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Neue Methode: Blinde Frauen ertasten in Friedrichshafen kleinste Tumore in der Brust

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Von: Julia Hawener

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Blinde Spezialistin ertastet Tumore in der Brust
Ein angebrachter Klebestreifen hilft den blinden Tastspezialistinnen dabei, dass sie sich besser orientieren können und keine Stelle auslassen. © dpa/Kristin Schmidt

Im Klinikum Friedrichshafen wird derzeit eine besondere Untersuchung für Brustkrebsfrüherkennung  getestet. Dabei kommt der präzise Tastsinn von blinden Frauen zum Einsatz.

Friedrichshafen – Brustkrebs ist noch immer die mit Abstand häufigste Krebserkrankung der Frau. So erkrankt laut der Deutschen Krebsgesellschaft jede achte Frau im Laufe ihres Lebens daran. Je früher die Wucherungen erkannt werden, desto schonender sei meist die Behandlung und umso größer die Heilungschance. Genau aus diesem Grund gibt es gesetzliche Früherkennungsprogramme wie eine Tastuntersuchung durch den Gynäkologen und das Mammographie-Screening. Am Klinikum Friedrichshafen in Baden-Württemberg wird laut dem SWR derzeit eine andere, weniger verbreitete Vorsorgemethode getestet, bei der sehbehinderte Frauen Auffälligkeiten in der Brust ertasten. Das ganze ist unter dem Namen Taktilographie bekannt.

Taktilographie in Friedrichshafen – Blinde ertasten Brustkrebs

Das Risiko an Brustkrebs zu erkranken, steigt mit dem Alter. Deshalb haben Frauen zwischen 50 und 69 Jahren alle zwei Jahre die Möglichkeit, bei sich eine Röntgenuntersuchung durchführen zu lassen, ein sogenanntes Mammographie-Screening. Zudem können sie beim Frauenarzt jedes Jahr die Brust anschauen und abtasten lassen. Die Kosten einer solchen Tastuntersuchung übernehmen die Krankenkassen auch schon bei Frauen ab 30 Jahren. Im Normalfall haben Ärzte jedoch nur einige Minuten Zeit dafür. Anders ist es bei der medizinisch-taktilen Untersuchung durch sehbehinderte Frauen. Bis zu einer Stunde dauert laut der Organisation „discovering hands“ dort das systematische Abtasten der Brust. Und die Frauen bringen nicht nur mehr Zeit, sondern vor allem mehr Fingerspitzengefühl mit.

Der Ausfall eines Sinnes bei Menschen wird durch einen anderen Sinn teilweise kompensiert. So können etwa Blinde deutlich besser Dinge ertasten. Das haben zwei Studien bereits vor mehr als zehn Jahren belegt. Das kann auch Daniela Mettvett bestätigen. Sie ist hochgradig sehbehindert und eine von zwei Tastspezialistinnen, die derzeit probeweise in Friedrichshafen im Klinikum arbeiten. „Wir tasten durch drei verschiedene Gewebe hindurch, bis zum Brustkorb, wenn natürlich dort ein kleiner Befund sitzt, kann das weder die Patientin noch der Gynäkologe ertasten“, erklärt die Medizinisch-Taktile-Untersucherin (MTU) gegenüber dem SWR.

Sehbehinderte Frauen ertasten Brustkrebs in Friedrichshafen: vorerst nur temporär

Doch nur weil sie einen besseren Tastsinn haben, können nicht alle Blinden automatisch Brustkrebs erkennen. Daniela Mettvett und ihre Kollegin, Pia Hemmerling, wurden mehrere Monate unter ärztlicher Aufsicht ausgebildet. Hinter dieser Ausbildung steckt das Inklusions- und Sozialunternehmen „discovering hands“. Dort lernen die blinden Frauen unter anderen, wie sie eine Anamnese durchführen und keinen Fleck auf der Brust auslassen. Dabei orientieren sich die MTU an mehreren Klebestreifen, die während der Untersuchung angebracht werden. Laut der Organisation dauert das Abtasten etwa 30 bis 60 Minuten. Dabei werden auch die Lymphknoten untersucht. Einige gesetzliche sowie private Krankenkassen übernehmen die Kosten dafür. Falls nicht, muss man um die 60 Euro selbst zahlen.

In Friedrichshafen im Klinikum ist die Taktilographie der MTUs im Moment nur ein vorübergehendes Angebot, wie der SWR berichtet. Während der Testphase dürfen es erstmal nur etwa 140 Mitarbeiterinnen von Rolls-Royce Power Systems mit Sitz in Friedrichshafen ausprobieren. Man hoffe jedoch, dass ab kommenden Jahr eine Tastspezialistin fest am Klinikum arbeiten wird.

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