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Nach TV-Recherche über Tierquälerei: Metzgerei in Backnang schließt Schlachtbetrieb

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Von: Sina Alonso Garcia

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Schlachthof Kühnle
Im Rems-Murr-Kreis und Kreis Ludwigsburg ist die Metzgerei Kühnle weitbekannt. Welche schrecklichen Szenen sich hinter den Kulissen abspielen, wusste bis vor Kurzem wohl niemand. © Report Mainz/SOKO Tierschutz

Es sind Video-Aufnahmen, die einen sprachlos und verstört zurücklassen: Die SOKO Tierschutz hat brutale Szenen von Tierquälerei in einem Schlachthof in Backnang dokumentiert. Nun ist der Schlachthof geschlossen, die Metzgerei aber weiter geöffnet.

Backnang - „Totalversagen“: So bezeichnet die SOKO Tierschutz treffend das Vorgehen im Schlachthof der Metzgerei Kühnle in Backnang (Rems-Murr-Kreis), unweit von Stuttgart. Das beweislastige Video-Material, das kürzlich im ARD Politmagazin Report Mainz gezeigt wurde, ist so brutal, dass es beim Betrachten Brechreiz verursacht. Die Aufnahmen zeigen Kühe, die auf engstem Raum in ihrem eigenen Kot liegen oder die bei vollem Bewusstsein mit Stromschlägen betäubt werden. Rinder und Schweine kämpfen minutenlange Todeskämpfe, müssen unsägliche Schmerzen erleiden.

Wie die ARD berichtet, hatten die Tierschützer von Mai bis Juli 2022 an acht Schlachttagen Kameras im Regionalschlachthof Kühnle installiert. Zu sehen ist zunächst die Betäubung der Tiere. Liefe es korrekt, wären die Tiere nach dem aufgesetzten Bolzenschuss tiefenbetäubt. In diesem Betrieb jedoch brechen sie in den dokumentierten Fällen zunächst zusammen und zeigen nach wenigen Sekunden heftige Abwehrreaktionen. „Manche Schlachtungen gleichen regelrecht einer Schächtung“, heißt es in dem Bericht der SOKO Tierschutz.

Schlachthof Kühnle in Backnang: Mitarbeiter verpassten den Tieren bis zu 200 Elektroschocks hintereinander

Laut der Tierschützer stachen die Mitarbeiter des Schlachthofs bis zu 200 mal hintereinander mit einem Elektroschocker auf die Tiere ein. Dabei sei auch auf Genitalien und Euter gezielt worden. Die Video-Aufnahmen zeigen zudem Tiere, die mit Zentimeter dicker Fäkalschicht überzogen sind und trotzdem zerlegt werden.

Nach dem Setzen von Elektroschocks bei vollem Bewusstsein werden die Tiere an einer Kette hochgezogen und hängen mit dem Kopf nach unten. Per Gesetz wäre vorgeschrieben, jetzt schnell die Hauptblutgefäße zu öffnen, damit eine rasche Entblutung folgen kann. Doch die Realität im Backnanger Schlachthof ist eine andere: Die Schlachter treffen die Hauptschlagader der Rinder nicht richtig. Diese sterben in Folge durch einen viel zu langen Kampf einen schmerzvollen Tod.

Hinter dem Betrieb lagerten hunderte Schuss Munition, Elektroschocker und Bolzenschussgeräte in einem unverschlossenen Schuppen. „Das ist brandgefährlich für spielende Kinder und rundet das schaurige Bild eines weiteren Schlachthofes außer Kontrolle ab“, sagt SOKO-Sprecher Friedrich Mülln. Dass der Schlachthof inzwischen geschlossen habe, sei nur ein Selbstschutz: „Mit der eiligen Selbstschließung des Betriebs durch den Eigentümer versucht man nun zu verhindern, dass die Behörden den Schlachthof endgültig dicht machen“, vermutet Mülln. Das Veterinäramt habe von vielen Problemen gewusst und habe lange zugesehen. Tatsächlich habe der amtliche Veterinär sogar mitgemacht und ein Rind illegal mit Stromschlägen gequält.

SOKO Tierschutz

Die SOKO Tierschutz ist ein 2012 gegründeter, gemeinnütziger Verein, der sich für Tierrechte einsetzt. Er finanziert sich über Mitgliedsbeiträge und Spenden. Der Verein betreibt unter anderem verdeckte Ermittlungen an Orten, wo Tieren mutmaßlich Leid zugefügt wird, informiert die Medien und stellt gegebenenfalls Strafanzeige. Weitere Infos unter soko-tierschutz.org.

Aufgrund der schwerwiegenden Beweislast hat die SOKO Tierschutz Strafanzeige gegen Kühnle gestellt. Es ist bereits der 13. durch die Organisation gezwungene Schlachthof in den vergangenen vier Jahren. Darunter waren auch einige Fälle aus Baden-Württemberg: Erschreckende Zustände zeigten sich etwa in Schlachthöfen in Tauberbischofsheim, Biberach und Gärtringen.

Metzgerei Kühnle: Die 16 Filialen im Rems-Murr-Kreis und Kreis Ludwigsburg bleiben geöffnet

Kühnle beschäftigt 140 Mitarbeiter und ist mit 16 Filialen im Rems-Murr-Kreis sowie im Kreis Ludwigsburg regional bekannt. Wie die Stuttgarter Zeitung berichtet, haben die Tierschützer Geschäftsführer Fritz-Ulrich Kühnle in der vergangenen Woche mit den Video-Aufnahmen konfrontiert. Noch am selben Tag sei die Entscheidung gefallen, die Arbeit im Schlachtbetrieb auszusetzen und die in dem Video gezeigten Mitarbeiter frei zu stellen.

In einer Mitteilung schreibt Kühnle: „Als Familienunternehmen in vierter Generation war und ist unser Anspruch, nur Produkte von höchster Qualität anzubieten. Hierfür stehen wir ein. Genauso stehen wir für mögliche Fehler ein und werden alle notwendigen Maßnahmen ergreifen, um solche für die Zukunft mit Sicherheit auszuschließen.“ Kühnle verspricht, die Arbeitsprozesse im Schlachtbetrieb zu verbessern und Mitarbeiter noch intensiver zu schulen. „Die Optimierung von baulichen Gegebenheiten wurde in Teilen bereits vorgenommen und in Teilen beauftragt.“ Die 16 Filialen der Metzgerei bleiben geöffnet, auch die Produktion von Wurstwaren läuft uneingeschränkt weiter.

Skandal im Schlachthof Kühnle: Veterinär beteiligte sich an unrechtmäßigen Schlachtungen

Der Bundesvorsitzende der Bundearbeitsgemeinschaft Fleischhygiene, Tierschutz und Verbraucherschutz, Kai Braunmiller, stellt in einem Gutachten der Video-Aufnahmen fest: „Das ist das Zufügen von länger anhaltenden erheblichen Schmerzen und Leiden, die unnötig sind. Das ist für mich ein Strafbestand, weil keiner hier ein Interesse zeigt, die Reflexe zu kontrollieren.“ Völlig inakzeptabel ist für ihn auch die Tatsache, dass ein amtlicher Veterinär, der auf den Aufnahmen deutlich zu erkennen ist, an den unrechtmäßigen Schlachtungen beteiligt war. „Das darf so nicht passieren und muss eigentlich von Seiten des Veterinäramtes auch Konsequenzen haben“, so Braunmiller. „So einen Mitarbeiter könnte ich bei mir nicht weiterbeschäftigen.“

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