Protest in Stuttgart

Ich habe die „durchgedrehten“ Corona-Gegner nie verstanden - bis jetzt

Ein Mann trägt bei einem Protest einen Mundschutz mit der Aufschrift „Corona-Diktatur“
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Coronavirus: Tausende gehen auf die Straße, um gegen die Maßnahmen zu demonstrieren
  • Sabrina Hoffmann
    vonSabrina Hoffmann
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Tausende Menschen gehen in Deutschland auf die Straße, um gegen die Corona-Verordnung zu demonstrieren. Zeit für einen Brief an die wütenden Skeptiker.

Liebe Corona-Gegner,

ihr seid laut und ihr seid viele. Ihr geht auf die Straße, um gegen die Corona-Verordnung zu demonstrieren. Ihr schimpft im Internet über die Regierung, prangert an, dass eure Grundrechte verletzt würden. Ihr findet, dass alles sei maßlos übertrieben. Und ihr zweifelt an, ob das Coronavirus überhaupt so gefährlich ist, wie Experten sagen.

Ihr seid nicht alle Leugner oder Verschwörungstheoretiker. Aber ihr seid verdammt wütend. So wütend, dass ich mich manchmal frage, wo dieser Hass geschlummert hat. Ihr pöbelt Menschen mit anderer Meinung an, wünscht ihnen, sie sollen an ihrem „eingebildeten Corona verrecken.“ Einige von euch gehen sogar auf Polizisten und Journalisten los. So zornig seid ihr. Jetzt drehen sie völlig durch, heißt es in den Medien. Und auch ich hatte diesen Gedanken. Doch dann hat mich etwas zum Umdenken bewegt: Der Versuch, eure Sicht der Dinge zu sehen.

Ihr kommt mir manchmal vor wie Wesen von einem anderen Planeten. So fern und rätselhaft ist mir eure Weltsicht. Aber dann denke ich, dass ihr keine fremden Wesen seid, sondern Menschen. Menschen mit Sorgen, Ängsten und Wünschen. Und ich möchte versuchen, euch zu verstehen. Denn euer Verhalten kommt nicht aus dem Nirgendwo. Ihr habt Gründe, warum ihr jetzt so laut seid. Vielleicht hilft es ja, wenn wir einander zur Abwechslung einmal zuhören.

Liebe Corona-Demonstranten, ich verstehe eure Angst

Ich bin überrascht, dass sich einige Menschen aus meinem Bekanntenkreis den Corona-Gegnern angeschlossen haben. Plötzlich posten sie YouTube-Videos von HNO-Ärzten, die das Coronavirus für harmlos erklären. Schimpfen über Angela Merkel und das Robert-Koch-Institut. Ich weiß, dass diese Bekannten keine schlechten Menschen sind. Es gab Zeiten, da habe ich mit ihnen zusammen gelacht, gearbeitet, gelernt.

Einer dieser Bekannten ist selbstständig, leitet ein kleines Unternehmen. Wegen des Coronavirus fehlen ihm seit Wochen die Kunden - und die Einnahmen. Die Soforthilfe der Landesregierung reicht nicht einmal annähernd, um seine Verluste zu decken. Aus seinen wütenden Facebook-Botschaften lese ich nicht nur Ärger heraus, sondern auch tiefe Verzweiflung.

Dieser Mann fürchtet um seine Existenz. Er hat Angst davor, alles zu verlieren, was er sich aufgebaut hat. Ich weiß, dass er schon einmal einen schweren, gesundheitlichen Schicksalsschlag erlitten hat, nach dem er sein Leben neu ordnen musste. Und jetzt steht er vielleicht wieder vor Trümmern. Hinter Wut steht letztlich immer Angst. Angst davor, etwas zu verlieren. Davor, dass etwas Schlimmes passiert. Der Mensch hat nur zwei Möglichkeiten, darauf zu reagieren: Flucht oder Angriff. In der Wut zeigt die Angst nur ein anderes Gesicht.

Die Welt mit Corona ist nur schwer zu verstehen

Ich verstehe, dass es für viele von euch schwer ist, in Isolation zu leben. Ihr vermisst eure Familie, eure Freunde. Ich kann mir kaum vorstellen, wie hart die vergangenen Wochen für Alleinlebende waren. Den ganzen Tag alleine in der Wohnung. Ohne Kontakt zu anderen, ohne Wärme, Lachen, Freude. Vielleicht ist euch diese ganze Situation unheimlich. Vielleicht denkt ihr euch: Sowas passiert in einem Horrorfilm, aber doch nicht im echten Leben!

Ja, gerade wir Deutschen sollten Bauchschmerzen dabei haben, wenn die Politik Ausgangsbeschränkungen verhängt. Wenn das Innenministerium von Baden-Württemberg Bundeswehr-Soldaten anfordert, um die Einhaltung des Corona-Kontaktverbots zu überwachen. Ich gebe zu, da musste auch ich kurz schlucken. Es ist in der Geschichte schon Schreckliches passiert, wenn die Bevölkerung aufhörte, die Herrschenden zu hinterfragen. Aber es hat auch schon oft ein böses Ende genommen, wenn Populisten die Massen gegen das bestehende System aufgestachelt und einfache Lösungen versprochen haben.

Ich gebe euch recht - es ist wirklich schwer zu verstehen, was da gerade mit der Welt passiert. Ich verstehe aber auch vieles nicht, was gerade mit euch passiert. Vielleicht könnt ihr mir helfen, es nachzuvollziehen. Seht meine Fragen deshalb nicht als Vorwurf, sondern als echtes Interesse.

Fragen an die Corona-Gegner: Warum denkt ihr so?

Warum denkt ihr zum Beispiel, dass sich unsere Regierung gegen euch verschworen hat? Glaubt ihr wirklich, Angela Merkel und das Kabinett würden einfach so Milliarden von Euro zerstören? Völlig ohne Grund? Habt ihr nicht früher immer gewarnt, unsere Politiker seien von Konzernen und Lobbyisten gesteuert? Man kann sich vorstellen, welchen Druck genau diese Wirtschaftslobby gerade auf die Bundesregierung macht.

Warum glaubt ihr, dass alle da draußen - die Regierung, die Medien, die Wissenschaftler - euch etwas Schlechtes wollen? Was habt ihr persönlich erlebt, das euch zu dieser schmerzhaften Einsicht geführt hat? Es muss furchtbar sein, mit diesem Gefühl zu leben.

Länder auf der ganzen Welt sehen Deutschland als Musterbeispiel für den richtigen Umgang mit dem Coronavirus. Und Angela Merkel als führendes Staatsoberhaupt im Kampf gegen Covid-19. Ihr dagegen glaubt, dass unsere Regierung versagt hat. Warum? Deutschland hat verhältnismäßig wenig Todesfälle zu beklagen und bekam die Ausbreitung von Covid-19 schnell unter Kontrolle. Deshalb sagt ihr nun, die Pandemie sei hier harmlos verlaufen. Kann es nicht sein, dass es ohne die strengen Regeln ganz anders gekommen wäre?

Ihr seid skeptisch gegenüber von der Bundesregierung berufenen Virologen wie Christian Drosten und dem Robert-Koch-Institut. Nur weil jemand mit einem akademischen Titel etwas sagt, muss das noch lange nicht stimmen, sagt ihr. Ihr wollt selbst denken, statt leichtgläubig zu sein. Gut, das kann ich verstehen. Das ist sogar löblich.

Aber warum glaubt ihr dann Medizinern aus völlig fremden Fachgebieten, die ihre Meinung bei YouTube kundtun? Wenn ihr Links zu Internetportalen teilt, habt ihr dann geprüft, wer der Verfasser dieser Texte ist? Hand aufs Herz: Wendet ihr bei Artikeln, die auf eure Meinung einzahlen, die gleiche Skepsis an wie bei den Experten der Bundesregierung?

Liebe Corona-Gegner, was würdet ihr tun, wenn ihr für 80 Millionen Menschen verantwortlich wärt?

Was hättet ihr getan, wenn ihr als Staatschef die Verantwortung für 80 Millionen Menschen tragen würdet und sich eine neuartige Krankheit auf der Welt ausbreiten würdet? Hättet ihr abgewartet, wenn erst Hunderte, dann Tausende Infektionen am Tag gemeldet würden? Wenn Menschen sterben? Fühlt ihr euch jetzt nach ein paar Wochen Internet-Recherche wirklich in der Lage, die globale Sicherheitslage einzuschätzen? Könnt ihr mit Sicherheit sagen, dass das Coronavirus keine Bedrohung ist?

Liebe Corona-Gegner, wir haben etwas gemeinsam. Auch ich habe Angst, wie ihr. Ich habe zum Beispiel Angst, dass sich das Coronavirus so weit ausbreitet, dass sich meine 80-jährigen Eltern nicht davor schützen können - und dass mir Covid-19 die letzten Jahre rauben könnte, die mir noch mit ihnen bleiben. Auch ich wünsche mir, dass es bald wieder möglich ist, im Biergarten in der Sonne Hefeweizen zu trinken, im Urlaub die Zehen in den Sand zu bohren, morgens zur Arbeit zu fahren wie an jedem ganz normalen Tag. Wir sind gar nicht so verschieden, ihr und ich.

Vielleicht schreibt mir ja einer von euch einen Brief zurück. Ich würde mich freuen.

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