Infektionen im November

Laut einer Studie sollen „Querdenken“-Demos 21.000 Corona-Infektionen verursacht haben

Teilnehmer einer Corona-Demo stehen dicht gedrägnt
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Die Corona-Demos der „Querdenken“-Bewegung sollen laut einer Studie einen massiven Anstieg der Neuinfektionen ausgelöst haben (Symbolbild)
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Laut einer Studie haben die Demonstrationen der Stuttgarter Initiative „Querdenken 711“ die Zahlen der Neuinfektionen im November massiv ansteigen lassen - die Bewegung sieht das nicht so.

Stuttgart/Mannheim/Berlin - Seit dem Beginn der Krise aufgrund des Coronavirus in Baden-Württemberg (BW24* berichtete) werden in ganz Deutschland Demonstrationen gegen die Maßnahmen zum Infektionsschutz* veranstaltet. Hinter vielen dieser Protestaktionen steht die Initiative „Querdenken 711“ um Gründer und Kopf Michael Ballweg.

Im vergangenen Jahr wurden die Proteste zunehmend von Rechtsextremisten unterwandert, was letztendlich dazu führte, das die Situation in Berlin komplett eskalierte. Doch auch in Baden-Württemberg waren bei den Demonstrationen immer radikalere Ansichten verbreitet worden. Beispielsweise verglich eine 11-Jährige ihre Situation im Lockdown mit der von Anne Frank* während der Zeit des Nationalsozialismus. Die Bewegung der Querdenker wird inzwischen sogar vom Verfassungsschutz beobachtet*.

Laut einer Studie aus dem baden-württembergischen Mannheim und der Bundeshauptstadt Berlin sind die Demonstrationen der Bewegung „Querdenken“ für den rasanten Anstieg der Infektionszahlen im November mit dem Coronavirus in Baden-Württemberg und ganz Deutschland verantwortlich, wie der Südwestrundfunk (SWR) berichtet. In einer eigenen Mitteilung an die Presse dementiert die Stuttgarter Initiative die Vorwürfe.

Querdenken: Studie zeigt Zusammenhang der Infektionszahlen im November mit Corona-Demos

Im November vergangenen Jahres stiegen die Infektionen mit dem Coronavirus in ganz Deutschland massiv an. Allein in Baden-Württemberg verzeichneten manche Landkreise stellenweise über 200 Neuinfektionen innerhalb von sieben Tagen pro 100.000 Einwohnern. Eine aktuelle Studie des Leibniz-Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung Mannheim (ZEW) und der Humboldt-Universität zu Berlin kam zu dem Ergebnis, dass das Infektionsgeschehen mit den Querdenken-Demonstrationen in Zusammenhang hing, wie der SWR berichtet.

Grundlage für die Studie waren Erhebungen in den Landkreisen, von denen zehntausende Teilnehmer zu den Querdenken-Protesten in Leipzig am 7. November 2020 und in Berlin am 18. November 2020 gekommen waren. Dabei wurden die Auswirkungen der Kundgebungen auf die 7-Tage-Inzidenz bis Ende Dezember vergangenen Jahres analysiert. Laut dem SWR nutzten die Autoren der Studie Informationen über das Angebot von Busreisen eines Netzwerks von Busunternehmen das sich seit Sommer 2020 auf die Beförderung von Demonstrierenden zu den „Querdenken“-Kundgebungen spezialisiert hat. Nach den Demonstrationen sei die 7-Tage-Inzidenz in den Landkreisen mit solchen Busverbindungen deutlich schneller angestiegen.

Der Studie zufolge hatten die beiden Querdenken-Kundgebungen in Leipzig und Berlin bis Weihnachten eine Erhöhung der Werte um 40 in den betroffenen Landkreisen zur Folge. „Die Studie zeigt, dass solche großen Demonstrationen, wo Leute sich teilweise nicht an den Infektionsschutz halten, als Superspreader-Event fungieren können“, sagte ZEW-Wissenschaftler und Co-Autor der Studie, Martin Lange, dem SWR. Die Forschenden schätzen aufgrund der erhobenen Daten, dass durch eine Absage der beiden Querdenken-Demonstrationen bis Weihnachten 16.000 bis sogar 21.000 Corona-Infektionen hätten verhindert werden können.

Querdenken: Stuttgarter Initiative wehrt sich gegen die Vorwürfe

In einer Mitteilung an die Presse dementiert die Stuttgarter Initiative „Querdenken 711“ und deren Gründer Michael Ballweg die Ergebnisse der genannten Studie. Die Studie sei eine „gezielte Kampagne zur Diffamierung der Querdenken-Bewegung“ heißt es dort. Die Erhebungen seien weder von Medizinern noch von Statistikern durchgeführt worden, noch sei eine Kooperation zwischen dem ZEW und der Humboldt-Universität ersichtlich. „Die beiden Verfasser der Studie haben mit medizinischen Sachverhalten so viel gemein wie ein Lockdown mit dem Grundgesetz: Nichts“, heißt es in der Pressemeldung der Initiative weiter. Dass der Lockdown und die Corona-Maßnahmen das Grundgesetz verletzen, ist ein oft genannter Vorwurf der Protestierenden an die Bundesregierung.

Beim Leibniz-Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) aus Mannheim handelt es sich um ein gemeinnütziges wirtschaftswissenschaftliches Forschungsinstitut. Es ist Mitglied der Leibniz-Gemeinschaft und wurde im Jahr 1990 auf Initiative der baden-württembergischen Landesregierung gegründet. Die Initiative Querdenken bezeichnet das Institut als „steuerfinanzierte Einrichtung, die zu großen Teilen von Staatsgeldern gefördert wird“. Laut der Stuttgarter Bewegung ließe das darauf schließen, dass es sich bei der Studie nicht um eine wissenschaftliche Ausarbeitung handele, sondern „um ein politisch beauftragtes Papier“. *BW24 ist Teil des Ippen-Digital-Netzwerks.

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