Von 1950 bis heute

92 Missbrauchsfälle in evangelischer Kirche bekannt - „In meiner Amtszeit hat es alle zwei Jahre einen Fall gegeben“

Landesbischof Jochen Cornelius-Bundschuh
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Jochen Cornelius-Bundschuh, evangelischer Landesbischof von Baden veröffentlichte die Zahlen aus der Landeskirche (Symbolbild).

Der evangelischen Landeskirche in Baden sind inzwischen 92 Fälle sexualisierter Gewalt bekannt, wie Landesbischof Jochen Cornelius-Bundschuh mitteilte.

Karlsruhe (dpa/lsw) - Der evangelischen Landeskirche in Baden sind inzwischen 92 Fälle sexualisierter Gewalt aus den eigenen Reihen und der Diakonie bekannt. Täter beziehungsweise tatverdächtig seien ausschließlich Männer, sagte Landesbischof Jochen Cornelius-Bundschuh am Montagabend in Karlsruhe. Die Fälle reichten vor allem ab den 1950er Jahren bis in die heutige Zeit. «In meiner Amtszeit hat es alle zwei Jahre einen Fall gegeben.» Einige Beschuldigte seien schon tot. «Im Dienst ist niemand mehr», sagte Cornelius-Bundschuh.

Die evangelische Kirche ist bei dem Thema Missbrauch noch nicht so weit wie die katholische. Eine Studie zur Aufarbeitung soll erst 2023 vorliegen. Mit den evangelischen Kirchen in Württemberg, Bayern und der Pfalz wollen die Badener eine gemeinsame Aufarbeitungskommission mit Experten, Expertinnen und Betroffenen gründen.

Betroffene können Anerkennung als Opfer sexualisierter Gewalt beantragen

Betroffene können bei einer Unabhängigen Kommission von Landeskirche und Diakonischem Werk die Anerkennung als Opfer sexualisierter Gewalt beantragen. Davon haben laut Cornelius-Bundschuh 56 Menschen Gebrauch gemacht. Alle Anträge seien bewilligt worden. Die Höhe der Geldzahlungen richte sich nach dem jeweiligen Bedarf.

«Wir tun alles dafür, das es nicht passiert», sagte der 64-Jährige. In einem Anfang März unter anderem an alle Kirchengemeinderäte und Mitarbeitende der Landeskirche versandten Brief schreibt er: «Es ist erschütternd, dass Menschen in unserer Kirche sexualisierte Gewalt erfahren haben.» Es sei «beschämend», wie vor Ort manchmal weggeschaut wurde, wie Verantwortliche Schilderungen heruntergespielt oder gar bezweifelt hätten und wie Täter gedeckt wurden, um die Institution Kirche «aus der Schusslinie zu halten».

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