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In manchen Pflegeheimen ist bislang kaum ein Bewohner geboostert - „Kein Erfolg, sondern fahrlässig“

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Coronavirus - Impfungen in Altenheim
Die Booster-Quote in den Pflegeheimen in Baden-Württemberg ist erschreckend niedrig (Symbolbild). © Sebastian Gollnow/dpa

Immer wieder mussten Menschen bei Corona-Ausbrüchen in Pflegeheimen sterben. Trotzdem gibt es immer noch Heime im Südwesten, in denen kaum ein Bewohner bislang eine Boosterimpfung erhalten hat.

Stuttgart (dpa/lsw) - Auch nach mehreren tödlichen Corona-Ausbrüchen in Pflegeheimen ist die Booster-Quote in manchen Einrichtungen im Land erschreckend niedrig. So gab es vor Kurzem noch Heime in Baden-Württemberg, wo nicht einmal jeder zehnte Bewohner eine Auffrischungsimpfung erhalten hat, wie eine Antwort des Gesundheitsministeriums auf eine Anfrage der SPD ergab, die der Deutschen Presse-Agentur vorliegt. Die landesweite Boosterquote lag zuletzt (Stand 25.1.) im Durchschnitt für Bewohner bei 77,5 Prozent und für Beschäftigte bei 51,4 Prozent.

Die Sozialdemokraten haben sich bei Gesundheitsminister Manne Lucha (Grüne) nach dem Status der Impfungen in den Heimen in den einzelnen Stadt- und Landkreisen erkundigt - und Mitte Februar Antwort für 33 Stadt- und Landkreise erhalten. Ergebnis: In den meisten Kreisen lag die Booster-Quote der Heimbewohner zum Zeitpunkt der Erhebung noch unter 80 Prozent. Im Kreis Ravensburg, dem Wahlkreis von Lucha, war sie mit 68 Prozent besonders niedrig, im Kreis Konstanz lag sie gar nur bei 67 Prozent.

„Unverantwortlich“: Jeder vierte in Pflegeheimen nicht geboostert

In einzelnen Heimen sieht die Lage sogar noch weit düsterer aus, wie die Antwort des Ministeriums ergab. Denn für jeden Stadt- und Landkreis wurden auch die fünf Pflegeheime mit den jeweils niedrigsten Quoten für die Auffrischungsimpfung erfragt. In Ravensburg gibt es demnach ein Heim, in dem nur 11 Prozent der Bewohner einen Booster erhalten haben. Im Kreis Karlsruhe liegt das schlechteste Heim nur bei 7,7 Prozent, im Ortenaukreis und im Kreis Esslingen gibt es dem Ministerium zufolge sogar Heime, in denen kein einziger Bewohner geboostert ist. In Stuttgart führt die Negativliste ein Heim an, in dem nur 12,5 Prozent der Bewohner einen Booster erhalten haben.

«Dass immer noch durchschnittlich jeder vierte in Pflegeheimen Wohnende nicht geboostert ist, ist kein Erfolg, sondern fahrlässig», sagte SPD-Fraktionschef Andreas Stoch. Es gehe in Pflegeheimen um das Überleben vulnerabler Gruppen. «Weitere Corona-Tote in den Heimen darf es angesichts der mittlerweile verfügbaren Schutzmaßnahmen nicht mehr geben. Es ist unverantwortlich, wenn Menschen sterben müssen, weil das Land nicht alles für deren Schutz getan hat.»

Unter den Beschäftigten ist die Booster-Quote im Schnitt noch deutlich niedriger als unter den Bewohnern der Heime - und das trotz anstehender Impfpflicht für diese Berufsgruppe. Nur jeder zweite Pflegebeschäftigte in Baden-Württemberg (51,4 Prozent) hat nach aktuellsten Daten seine Auffrischungsimpfung erhalten. Besonders niedrig ist die Boosterquote unter den Pflege-Beschäftigten in den Heimen im Kreis Reutlingen mit 39 Prozent, in den Heilbronner Heimen liegt sie bei 41,4 Prozent. In der Branche greift bald die sogenannte einrichtungsbezogene Impfpflicht. Ungeimpfte Mitarbeiter etwa von Kliniken und Pflegeheimen müssen sich vor ihrem Inkrafttreten am 16. März immunisieren lassen, um weiter arbeiten zu dürfen.

Kritik für Gesundheitsminister Manfred Lucha

SPD-Gesundheitsexperte Florian Wahl forderte Lucha auf, in den Pflegeheimen mehr für die Impfung zu werben. «Das reine Impfangebot von außen reicht nicht aus, um die noch zweifelnden Bewohnerinnen und Bewohner, ihre Angehörigen und gesetzlichen Beistände sowie die noch nicht geimpften Beschäftigten zum Impfen zu bewegen.» Das gelte erst recht, wenn die Heimleitung auch nicht vom Impfen überzeugt sei. Auch sei nicht erkennbar, was die Landesregierung gegen die niedrige Impfquote unter den Pflegebeschäftigten tun will. «Wenn Minister Lucha lediglich mit den Verbandsleitungen spricht, mit denen ohnehin ein Konsens zum Impfen besteht, hilft das wenig.» Es müsse direkt bei den Beschäftigten in der Pflege für das Impfen geworben werden.

Luchas Ministerium weist die Kritik von sich. Das Land habe ausreichende Impfangebote bereitgestellt und unablässig für das Impfen geworben. «Mehr kann das Land weder praktisch noch rechtlich unternehmen», betonte ein Sprecher. Die Gründe für die schlechten Quoten unter den Bewohnern seien vielfältig - neben Impfskepsis könnten akute Krankenhausaufenthalte oder Impfdurchbrüche einer Impfung im Weg stehen. Besonders bei neu aufgenommenen Bewohnerinnen und Bewohnern müsse noch die Grundimmunisierung abgeschlossen werden, weshalb eine Auffrischimpfung noch nicht in Frage komme. Auch werde berichtet, dass Bewohnerinnen und Bewohner oder deren Betreuer nach der Grundimmunisierung weitere Impfungen ablehnten.

In einem Pflegeheim in Rastatt sind zum Jahreswechsel 15 Menschen an oder mit Corona gestorben. Die Staatsanwaltschaft Baden-Baden ermittelt unter anderem wegen fahrlässiger Tötung. Das Landratsamt ist der Ansicht, dass sich das Coronavirus im Pflegeheim ausbreiten konnte, weil Hygieneregeln und Hygienestandards nicht eingehalten worden seien. Der Betreiber verwahrt sich gegen «pauschale öffentliche Vorwürfe» durch die Behörden - und wies darauf hin, dass trotz Impfkampagne von den gestorbenen Bewohnern sehr wenige zweimal geimpft gewesen seien und niemand geboostert.

Auch wenn der Höhepunkt der Omikron-Welle überschritten sei, könne für die Zukunft leider nicht ausgeschlossen werden, «dass es wieder zu Todesfällen in Einrichtungen kommt», sagte der Sprecher des Ministeriums. Am Ende helfe nur eine hohe Impfquote. Deshalb werde die einrichtungsbezogene Impfpflicht gerade sehr engagiert umgesetzt.

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