Endemische Phase

Tübinger Pathologe Bösmüller: Baldiges Ende der Corona-Pandemie in Sicht

Hans Bösmüller
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Pathologe Hans Bösmüller kann sich gut vorstellen, dass die Pandemie bereits in vier Wochen in eine endemische Phase übergeht.

Ist die Ausbreitung des Coronavirus unter Kontrolle? Geht die Pandemie zu Ende? Ein Tübinger Wissenschaftler erwartet, dass die Chancen dafür gut stehen.

Tübingen (dpa/lsw) - Der Tübinger Pathologe Hans Bösmüller setzt darauf, dass die Pandemie-Dauerschleife in vier Wochen in eine endemische Phase von Corona übergehen könnte. Das bedeutet, dass das Virus dauerhaft in der Bevölkerung präsent ist. «Corona wird bleiben, die Varianten werden bleiben. Man wird mit harmloseren Varianten wie Omikron rechnen müssen, aber auch mit aggressiveren mit schwerwiegenden Verläufen», sagte der Oberarzt der Pathologie an der Universitätsklinik in Tübingen.

Eine Endemie ist laut Robert Koch-Institut eine in einer Gegend auftretende Krankheit, von der ein größerer Teil der Bevölkerung regelmäßig erfasst wird - wie etwa die Grippe. Das Immunsystem wird dann nicht mehr mit einem neuartigen Erreger konfrontiert, sondern ist durch frühere Infektion oder durch Impfung gewappnet.

Bösmüller war Ende Februar 2020 einer der ersten in Baden-Württemberg, die positiv auf das Coronavirus getestet wurden. Erwischt hatte es ihn über seine Tochter, die mit einem Bekannten aus Göppingen in Mailand war. Alle drei sind heute wohlauf und haben nicht mit Langzeitfolgen zu kämpfen.

Corona-Lockerungen in europäischen Nachbarstaaten wie etwa Dänemark und Norwegen beobachte er mit Interesse, sagte Bösmüller. «Wir können froh sein, dass wir Nachbarn haben, die neue Wege gehen. Man muss ja nicht als allererster an die Front.»

Deswegen könne er auch die vorsichtige Haltung von Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) verstehen, der noch keinen Ausstieg aus den Corona-Beschränkungen sieht. Für eine Rückkehr in einen Normalzustand ohne Regeln ist die Impflücke nach Ansicht von Kretschmann deutlich zu groß. «Ein Ministerpräsident eines Bundeslandes muss mehrere Bereiche im Blick haben, anders als ein Mediziner», sagte Pathologe Bösmüller. «Er muss an Schulen, Krankenhäuser, Krankenstände und die Beschaffungslage denken. All das, was eine Gesellschaft lähmen könnte.»

Dass der wirtschaftspolitische Sprecher der CDU im Landtag, Winfried Mack, eine baldige Abkehr von den Corona-Verordnungen fordert, wundert Bösmüller nicht. «Als Autofahrer fährt man in der Stadt den ersten, zweiten oder dritten Gang. Dieses Gleichnis kann man auf die Corona-Maßnahmen anwenden. Die Wirtschaft will den dritten Gang. Kretschmann schaltet gerade in den zweiten.»

Die Immunkompetenz - also die wirksame Immunabwehr bei einem intakten Immunsystem - sei in Norwegen oder Dänemark höher als in Deutschland, sagte Bösmüller. Deswegen könnten diese Länder lockern. «Aus deren Fehlern – oder Erfolgen - werden wir lernen. Ich finde das Experiment interessant.»

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