Teilnehmer wieder auf - der Vorwurf: Blackfacing.

Stuttgart - Jedes Jahr ziehen am 6. Januar, dem Tag der „Heiligen Drei Könige“, zumeist Kinder als Sternsinger in ganz Baden-Württemberg von Haus zu Haus, wo sie unter anderem an den Türen von Häusern und Wohnungen den Sternsingersegen anbringen und auch Geld für wohltätige Zwecke sammeln. In der Gruppenzusammenstellung ist es üblich, dass drei der Kinder die Heiligen Drei Könige Caspar, Melchior und Balthasar darstellen, von denen in der Auslegung der Weihnachtsgeschichte einer dunkelhäutig ist.

Dementsprechend war es lange Zeit eine gängige Praxis, dass mindestens einer der Sternsinger schwarz oder braun geschminkt wurde. Doch dieses Vorgehen gerät im heutigen gesellschaftlichen Diskurs, der unter anderem von Blackfacing-Debatten wie etwa beim Aladdin-Musical in Stuttgart bestimmt wird, in die Kritik.

Pfarrer aus Baden-Württemberg werten Anmalen von Sternsingern nicht als Rassismus

Trotz Pandemie sind auch in diesem Jahr wieder Sternsinger in Baden-Württemberg unterwegs - im Vorfeld der Aktionen keimte jedoch die Rassismus-Debatte um das Schminken der Kinder wieder auf. Ein Verbot des Schminkens gibt es nicht. Das Kindermissionswerk, das die Aktion ausrichtet, sowie der Bund der Deutschen Katholischen Jugend (BDKJ) sprechen sich jedoch auf ihren Webseiten ausdrücklich dafür aus, dass darauf verzichtet werden soll. „Auch wenn dieses ‚Blackfacing‘ nichts mit dem Schminken beim Sternsingen zu tun hat, bringen es doch viele Menschen damit in Verbindung“, schreibt das Kindermissionswerk. „Deshalb meinen wir, dass die Sternsinger am besten so zum Sternsingen kommen sollten, wie sie sind: vielfältig in ihrem Aussehen.“

Zwei katholische Pfarrer aus Baden-Württemberg verteidigen hingegen die Praxis. „Natürlich kann sich jeder Sternsinger, der will, auch schwarz anmalen“, sagt der in Indien geborene Pfarrer Arul Lourdu, Leiter der katholischen Seelsorgeeinheit Leimen-Nußloch-Sandhausen, der Rhein-Neckar-Zeitung (RNZ). Er sehe in dem bewussten Verzicht auf das Schminken ein Zeichen der Ausgrenzung. Pfarrer Tobias Streit, der die Seelsorgeeinheit Neckar-Elsenz leitet, sagte der RNZ: „Es gibt bei uns Menschen mit dunkler Hautfarbe und man sollte an sie mitdenken.“ Streit werte das Schminken nicht als Rassismus, sondern vielmehr als Zeichen einer „Willkommenskultur“.

Erzbischof kann Blackfacing-Kritik nicht verstehen: Sternsinger-Schminken eine „Lehrstunde für Gleichheit“

Auch der Bamberger Erzbischof Ludwig Schick bewertet das Anmalen der Kinder in einem Post auf seiner Facebook-Seite nicht als Rassismus, sondern erkennt darin eine „Lehrstunde für Gleichheit und Einheit aller Menschen“. Dass es diese anschauliche Praxis nicht mehr geben soll, bedauere er. Seiner Meinung nach sei ein Schmink-Verbot „zumindest ideologisch“.

Wenngleich der Erzbischof in den Kommentaren unter seinem Beitrag auf Zustimmung trifft, sind dort auch kritische Stimmen zu lesen. „Afrodeutsche und viele Communities von People of Colours haben klar gesagt, dass sie diese Praxis als verletzend empfinden. Auch das M-Wort ist negativ besetzt. Ich finde, dass auf sie gehört werden sollte und dass nicht Angehörige der Weißen Mehrheitsgesellschaft entscheiden sollten, was in diesem Zusammenhang richtig ist“, schreibt eine Frau. Ihrer Ansicht nach sei es an der Zeit, „neu zu denken und internalisierten Rassismus zu erkennen und abzulegen.“ Eine andere Userin vertritt eine vergleichbare Meinung: „Die von Ihnen beschriebenen Lehrstunden sind schon eine Weile her. In einer Dogmatik, in der Rassismus keinen Platz hat, Gottesliebe für alle gelehrt wird, bedarf es kein Blackfacing, um das zu verdeutlichen.“

Gegenüber dem Portal katholisch.de hatte ein Sprecher der „Initiative Schwarze Menschen in Deutschland“ vor der Sternsingeraktion im vergangenen Jahr betont, dass eine Differenzierung zwischen „gutem“ Schminken bei den Sternsingern und „schlechtem“ beim „Blackfacing“ nicht möglich sei: „Es geht nicht um die Intention, sondern um die Wirkung solcher Darstellungen. Weiße Menschen schwarz anmalen ist eine rassistische, belastete Tradition.“ Auch der Diözesanverband Bamberg des Bundes der BDKJ hatte sich bereits 2021 gegen das Schminken ausgesprochen. „Es gibt gerade in den USA eine lange und unrühmliche Tradition des Blackfacing. Davon distanzieren wir uns ausdrücklich“, sagte die BDKJ-Diözesanvorsitzende Eva Russwurm.

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